„Wenn ich einen Fehler sehe, dann ribbele ich“

Kamp-Lintfort (dk) – Yvonne Willicks spricht im Interview über ihre Liebe zum Stricken und darüber, wie sich diese Handarbeit im Laufe der Zeit verändert hat.

Yvonne Willicks kann sich beim Stricken gut entspannen. Foto: Michael Ruder/lichtpunkt/Frechverlag

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Yvonne Willicks kann sich beim Stricken gut entspannen. Foto: Michael Ruder/lichtpunkt/Frechverlag

Wenn Yvonne Willicks stricken kann, ist sie glücklich. Sie mag beides gern: komplizierte Muster, aber auch einfaches Rechtshochstricken. Ihre „Strickliebe“ bekennt die Fernsehmoderatorin in ihrem gleichnamigen Buch, das gerade im Frechverlag erschienen ist. Die Verbraucherjournalistin lebt in Kamp-Lintfort und ist aus den WDR-Sendungen „Servicezeit“ und „Der Haushaltsscheck“ bekannt. Mit Unterstützung der Designerin Brigitte Zimmermann hat die 50-Jährige Schals und Tücher zum Nachstricken entwickelt. Das Buch richtet sich an Anfänger ebenso wie an erfahrene Stricker, die sich gern einmal ein „Nebenprojekt“ haben. BT-Redakteurin Daniela Körner sprach mit Yvonne Willicks darüber, wie man beim Stricken die Hektik im Alltag hinter sich lassen kann und wie sich das Stricken im Laufe der Zeit entwickelt hat.


BT: Frau Willicks – was haben Sie gerade auf Ihren Nadeln?
Yvonne Willicks: Fragen Sie mich lieber, wie viel ich gerade auf den Nadeln habe! Ich bin eine Strickerin, die mindestens drei, meistens aber vier bis fünf unterschiedliche Projekte hat. Ich habe immer ein ganz einfaches, bei dem man nur glatt rechts hoch stricken muss, ohne darüber nachzudenken. In dem Fall ein schöner Schal, den ich in Runden stricke. Dann habe ich ein kompliziertes Zopfmuster, das ich ausprobiere, vielleicht für ein neues Design. Und ich mache etwas für meine Enkelkinder. Sie beide sollen fürs Frühjahr, für die Osterzeit, Strickmäntelchen bekommen, mit denen sie dann im Partnerlook unterwegs sein können.

BT: Also doch Form... Sie schreiben ja in Ihrem Strickbuch, dass Sie von Pullovern ein bisschen abgekommen sind.
Willicks: Ja, aber was ich mache, ist ganz einfach: Ich stricke einen Pullover, bei dem man von oben anfängt. Ab und zu mache ich mal Pullover und Strickjacken, aber eher selten. Bei den Kindern macht mir das Spaß, weil es relativ schnell geht.

Die Schals noch einmal in Klein gestrickt – für die Enkel

BT: Für wen stricken Sie denn?
Willicks: Meistens eher nur für mich, weil ich ganz oft festgestellt habe, dass viele es gar nicht richtig wertschätzen. Wenn sie selbst keine Handarbeit machen, wissen sie nicht, wie viel Arbeit, aber auch wie viele Gedanken ich mir beim Stricken gemacht habe. Deshalb habe ich die letzten Sachen hauptsächlich für mich gestrickt. Dann habe ich aber festgestellt, dass meine 20 Monate alte Enkelin Lotta so begeistert war vom „Brigitte- Schal fürs Leben“. Sie hat sich immer darin eingekuschelt. Ich habe ihr auch so einen gestrickt. Jetzt sagt sie von jedem Teil, das sie von mir hat: „Das hat meine Oma gemacht.“ Das ist natürlich toll.
Und ich habe die Designs aus dem Strickbuch jetzt extra noch einmal nachgestrickt, weil das Strickbuch ja schon im Frühjahr/Sommer 2020 entstanden ist. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht mehr alle Muster auswendig, die ich dafür gestrickt habe. Als das Buch rauskam, wollte ich auch Leser-Fragen direkt beantworten können. Ich habe die Schals für die Enkel in Klein angefertigt. Das ist zuckersüß, wenn sie dann da so sitzen in einem Minituch.

„Habe immer einen kleinen Post-it-Block dabei“

BT: Haken Sie die Sachen gedanklich ab, wenn sie einmal fertig sind?
Willicks: Ja, das ist ganz schrecklich (lacht). Ich habe ein Muster gestrickt und erinnere mich zum Schluss gar nicht mehr daran. Vielleicht als Service-Tipp: Wenn man so viele unterschiedliche Projekte auf den Nadeln hat, sollte man sich einen kleinen Hinweis entweder an die Wolle oder in die Tüte tun: Wie ist hier die Randmasche gestrickt, wie die Mittelmaschen, und wie sind die Zunahmen? Das ist ja bei jedem Projekt ein bisschen anders. Ich habe jetzt immer einen kleinen Post-it-Block dabei, auf dem ich mir diese Sachen aufschreibe, damit ich sofort wieder loslegen kann, wenn ich das Projekt vier Wochen aus der Hand gelegt habe.

BT: Welche sind Ihre Lieblingsutensilien? Sie erzählen in Ihrem Buch, wie Ihr Mann gedankenverloren mit dem Reihenzähler spielt und ihn dann verstellt. Das hat ja für eine Strickerin verheerende Folgen...
Willicks: Das mit dem Reihenzähler hat auch schon fast zu Mord und Totschlag geführt, weil ich oft auch zwei Reihenzähler auf den Nadeln habe – einen, um die Reihen und einen, um die Rapporte, also die Mustersätze, zu zählen. Und wenn der Zähler dann verstellt wird, stimmt gar nichts mehr. Das ist besonders ärgerlich, wenn man ein neues Design erarbeitet. Deswegen sind Reihenzähler ganz wichtig für mich – aber auch Maschenmarkierer. Ohne die bin ich verloren. Ich kennzeichne jeden Rapport, damit ich jeden Fehler sofort entdecke, wenn ich ein komplizierteres Muster stricke.

BT: Wie gehen Sie mit Fehlern um? Aus dem Buch gewinnt man den Eindruck: Sie sind da schon perfektionistisch.
Willicks: Ich habe eine Grundregel für mich: Wenn ich den Fehler sehe, dann ribbele ich auf. Ich werde nicht doch 40 Reihen hoch stricken, weil ich denke, ich könnte das akzeptieren – und dann zähneknirschend alles zurückstricken. Ich habe da so einen inneren Monk, der kann das nicht ertragen. Und eine strickende Tochter. Die sieht alles und fragt mich: „Was hast du denn da gemacht?“ (lacht).
BT: Wenn Sie den Fehler später sehen, ist das dann in Ordnung für Sie?
Willicks: Wenn ich ihn ganz viel später entdecke, es ist ein kleiner Fehler, und ich müsste von vorne anfangen: Dann akzeptiere ich ihn – auch zähneknirschend.

BT: Mit wem tauschen Sie sich übers Stricken aus?
Willicks: Teilweise mit meiner Tochter. Ich habe noch eine alte Freundin, die ich auch im Buch erwähnt habe: Sie hat damals einen Handarbeitszirkel aufgemacht und ist mittlerweile 81. Sie kann richtig gut stricken, und ich kann sie viel über Basics fragen. Und ich bin total froh, dass ich die Strickdesignerin Brigitte Zimmermann, die mich bei dem Buch tatkräftig unterstützt hat, getroffen habe. Sie hat ein so breites Wissen und einen so großen Fundus. Das macht einfach großen Spaß.

Ansonsten ist es echt so, dass ich, wenn ich in einem Wollladen bin, jede Frage loswerde und auch immer meinen Sermon dazugebe, egal, ob die Leute es hören wollen oder nicht.

„Wenn ich einen Fehler sehe, dann ribbele ich“

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BT: Sie schreiben auch, dass das Stricken anders geworden ist in der Zeit, seit Sie als Zehnjährige zum ersten Mal Stricknadeln in der Hand hatten, und heute. Inwiefern?
Willicks: Die Designs haben sich komplett verändert, allein, was die Muster angeht. Es gab zum Beispiel immer schon die Hebemaschenmuster, aber sie wurden eher vernachlässigt. Die gab es zwar, aber es sah immer ein wenig trutschig aus. Die neuen jungen Designer, die ja auch viel in den sozialen Medien unterwegs sind, haben es geschafft, mit den tollen Wollqualitäten, mutigen Farbkombinationen und mit neueren Mustertechniken die Lust am Stricken neu zu entfachen.
Ich habe mich da sofort angesteckt und auch bei den geformten Teilen festgestellt, dass da die Konstruktionen einfacher geworden sind. Wenn man früher einen Pullover gestrickt hat, sah der oft aus wie ein Sack. Das ist heute ganz anders.
Es gibt tolle Designer, Petiteknit beispielsweise, die aus Dänemark kommt und einen ganz anderen Schwung in die Strickszene reingebracht hat. Und die Wollqualitäten sind so viel besser geworden. Wenn du früher etwas aus Mohair hattest, konntest du es kaum anziehen, weil es kratzig war und flusig. Heute ist da eine kleine Beimischung mit drin, um das Garn gefälliger zu machen. Ein Pullover konnte früher auch schon mal ein Kilo schwer sein, ich denke da an die Norweger-Pullover. Heute hat man so leichte Garne mit einer weiten Lauflänge. Es macht einfach viel, viel mehr Spaß, muss ich sagen.

BT: Haben Sie das Gefühl, dass das Stricken in der Corona-Zeit einen Aufschwung erlebt hat?
Willicks: Auf jeden Fall. Viele, die mir in den sozialen Medien folgen, weil ich dort ja auch Haushaltstipps gebe, fühlen sich angeregt. Beim Ausmisten haben viele ja auch ihre Stricknadeln und Wolle wiedergefunden. Es wird schon wieder mehr mit den Nadeln geklappert als vor Corona, da bin ich mir ganz sicher.

„Das Stricken erdet mich“

BT: Sie selbst stricken, um ein bisschen runterzukommen?
Willicks: Auf jeden Fall. Ich bin schon eine eher hektische Person mit unheimlich viel um die Ohren – immer 13 Sachen gleichzeitig. Das Stricken erdet mich, hat für mich fast eine meditative Wirkung. Ich finde eigentlich beides richtig gut: etwas richtig Kompliziertes zu machen, bei dem ich mich konzentrieren muss.
Den Rapport wiederhole ich immer und immer wieder, wie einen Gesang. Das macht den Kopf leer, weil man sich nur darauf konzentrieren kann. Und beim mechanischen Stricken während des Fernsehens – also Fernsehhörens – komme ich in einen Flow. Das tut mir auch gut. Ich brauche beides, um richtig zufrieden zu sein.

Das Heat-Tuch (links) gehört zu ihren Lieblingsprojekten. Foto: Michael Ruder/lichtpunkt/Frechverlag

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Das Heat-Tuch (links) gehört zu ihren Lieblingsprojekten. Foto: Michael Ruder/lichtpunkt/Frechverlag

BT: Welches ist Ihr Lieblingsprojekt aus dem Buch?
Willicks: Es ist das Heat-Tuch. Das finde ich von der Farbigkeit her toll, das Garn hat sich super verstrickt. Ich habe es in der ersten Hitzewelle des vergangenen Sommers verstrickt, deshalb heißt es auch „Heat“, also Hitze. Man kann übrigens durchaus im Sommer stricken, am besten an einem schönen schattigen Plätzchen, vielleicht in einem Strandkorb. Im Garn ist Viskose, das ist auch auf den Händen schön kühl.

„Wenn ich einen Fehler sehe, dann ribbele ich“

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Yvonne Willicks: Meine Strickliebe. Effektvolle Tücher und Schals. Frechverlag, 110 Seiten, 20 Euro.
Weitere Informationen über das Buch und den Frechverlag gibt es hier.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Daniela Körner

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Erstellt:
27. Februar 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 48sec

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