„Wenn es nur Kinder gäbe, hätten wir keine Pandemie“

Baden-Baden (hös) – Wie geht es Kindern und Jugendlichen in der Pandemie? Das BT hat im Rahmen der Serie „Vier Fragen an“ beim Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte nachgefragt.

Dr. Till Reckert, der selbst als Kinderarzt in Reutlingen praktiziert, hat festgestellt, dass das Entdecken von Infektionen bei Kindern eine komplexe Angelegenheit ist. Foto: pr

Dr. Till Reckert, der selbst als Kinderarzt in Reutlingen praktiziert, hat festgestellt, dass das Entdecken von Infektionen bei Kindern eine komplexe Angelegenheit ist. Foto: pr

Corona-Krise heißt auch: Die Schulen sind geschlossen, die Kindergärten ebenso. Viele Eltern werden durch Homeoffice, Homeschooling und Kinderbetreuung stark beansprucht. Wie wirkt sich diese Situation auf die Kinder und Jugendlichen aus? BT-Redakteurin Stephanie Hölzle hat hierzu Dr. Till Reckert, Landespressesprecher des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) befragt:

BT: Herr Dr. Reckert, der BVKJ hat sich einst gegen Schulschließungen positioniert. Was waren die Gründe?
Reckert: Wir sahen, dass durch den Lockdown im Frühjahr, der mit den Gemeinschaftseinrichtungen für Kinder begann und endete, insbesondere diejenigen Kinder und Jugendlichen, die nicht familiär privilegiert waren, deutliche Nachteile hatten. Sie waren mit Fernunterricht schlecht erreichbar (und dies liegt im Wesen der Sache und nicht an der angeblich mangelhaften Digitalisierung), lebten in der Gefahr von unbemerkter Kindesmisshandlung oder versackten vor digitalen Unterhaltungsmedien. Das Coronavirus war ein Spaltpilz für die Gesellschaft – auch hier. Kinder aus privilegierteren Familien konnten teilweise die erhöhte Präsenz ihrer Eltern genießen und waren dem allen gegenüber sehr entspannt.

BT: Jetzt sind die Schulen doch wieder geschlossen worden – allerdings nur für verlängerte Weihnachtsferien. Ihre Kollegen von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin lehnen diesen Schritt ebenfalls ab, weil sie zu große Risiken und Nachteile für Kinder und Jugendliche befürchten. Wie stellt sich der BVKJ hierzu?
Reckert: Ich kenne keine Stellungnahme des BVKJ als ganzem hierzu. Wenn ich die Stimmung unter den Kolleginnen und Kollegen wahrnehme, stellt sie sich mir als durchmischt dar. Insgesamt glaube ich aber, dass die Mehrheit dafür ist, da wir in den Praxen doch immer wieder die Aufregung mitbekommen hatten, die durch Testungen, Kontaktnachverfolgungen und Quarantänisierungen hervorgerufen wurde. In der Summe muss man aber sagen, dass die Schulen und Kindergärten nicht die Haupttreiber der Pandemie waren. Auch nicht in der zweiten Welle. Das kann man bei den entsprechenden Ausbruchsstatistiken in den Tagesberichten des Robert-Koch-Instituts nachlesen.

Angst der Erwachsenen manchmal gefährlicher als das Virus

BT: Landläufig heißt es: Kinder werden auch durch das Coronavirus infiziert, durchleiden aber meist sehr milde Verläufe. Trifft das aus Ihrer Alltagserfahrung heraus zu? Und wie berechtigt sind Sorgen von Eltern, die ihre Kinder aus Vorsicht nicht mehr in Kindergarten/Schule/Notbetreuung schicken möchten?
Reckert: Ja, das trifft zu. Schwer erkrankte Kinder haben meistens kein Corona, sondern etwas anderes. Da verbietet sich jeder Tunnelblick in der Praxis. Andererseits kann theoretisch jedes erkrankte oder gesunde Kind in der Praxis Träger von Coronaviren sein. Anhand der Symptome alleine kann man bei Kindern keine sinnvolle Teststrategie fahren, die mit guter Vortestwahrscheinlichkeit primäre Fälle findet, in deren Umgebung noch nichts vorkam. Daher braucht es immer eine gute Umgebungsanamnese und ein bisschen Glück und einen guten Riecher. Und das ist ja auch der Grund, warum viele Erwachsene in dieser Pandemie Angst vor Kindern haben. Für Kinder ist dies misslich: Für sie ist die Angst der Erwachsenen manchmal gefährlicher als das Virus selber.

BT: Derzeit wird heftig über das schnelle Impfen und das Impf-Ranking diskutiert. Kinder und Jugendliche tauchen dabei bislang nicht auf. Wie sehr hat man hier die Heranwachsenden im Blick?
Reckert: Zunächst werden die ersten Impfstoffe für Kinder nicht zugelassen sein. Aber machen wir mal ein Gedankenexperiment: Wenn es nur Kinder und Jugendliche auf dieser Erde gäbe, hätten wir gar keine Pandemie. Nirgendwo wären massenhaft Menschen mit einem gleichförmigen, aber merkwürdigen neuen Krankheitsbild in Kliniken aufgenommen worden. Niemand wäre auf die Idee gekommen, nach einem neuen Virus zu forschen und einen PCR-Test zu entwickeln. Diese Kinder und Jugendlichen wären einfach zusammen mit diesem Virus alt geworden – wie mit vielen anderen Viren – und hätten sich mit ihm arrangiert und ihr Immunsystem rechtzeitig geschärft. Nur sehr wenige wären dabei schwer krank geworden, so wie dies Kindern ja auch sonst im Leben selten passieren kann. Also: Als Kinder- und Jugendarzt würde ich sagen: Jetzt impfen wir mal die Alten und die, die sie versorgen, und dann haben die Kinder auch indirekt was davon. Denn auch jetzt schon tun wir gesellschaftlich das Allermeiste, um in erster Linie die Menschen zu schützen, von denen wir abstammen. Und das ist gut so. Aber vergessen wir nicht: Die Nachfahren tragen einen großen Teil solidarisch mit.

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.


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