Wenn die Straße zu langsam wird

Gernsbach (stj) – Die Motorradfahrerin Franziska Dehn aus Gernsbach startet bei der Rennserie German Moto Masters in der 600er Klasse.

„Lang gezogene Kurven, die verdammt schnell sind: Das ist genau mein Ding“, sagt Franziska Dehn, die mit ihrer Yamaha R6 Rennen fährt. Foto: Racepixx

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„Lang gezogene Kurven, die verdammt schnell sind: Das ist genau mein Ding“, sagt Franziska Dehn, die mit ihrer Yamaha R6 Rennen fährt. Foto: Racepixx

2019 hat es Klick gemacht. Seither gibt Franziska Dehn so richtig Gas. Die 32-Jährige aus Scheuern hat sich nach einem ersten Gaststart beim German Moto Masters auf dem Slovakiaring durch gute Rundenzeiten für mehr empfohlen. Dieses Jahr fährt sie ihre erste richtige Saison bei der sechs Läufe umfassenden Rennserie, die neben der Slowakei auf dem Lausitzring (Brandenburg) und in Oschersleben (Sachsen-Anhalt) sowie in Most (Tschechien) Station macht.

„Ich war schon immer ein bisschen verrückt“, gibt die Vollgas-Murgtälerin zu. 2011 hat sie ihren Motorradführerschein gemacht und sich auf den Strecken im Schwarzwald warm gefahren. Auf der Schwarzenbach-Talsperre hat sie irgendwann ein paar Jungs kennengelernt, die Rennen gefahren sind. Richtig gereizt habe sie das zunächst nicht, wie die sympathische junge Frau im BT-Gespräch verrät. Als sie ihren damaligen Freund schließlich zu einem Rennen begleitete, sei das Feuer in ihr entfacht worden. Ihre Eltern schenkten „Franzi“ 2015 ein Einsteigertraining und erfüllten ihrer Tochter so den gereiften Wunsch, von der Straße auf die Rennstrecke zu wechseln.

Inzwischen fährt Dehn gar nicht mehr auf der Straße: „Zu langweilig, zu langsam“, schmunzelt sie: Wer es so schnell mag wie die Gernsbacherin, der sei auf der Rennstrecke eh besser aufgehoben, auch aus Sicherheitsgründen – dort gibt es Auslaufzonen, keine Hindernisse an der Strecke und ein Notarzt ist immer vor Ort. Ihr Motorrad, das bei einer Werkstatt in Bühl steht, ist ohnehin nicht mehr für den Straßenverkehr geeignet. Denn wer Rennen fährt, der muss an seiner Maschine alles abbauen, was abfliegen kann: etwa Lichter und Spiegel. „Das ist etwas ganz Anderes, ich sehe zum Beispiel nicht, was hinter mir ist“, erklärt die 32-Jährige. Ihre Yamaha R 6, die sie seit fünf Jahren fährt, bringt es auf bis zu 265 km/h Topspeed. Das Motorrad wird auf der Rennstrecke wegen der hohen Drehzahlen ganz anders beansprucht als auf der Straße. Jeder Rennfahrer ist für seine Maschine selbst verantwortlich. „Mit den Basics sollte man sich schon auskennen. Wenn nötig, hole ich mir Hilfe“, stellt Franziska Dehn den Teamgedanken hinter der Rennserie heraus, der trotz der Rivalität auf der Strecke gelebt werde.

Punkteränge das Ziel für Oschersleben

Bei den Geschwindigkeiten kann man schon mal die Kontrolle verlieren. Das passierte der Gernsbacherin, die als TV-Planerin bei einer Agentur in Baden-Baden arbeitet, jüngst beim Regen-Rennen in Most. Dort sei es sehr gut gelaufen, „ich habe viele Leute überholt und bin dann übereifrig geworden“, blickt Dehn auf ihren ersten richtigen Sturz zurück. Bei 140 km/h sei ihr das Hinterrad in einer Kurve beim Rausbeschleunigen weggerutscht. Folgen waren mehrfache Überschläge, ein gebrochener kleiner Finger, Prellungen, eine Gehirnerschütterung und Materialschaden an der Yamaha. Das hält die Powerfrau aber nicht davon ab, beim letzten Rennen der Serie am 25. und 26. September in Oschersleben wieder an den Start zu gehen. Dort hat sie schließlich noch Ziele: Nach Rang 16 von meist rund 35 Startern als bisher beste Platzierung möchte sie jetzt auch mal in die Punkteränge vorfahren.

Die 32-jährige Gernsbacherin Franziska Dehn fährt dieses Jahr ihre erste richtige Saison bei den German Moto Masters. Foto: Racepixx

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Die 32-jährige Gernsbacherin Franziska Dehn fährt dieses Jahr ihre erste richtige Saison bei den German Moto Masters. Foto: Racepixx

Egal, wie es ausgeht: 2021 will die Motorradfahrerin wieder beim German Moto Masters dabei sein, das in drei verschiedenen Klassen ausgetragen wird (600, 750 und 1.000 Kubik). Ihr Ziel in der 600er Klasse: „Fortschritte machen und mit den Jungs kämpfen.“ Das ist zwar ein sehr teures (Renngebühren, Material, Sprit, Reisen, Boxenmiete fürs Motorrad) und zeitintensives („fast mein ganzer Urlaub geht dafür drauf“) Hobby, was zudem von Männern dominiert wird, aber das macht der 32-Jährigen nichts aus. Schon während ihrer sechs Jahre langen Zeit bei den Feldjägern der Bundeswehr war sie als Frau in der Unterzahl.

Sie hält auch nicht viel von sogenannten „Ladies Races“, wie sie Veranstalter vereinzelt anbieten. „Ich will mich mit Männern messen, bei denen muss man sich den Respekt mehr verdienen“, betont Franziska Dehn und verweist auf die „coole Truppe“ beim German Moto Masters, bei der aktuell nur eine weitere Frau im Fahrerfeld ist. Übernachtet wird meist spartanisch in der Motorrad-Box auf einem Feldbett. Ein Rennwochenende dauert zwei bis drei Tage (Training, Qualifying, Rennen). „Das reicht mir dann auch, wenn ich mich dabei richtig auspowere“, sagt die Murgtälerin: Drei Tage voller Lärm, Abgase und Motorsport seien schon ziemlich anstrengend – aber für eine, die das Tempo liebt, eben genau das Richtige.

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