Wenn vor der Prüfung der Fluchtinstinkt einsetzt

Rastatt/Offenburg (for) – Viele Kinder- und Jugendpsychiater warnen vor Leistungsstress- und ängsten bei Schülern. Vor allem mit der Rückkehr zum Präsenzunterricht hat der Druck wieder zugenommen.

Nach monatelangem Homeschooling sind viele Schüler damit überfordert, wieder in der Klassengemeinschaft zu lernen und sich auf Prüfungen vorzubereiten. Foto: Helen Ahmad/dpa

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Nach monatelangem Homeschooling sind viele Schüler damit überfordert, wieder in der Klassengemeinschaft zu lernen und sich auf Prüfungen vorzubereiten. Foto: Helen Ahmad/dpa

Die Sommerferien stehen an, aber nicht alle Schüler sind euphorisch: Monatelang fand Unterricht coronabedingt nur von zu Hause aus statt, dann sollten sie sich plötzlich wieder in den Klassenräumen einfinden, Prüfungen ablegen und wie gewohnt funktionieren. Bei vielen Kindern und Jugendlichen hat das aber nicht so einfach funktioniert, die Kontaktlosigkeit hat Spuren hinterlassen, die sich jetzt verstärkt bemerkbar machen. Kinder- und Jugendpsychiater warnen deshalb vor zu viel Leistungsdruck in der Schule.

„Folgen der Pandemie deutlich spürbar“

„Die Folgen der Pandemie sind im Alltagsleben von Familien, Kindern und Jugendlichen deutlich spürbar“, beobachtet Dr. Marianna de Almeida, Diplom-Psychologin bei der Schulpsychologischen Beratungsstelle Rastatt. So sei die Corona-Pandemie auch als eine Krise der anhaltenden Struktur- und Kontaktlosigkeit zu verstehen. „Dazu kommen dann noch existenzielle Ängste, bei manchen Familien finanzielle Instabilität oder anhaltende Unsicherheit“, sagt sie. Letztlich spiegele sich diese Krise auch im schulischen Leben wider. De Almeida beobachtet, dass Homeschooling und Unterrichtsausfälle zu mehr Leistungsabfall und zu weniger Unterstützung geführt haben – insbesondere bei leistungsschwächeren Schülern aus sozialbenachteiligten Familien.

„Zunächst geht es nur ums Überleben“

Nach einem weitgehend pandemiebedingten Einbruch der Anmeldezahlen in der ersten Welle des Lockdowns, habe sich während des Lockdowns eher die Art der Anfragen geändert. De Almeida erklärt sich das so: „So eine Krise wirft einen aus der Bahn. Dann geht es zunächst einmal nur ums Überleben und darum, seinen Alltag irgendwie zu strukturieren. Alles andere rückt in den Hintergrund.“ Mit der Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts seien dann aber auch die Anfragen bei der Beratungsstelle wieder gestiegen. „Homeschooling ist eine ganz andere Art des Unterrichts und stellt andere Anforderungen an die Leistungen, an die Mitarbeit, an das Miteinander zwischen Klassenkameraden und zwischen Schülern und Lehrkräften“, fasst de Almeida zusammen. Schwierigkeiten, die sich nur in einem analogen Klassenzimmer bemerkbar machen, konnten während des Homeschoolings nicht so gut manifestiert werden. Das habe sich mit der Rückkehr in den Präsenzunterricht geändert: „Konflikte mit Mitschülern und Lehrkräften, Verhaltensauffälligkeiten im Unterricht oder im Pausenhof sowie Schulvermeidung konnten nun sichtbarer werden“, sagt de Almeida. Sie beobachtet derzeit einen Anstieg an Schülern, die aus unterschiedlichen Gründen die Schule nicht mehr besuchen wollen.

Vermeiden von sozialen Strukturen

Auch Dr. Amelie von Ditfurth, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Oberärztin an der Klinik Lindenhöhe in Offenburg, stellt eine steigende Zahl an Kindern fest, die während des Lockdowns entweder soziale Ängste entwickelt haben oder bei denen sich schon vorhandene Ängste noch verstärkt haben. Durch die lange Isolation und den Wegfall von zwei wesentlichen Kontakt- und Entwicklungsbereichen – nämlich Schule und Freizeit – „konnten viele Kinder und Jugendlichen ihre sozialen Kompetenzen nicht erproben und weiter ausbilden“, erklärt die Ärztin. Die Folge: Viele fühlten sich in Gruppensituationen überfordert und verängstigt.

Allerdings müsse man immer zwischen sozialen Ängsten und Leistungsängsten unterscheiden, merkt von Ditfurth an, „auch wenn bei vielen beides vorliegt“. So seien viele Schüler durch den Online-Unterricht inhaltlich abgehängt worden oder waren mit dieser Lernform überfordert. „Daraus entstehen Leistungsängste.“ Soziale Ängste zeigten sich hingegen durch Vermeiden von sozialen Situationen wie Schulunterricht oder Vereinssport. Bestehen diese Ängste, reagieren viele Kinder und Jugendlichen laut der Ärztin mit depressiven Symptomen.

Starke körperliche Beschwerden

De Almeida sieht Leistungsstress und Leistungsängste als Ergebnis vielfältiger Faktoren an, die bei jedem Schüler anders zum Ausdruck kommen. „Manche haben Angst, bei Referaten vor der Klasse zu stehen und etwas Falsches zu sagen, andere haben Leistungsängste und fürchten sich davor, sitzenzubleiben, und wieder andere haben Angst vor den Reaktionen der Eltern“, zählt sie auf. Solche Ängste machen sich laut der Psychologin auch dadurch bemerkbar, dass Schüler manchmal starke körperliche Beschwerden wie Bauchschmerzen oder Übelkeit aufzeigen. Oftmals seien solche Ängste „hausgemacht“, wie de Almeida gegenüber dem BT sagt. „Bestimmte negative Gedanken lösen Angstgefühle aus, die wiederum körperliche Symptome wie Bauchschmerzen, Herzrasen und Zittern hervorrufen.“

Leistungsangst betrifft alle Altersklassen

Eine der häufigsten Reaktionen darauf sei dann eine Art Fluchtinstinkt. „Betroffene haben oft den Impuls, vor der Situation zu fliehen, so kann es beispielsweise dazu kommen, dass sie bei Prüfungen gar nicht erst antreten.“ Das könne dann soweit gehen, dass die Betroffenen die Schule komplett verweigern. Eltern sollten diese Warnsignale ernstnehmen und im Zweifelsfall Hilfe aufsuchen, etwa bei einer Beratungsstelle.

Sowohl de Almeida als auch von Ditfurth stellen soziale Ängste sowie Schul- und Leistungsängste bei Kindern in allen Altersklassen fest. Laut von Ditfurth hat es aber besonders Schüler ab der achten Klasse getroffen. „Diese Schüler wurden einerseits am längsten vom Präsenzunterricht ausgeschlossen und zum anderen befinden sie sich in einem Alter, in dem die hauptsächliche Entwicklungsaufgabe darin besteht, sich vom Elternhaus abzulösen und sich in der Gleichaltrigengruppe zu integrieren.“ Diese Erfahrung sei vielen Jugendlichen während des Lockdowns genommen worden.

Auch leistungsstarke Schüler betroffen

Auffällig sei auch, dass sich Leistungsstress und Leistungsängste nicht nur bei leistungsschwachen Schülern aufzeigen, sondern auch bei denjenigen, die eigentlich gute Noten abliefern. „Es gibt leistungsstarke Schüler, die mit dem Online-Unterrichtsformat nicht gut lernen konnten. Dies führt oft zu Frust bei den Schülern, sie waren gute Leistungen gewohnt und können plötzlich ihr Niveau nicht halten“, schildert von Ditfurth die Situation. „Häufig ist das der Beginn einer Abwärtsspirale hinein in eine Depression.“ Ausschlaggebend sei aber auch immer, wie ein Schüler sich selbst im Vergleich zu anderen sieht, merkt de Almeida an. „Wenn ich meinen eigenen Fähigkeiten misstraue und negative Einstellungen zu Leistungssituationen habe, kann ich die Angst entwickeln, schulischen Leistungen nicht gerecht zu werden oder zu versagen“, sagt sie – ganz unabhängig davon, ob ein Schüler den schulischen Leistungen tatsächlich nicht gerecht wird.

Zwar beginnen in Baden-Württemberg bald die Sommerferien, aber das Phänomen könnte sich auch im neuen Schuljahr fortsetzen, sobald der Schulstress wieder zunimmt.

Zum Thema: Ausreichend Zeit zum Wiederankommen notwendig

Angesichts der psychischen Belastungen für Kinder und Jugendliche in der Corona-Pandemie haben Kinder- und Jugendpsychiater vor einem „forcierten Aufholen von Lerninhalten“ und einem damit verbundenen Leistungsdruck gewarnt. Auch Dr. Marianna de Almeida, Diplom-Psychologin an der Schulpsychologischen Beratungsstelle in Rastatt, ruft dazu auf, im Unterricht ausreichend Zeit für soziale Aktivitäten und das Wiederankommen in der Schule einzuplanen. „Schüler und Lehrer haben sich alle lange nicht gesehen. Es verlangt Schülern einiges ab, sich wieder an die Anforderungen von Schule in Präsenz zu gewöhnen“, betont sie. So müssten sich Schüler erst wieder daran gewöhnen, in einer Klassengemeinschaft zu sein und miteinander zurechtzukommen. „Homeschooling hat ganz andere Anforderungen gestellt.“ Insbesondere Schüler, die durch den Online-Unterricht abgehängt wurden, sollte man im neuen Schuljahr gut auffangen und in Ruhe ankommen lassen. „Aus meiner Sicht sollten benotete Leistungsprüfungen keinesfalls zu früh eingesetzt werden, um die Schüler nicht noch weiter zu demotivieren oder vielleicht sogar zu verlieren.“ Dr. Amelie von Ditfurth, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, sieht das ähnlich: „Es sollte in erster Linie geschaut werden, in welcher emotionalen Verfassung die Schüler sind.“ Und die Jugendlichen sollten wertgeschätzt werden für das, was sie in der Pandemie geleistet haben. „Für viele ist es auch wichtig, richtig zu rücken, dass nicht die Schüler die Versager sind, sondern die Lernumstände für viele einfach schwierig waren.“


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