Wer profitiert von den hohen Spritpreisen? MiRO hält sich bedeckt

Karlsruhe (BNN) – Die Spritpreise stagnieren auf hohem Niveau, während der Ölpreis wieder gesunken ist. Deutschlands größte Raffinerie, die Karlsruher MiRO, hält sich bedeckt. Was steckt dahinter?

Die Preise an der Tankstelle sind weiterhin hoch, obwohl der Ölpreis bereits wieder gesunken ist. Symbolfoto: Jens Büttner/dpa

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Die Preise an der Tankstelle sind weiterhin hoch, obwohl der Ölpreis bereits wieder gesunken ist. Symbolfoto: Jens Büttner/dpa

Die Telefone beim en2x-Wirtschaftsverband Fuels und Energie in Berlin stehen an Tag 21 des Ukraine-Krieges nicht still. Zu groß der bundesweite Erklärungsbedarf für alle, die auf Pkw und Lkw angewiesen sind: ? Es gilt, gegen das aufkeimende Bild von den Kriegsgewinnlern zu argumentieren – und zunächst einmal all die Anfragen zu sortieren.

Am Vortag hatte der ADAC eine unübliche „Entkopplung“ von Sprit- und Ölpreis ausgemacht und so die Nation wachgerüttelt, die unter den Preisen an der Zapfsäule ächzt.

Seit Kriegsbeginn war der Liter Diesel laut en2x bis zum bisherigen Höchststand am 10. März um 65 Cent in die Höhe geklettert, am Mittwoch waren es noch 62 Cent. Obwohl steuerlich günstiger, ist Diesel damit nach wie vor unüblich viel teurer als Benzin.

Aber auch da tut sich wenig. „Eigentlich müsste der Preis für Super E10 jetzt wieder unter zwei Euro liegen“, sagt ADAC-Sprecher Andreas Hölzel am Mittwoch. Aber durch den Ukraine-Krieg gebe es Störungen am Markt. Zudem sei die Heizölnachfrage stark gestiegen, was den Dieselpreis steigen lasse. Doch mehr als 60 Cent pro Liter – wo bleiben diese Gewinne hängen?

Bundeswirtschaftsminister spricht von „Kriegsgewinnen“

„Neben kriegsbedingten Verwerfungen liegt das unserer Meinung nach auch daran, dass die Mineralölkonzerne in ihrem Raffineriegeschäft derzeit kräftig mitverdienen“, meint Hölzel. Die Höhe der aktuellen Gewinnmarge wisse er jedoch nicht. Der genaue Weg der Ölprodukte und ihrer Preise ist nach den Erfahrungen des ADAC nicht sehr transparent.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sprach mit Blick auf den Energiemarkt bereits vergangene Woche von „Übergewinnen“ und überlegt, „diese Kriegsgewinne“ steuerlich einzuhegen.

Jetzt soll nach seinem Willen das Bundeskartellamt die Preisgestaltung überprüfen, nachdem Gerüchte über Preisabsprachen die Runde machten. Die Behörde solle „bei jeglichem Hinweis auf missbräuchliches Verhalten tätig“ werden. Die Stärke der Konzerne am deutschen Kraftstoffmarkt sei „seit langem ein strukturelles Problem“.

Hohe Spritpreise: MiRO in Karlsruhe will sich nicht äußern

Einblicke in Preisgestaltung und Gewinnmargen zu nehmen, gestaltet sich schwierig – Energiemarktexperten am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und dem Institut der deutschen Wirtschaft winken ab. „Dazu fehlt uns schlicht die Expertise“, heißt es etwa aus Köln.

Die Karlsruher Raffinerie MiRO beteuert, nichts mit der Preisgestaltung zu tun zu haben. Dafür seien die Gesellschafter verantwortlich. Foto: Uli Deck/dpa

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Die Karlsruher Raffinerie MiRO beteuert, nichts mit der Preisgestaltung zu tun zu haben. Dafür seien die Gesellschafter verantwortlich. Foto: Uli Deck/dpa

Der ADAC verweist auf eine Untersuchung zum Kraftstoffmarkt, die das Bundeskartellamt vor etwa zehn Jahren eingeleitet habe. „Sie ruht seit vielen Jahren. Die Ergebnisse dieser Untersuchung hätten sicher viel Licht ins Dunkel bringen können“, meint Hölzel. „Sie wäre gerade in der heutigen Situation von hohem Nutzen.“

Eine Anfrage bei Deutschlands größter Raffinerie, der Karlsruher MiRO, zeitigt auch wenig Konkretes dazu. Zu Produktpreisen und Marktmechanismen könne sich MiRO leider nicht äußern, man bittet um Verständnis. Das Unternehmen verstehe sich als „Lohnverarbeiter“ für seine Gesellschafter und ist nicht selbst am Beschaffungs- oder Absatzmarkt aktiv. Damit habe die MiRO selbst „mit den Preisen und der Preisgestaltung auf diesen Märkten nichts zu tun“.

Auch Rosneft profitiert von den hohen Preisen an der Tankstelle

Rohöl und sonstige Einsatzprodukte würden von den vier Gesellschaftern beschafft. „Wir stellen daraus für unsere Gesellschafter die gewünschten Mengen und Qualitäten an Mineralölprodukten her“, berichtet eine MiRO-Sprecherin. „Unsere Gesellschafter vermarkten die bei uns hergestellten Fertigprodukte anschließend.“ Neben Shell, Esso und dem Mutterkonzern der Jet-Tankstellen, Philipps 66 Continental, ist auch die deutsche Tochter des russischen Staatskonzerns Rosneft seit 2017 mit 24 Prozent an der Karlsruher Raffinerie beteiligt.

Die Raffinerie habe „relativ konstante Fixkosten, die unabhängig von der jeweiligen Markt- und Preissituation sind“. Die Margen der Gesellschafter hingen von vielen Faktoren ab: „Einkaufspreise für Rohöl und Einsatzprodukte, Vertriebswege und daraus resultierende Transportkosten sowie unterschiedliche Erlöse bei Retail und Großhandel“, zählt die MiRO-Sprecherin auf. „All diese Einzelheiten variieren bei unseren Gesellschaftern sehr stark und sind uns nicht bekannt.“

Mineralölkonzerne haben keine Eile bei Preissenkungen

Verkehrsexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht neben nachfrage-, kapazitäts- und wechselkursbedingten Faktoren bei den Konzernen auch schlicht eine Neigung, Preisreduktionen nicht sofort umzusetzen. „Da wartet der eine schon auf den anderen“, so der gebürtige Karlsruher.

Es könne also durchaus dauern, bis sich eine Rohöl-Preissenkung bis an den Zapfhahn durchsetze. Auf diesen Mechanismus vertraut Dudenhöffer weiterhin: „Eine ‚Abkopplung‘ dahinter zu vermuten, ist schon eine heroische Annahme oder Spekulation.“ Eine ‚Abkopplung‘ dahinter zu vermuten, ist schon eine heroische Annahme oder Spekulation.

Ferdinand Dudenhöffer, Verkehrsexperte

Doch selbst der Verband der Mineralölkonzerne en2x spricht am Mittwoch von „fast völlig vom Ölpreis entkoppelten Produktmärkten“, nachdem der Telefontrubel sortiert und ein Fernsehteam der ARD eingetroffen ist. Der Verband kämpft an allen Enden gegen den Eindruck, seine Mitglieder seien Profiteure oder gar Kriegsgewinnler – auch wenn einige Raffinerien jetzt „nach zwei dürftigen Jahren ins Plus gedreht“ hätten.

Eigentlich ist genug Öl auf dem Weltmarkt vorhanden

Ein Drittel des deutschen Rohöls komme aus Russland, dazu noch 13 Prozent schon fertig verarbeiteten Diesel. „Diese Mengen werden seit Kriegsbeginn freiwillig zurückgefahren“, so der Sprecher. Weniger Öl und Diesel aus Russland – damit werde alles eben knapper und teurer. „Es geht zu keinem anderen Preis, weil wir sonst keine Knappheitssignale hätten.“

Der These von der kriegsbedingten Knappheit im Osten steht allerdings entgegen, dass nach Einschätzung von Experten insgesamt genügend Öl auf dem Weltmarkt zu finden ist. „Der Umstellungsprozess läuft“, sagt der en2x-Sprecher, ohne den Menschen konkrete Hoffnung machen zu können: „Er wird einige Zeit in Anspruch nehmen.“

Da klingen die Aussagen eines Ferdinand Dudenhöffer schon deutlicher: „Selbstverständlich wird der Preis an der Zapfsäule reagieren.“ Mit Blick auf den gesunkenen Ölpreis sollten nach seiner Einschätzung „spätestens nach drei bis vier Wochen die Preise in die gleiche Richtung laufen. Vermutlich aber meistens deutlich früher.“

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