„Wenn es nur harmonisch ist, schwelt es meist woanders“

Karlsruhe (nejo) – Dass Geschwister sich streiten, ist normal. Vor allem im jüngeren Alter. Die Eltern sind gefragt, die Rivalitäten in einer „gesunden Art zu kanalisieren“, sagt eine Expertin.

Oft geht es ums Spielzeug: Gerade bei kleineren Kindern gibt es heftige, aber kurze Streits. Sie müssen noch lernen, fair miteinander umzugehen. Foto: Larisa Kapustkina/stock-adobe.com

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Oft geht es ums Spielzeug: Gerade bei kleineren Kindern gibt es heftige, aber kurze Streits. Sie müssen noch lernen, fair miteinander umzugehen. Foto: Larisa Kapustkina/stock-adobe.com

Kaum sind sie beieinander, geht es los: Da wird gerangelt, gefordert, gezickt, geschrien, kurzum: gestritten. „Muss das immer sein?“, entfährt es da manchem Vater und mancher Mutter. Es muss. „Streit unter Geschwistern ist normal, und es gehört zum Großwerden, damit umzugehen und miteinander klarzukommen“, erklärt Stephanie Reuter, Erziehungswissenschaftlern und Psychologin an der Universität Landau. Auch Geschwisterforschung gehört zu ihren Themen. Gut zwei Drittel der Kinder in Deutschland wachsen mit Geschwistern auf.

Ein wichtiger Lernprozess

„Wenn es nur harmonisch ist, schwelt es meist woanders“, weiß Monika Spahl. Die Heilpädagogin und Systemische Therapeutin arbeitet in der Psychologischen Beratungsstelle der Stadt Karlsruhe. Konkurrenz unter Geschwistern ist völlig normal, sagt sie. „Das brauchen sie, um soziale Rollen zu lernen, Fairness, Gerechtigkeit, Teilen, Moral und Loyalität.“ Aber freilich gibt es Grenzen der Auseinandersetzung. Nicht tolerabel sind Schlägereien, Racheakte, extreme Aggressionen und Gemeinheiten, zählt Spahls Kollegin Isabell Schrick auf. „Dann ist Hilfe notwendig und wichtig“, betont die Psychologin und systemische Beraterin. „Rivalität ist normal, aber wichtig ist, dass die Eltern sie in einer gesunden Art kanalisieren“, sagt Stephanie Reuter. „Man darf Konflikte haben, aber es kommt darauf an, wie man sie austrägt. Es muss Regeln geben, die sich an der gegenseitigen Wertschätzung orientieren – und damit auch die Grenze setzen bei physischer und psychischer Gewaltanwendung.“

Je kleiner die Kinder sind, desto mehr Konflikte gibt es. Geschwister zwischen drei und neun Jahren streiten sich durchschnittlich alle neun Minuten, entnimmt sie einer Statistik. Meist aber handele es sich um kleinere Konflikte, und im Schnitt nach weniger als einer Minute sei es auch schon wieder vorbei.

Kinder können selbst Lösungen finden

Viel gestritten wird um Gegenstände, erklärt Spahl. „Gut ist, wenn es die Eltern schaffen, die Kinder zu einer eigenen Lösung zu führen.“ Wie das geht? Versuchen, ihre Gefühle zu verstehen, und sie dann Vorschläge machen lassen, führt sie aus. „Sie kommen dann oft zu eigenen Lösungen und zum Teil auch nicht zu denen, die wir uns vielleicht denken“, sagt sie. Der Aufwand ist groß, langfristig lohne er sich aber, so Schrick. Idealerweise lernen die Kinder dabei, ihre Konflikte selbst zu lösen. „Manchmal gibt es aber auch keine Lösung“, merkt sie an. „Aber auch das muss man aushalten.“

Je geringer der Altersabstand zwischen den Kindern ist, desto größer ist die Rivalität und desto häufiger gibt es Zwist, sind sich die Expertinnen einig. Heikel ist bereits die Phase der „Entthronung“, wenn das Erstgeborene noch sehr viel elterliche Zuwendung benötigt und nun ein hilfloses Baby zur Familie gehört.

Entscheidend sei, dass die Eltern auch Wünsche und Bedürfnisse des größeren Kindes im Blick behalten und es einbeziehen. Eine gute Strategie sei, wenn sich ein Elternteil bewusst um das größere Kind kümmert oder Personen aus dem Familienkreis hinzugezogen werden, damit ihm genug Aufmerksamkeit zuteilwerden kann.

Ihr Autor

unserer Mitarbeiterin Susanne Jock

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Erstellt:
6. März 2022, 13:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 29sec

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