Wenn die Sirene wieder heult

Stuttgart/Rastatt (vn) – Ein bundesweiter Probealarm am 10. September soll die Bevölkerung sensibilisieren. Das „akustische Wecken“ beginnt pünktlich um 11 Uhr.

Früher standen sie in jedem Dorf auf einem Dach, heute sieht man sie nicht mehr so oft: Sirenen.Foto: Martin Gerten/dpa/Archiv

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Früher standen sie in jedem Dorf auf einem Dach, heute sieht man sie nicht mehr so oft: Sirenen.Foto: Martin Gerten/dpa/Archiv

Sturmläuten nannte man es im Mittelalter, wenn Kirchenglocken vor Bränden, Überschwemmungen, Unwettern oder Angriffen warnten. Heute heißen die Alarmierungsmedien „Nina“, „Biwapp“ oder „Katwarn“ und melden sich mit einem Signal auf dem Smartphone. Das klingt modern – doch reicht das im Katastrophenfall aus?
Kommunen und Behörden in Baden-Württemberg haben damit begonnen, die Bevölkerung mit Pressetexten auf den ersten bundesweiten Warntag seit der Wiedervereinigung hinzuweisen. Der 10. September soll unter dem Motto: „Wir warnen Deutschland“ genutzt werden, die Bandbreite der Warnmöglichkeiten im Zivil- und Katastrophenschutz flächendeckend zu testen und zu verbessern. Zudem soll das Thema wieder ins Bewusstsein der Menschen gerückt werden.

„In Notlagen besser schützen“

„Die Corona-Pandemie führt uns aktuell immer wieder vor Augen, wie wichtig die schnelle und verlässliche Information aller Bürgerinnen und Bürger ist“, sagte der Innenminister von Rheinland-Pfalz, Roger Lewentz (SPD), gestern in Mainz. „Nur wer rechtzeitig von einer Gefahr weiß, kann sich in Notlagen besser schützen.“ Die obersten Katastrophenschutzbehörden aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wollen den bundesweiten Warntag am kommenden Donnerstag in Ludwigshafen und Mannheim verfolgen.

„Akustisches Wecken“ aus dem Alltag nennen die Fachleute das, was pünktlich um 11 Uhr passieren wird. Probeweise wird das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) eine Warnmeldung herausgegeben – auf den Warn-Apps, im Radio, im Fernsehen, via Internet, über digitale Stadtwerbetafeln, Fahrgastinformationssysteme und Lautsprecherdurchsagen.

„Eine amtliche Warnung besteht aus zwei Phasen: dem Wecken und dem Informieren“, erläutert das Landratsamt Rastatt in einem Pressetext. „Wecken erfolgt durch ein akustisches Signal, sich daran anschließende Informationen sagen dem Empfänger, wovor er gewarnt wird und wie er sich verhalten kann.“ Die Menschen sollen nicht in Panik geraten, sondern genau wissen, wie die nächsten Schritte aussehen müssen – denn im Ernstfall kommt es unter Umständen auf jede Sekunde an. „Mit der Warnmeldung erhalten die Empfänger in der Regel Empfehlungen, was sie zu ihrem Schutz tun können oder wo weitere Informationen zu erhalten sind.“

Leitstelle lässt Bürger hellhörig werden

Bundesweit wird auch wieder ein Medium ertönen, dessen Lautstärke man im Gegensatz zu Smartphone-Tönen ganz sicher nicht überhört: die Sirene. So wird beispielsweise die Integrierte Leitstelle Mittelbaden (ILS) dafür sorgen, dass ein einminütiger, auf- und abschwellender Heulton die Bürger im Landkreis Rastatt und im Stadtkreis Baden-Baden hellhörig macht.

Grundsätzlich kann jede Kommune selbst entscheiden, mit welchen Mitteln sie ihrer Warnpflicht nachkommt. Allerdings betreibt nach Auskunft von Pressesprecherin Gisela Merklinger im Landkreis Rastatt die Mehrheit der Kommunen immer noch – oder wieder – Sirenen.

Das ist bemerkenswert, weil nach Ende des Kalten Krieges in den 90er Jahren das Sirenennetz in Deutschland aus Kostengründen erheblich ausgedünnt wurde.

In der Murgtalstadt Gernsbach erfolgen örtliche Warnungen der Freiwilligen Feuerwehr beispielsweise je nach Ernst der Lage über die an einigen Fahrzeugen vorhandenen Außenlautsprecher. „Im Ernstfall“, so die städtische Pressestelle in ihrer Ankündigung des Warntags, setze man auf die Presse sowie auf die eigene Homepage, Facebook und Instagram.

Achillesferse Stromversorgung

Für Kreisbrandmeister Heiko Schäfer ist die App „Nina“ das „favorisierte Ausgabemedium“ für amtliche Warnungen. Er empfiehlt, zusätzlich regional begrenzbare Warn-Apps wie „Biwapp“ herunterzuladen, zumal diese zwischenzeitlich mit „Nina“ vernetzt sei.

Alles super – wenn es Strom gibt. Fällt dieser im Katastrophenfall über Tage oder gar Wochen aus, ändern sich die Parameter. Der österreichische Schriftsteller Marc Elsberg hat ein solches Szenario schon 2012 in seinem Thriller „Blackout“ für Deutschland ausgeleuchtet. Seine – wissenschaftlich untermauerte – Prognose: In wenigen Tagen würde Anarchie herrschen.

Ihr Autor

Volker Neuwald

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Erstellt:
4. September 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 46sec

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