Werden die Mittel für Freiwilligendienste gekürzt?

Baden-Baden (for) – Die Liga der freien Wohlfahrtspflege Baden-Baden befürchtet eine Kürzung der Mittel für Freiwilligendienste um 20 Prozent. Dadurch stünden bundesweit 18.000 Stellen auf dem Spiel.

•Reinschnuppern und orientieren: Beim Bundesfreiwilligendienst oder im Rahmen eines FSJ kann man zum Beispiel Berufe im Sozialbereich kennenlernen. Foto: Patrick Pleul/dpa

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•Reinschnuppern und orientieren: Beim Bundesfreiwilligendienst oder im Rahmen eines FSJ kann man zum Beispiel Berufe im Sozialbereich kennenlernen. Foto: Patrick Pleul/dpa

Die Freiwilligendienste sollen nachfragegerecht ausgebaut werden. Das ist als explizites Ziel im Koalitionsvertrag der Bundesregierung benannt. Umso überraschender komme deshalb die Nachricht, dass die Mittel für den Freiwilligendienst ab 2024 um 20 Prozent gekürzt werden könnten, wie die Liga der freien Wohlfahrtspflege Baden-Baden kritisiert.

„Aus dem politischen Raum wird berichtet, dass das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) in den Eckwerten für den Bundeshaushalt 2024 für die Freiwilligendienste eine Verringerung der Mittel um 20 Prozent vorsieht“, berichtet Geschäftsführerin Eva Pfistner von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Baden-Baden. Demnach drohe ab dem Jahrgang 2023/2024 der Wegfall von 20 Prozent der bestehenden Plätze im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) und Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) sowie im Bundesfreiwilligendienst (BFD). „Das wären in Summe etwa 18.000 Plätze bundesweit“, betont Pfistner und fügt hinzu: „Selbst wenn es bei uns vielleicht nur eine Stelle trifft, die nicht besetzt werden kann, wäre das ein enormer Verlust.“

Planungen noch nicht abgeschlossen

Vonseiten des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) heißt es dazu auf BT-Anfrage: „Derzeit laufen die regierungsinternen Haushaltsverhandlungen für den Zweiten Regierungsentwurf des Bundeshaushalts 2022 sowie die Eckwerte für den Haushalt 2023 und den Finanzplan des Bundes bis 2026. Die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen. Bei der Finanzplanung handelt es sich um ein regierungsinternes Planungsinstrument, das im Rahmen der jeweiligen Haushaltsaufstellungsverfahren überprüft und an die erforderlichen Gegebenheiten angepasst wird.“ Ein abgesenkter Ansatz im Finanzplanungszeitraum sei deshalb nicht mit einer Mittelkürzung gleichzusetzen. Ebenso sei der Eckwert nicht mit dem Beschluss des Haushalts 2023 gleichzusetzen, erklärt eine Ministeriumssprecherin. Das regierungsinterne Haushaltsaufstellungsverfahren werde erst mit dem Kabinettsbeschluss zum Regierungsentwurf für den Haushalt 2023, der für den 22. Juni 2022 geplant ist, abgeschlossen sein.

Berufliche Orientierung und Selbstfindung

Die Planung des Freiwilligen-Jahrgangs 2023/24 mit Buchung von Seminarhäusern, der Personalplanung und den Zusagen für Einsatzstellen starte aber schon im Herbst 2022, merkt Andrea Brink vom AWO Bezirksverband Baden in Karlsruhe an. Als Referentin organisiert sie unter anderem die pädagogischen Seminare im Rahmen der Freiwilligendienste. „Es geht nicht darum, die Gelder durch parlamentarische Entscheidungen in 2023 zu erhalten, es geht vor allem darum, sie jetzt in den Eckwerten zu verankern, damit sie für den Jahrgang 2023/24 eingeplant werden können“, so Brink. Nur auf diesem Weg sei gesichert, dass bundesweit fast 100.000 junge Menschen auch im Herbst 2023 ihren Freiwilligendienst beginnen können.

Helfer- und Unterstützungsleistungen

13.324 FSJ-Stellen und 4.178 BFD-Stellen für unter 27-Jährige wurden laut Angaben des Landesarbeitskreises freiwilliges Soziales Jahr Baden-Württemberg im Jahr 2021 im Südwesten besetzt. Die Freiwilligen unternehmen in den unterschiedlichen Einsatzstellen Helfer- und Unterstützungsleistungen, die im beruflichen Alltag wegen Personalmangels oft kaum leistbar sind. „Das kann der längere Spaziergang mit dem Senior sein oder einfach nur die Zeit für ein Gespräch mit der älteren Frau“, merkt Pfistner an.

Andrea Hesch vom Paritätischen Kreisverband Baden-Baden/Rastatt wirft ein: „Es ist nicht so, dass unsere Betriebe ohne FSJ‘ler oder BFD‘ler nicht funktionieren würden. Aber es gibt leider immer mehr Verwaltungsaufgaben, weshalb den Fachkräften für das Zwischenmenschliche oft die Zeit fehlt“, betont sie. Für ihren Dienst bekommen Bundesfreiwillige ein sogenanntes Taschengeld in Höhe von bis zu 423 Euro pro Monat (Stand 2022) je nach Träger.

Wichtig für die Nachwuchsgewinnung

Doch nicht nur für die Einrichtungen, sondern auch für die Nachwuchsgewinnung sowie für die jungen Menschen selbst sei der Freiwilligendienst eine Bereicherung. „Freiwilligendienste bieten einerseits berufliche Orientierung und sind andererseits auch als Teil politischer Bildung zu verstehen“, erklärt Brink. Sie ist überzeugt davon, dass Freiwilligendienste auch zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen.

Patric Lauinger vom Mobilen Sozialen Dienst der AWO Baden-Baden kann das bestätigen. Er hat vor seinem Studium als FSJ‘ler gearbeitet. „Der Freiwilligendienst trägt ganz wesentlich zur persönlichen Entwicklung bei und stärkt das Selbstwertgefühl“, sagt er. Während seines FSJ habe er Einblicke in neue Lebenswelten erhalten und gelernt, Verantwortung zu übernehmen.

Außerdem habe der Freiwilligendienst auch Auswirkungen auf den geschlechtsspezifischen Aspekt der Fachkräftegewinnung, wie Claudia Boege, stellvertretende Leiterin im Kinderhaus Eulenspiegel, beobachtet. „Im Normalfall kommen die wenigstens jungen Männer von sich aus auf die Idee, eine Erzieherausbildung zu machen oder einen Pflegeberuf zu erlernen.“ Durch das FSJ oder den BFD gebe es aber immer wieder Männer, die sich nach ihrer Zeit als Freiwillige dann doch für einen solchen Beruf entscheiden.

Die Fachkräftegewinnung sei ohnehin ein wichtiger Aspekt des Freiwilligendienstes, betont Felix Brenneisen, Geschäftsführer beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) Baden-Baden/Bühl. „Wir gewinnen nahezu alle unsere Azubis über das FSJ“, sagt er. Laut Angaben des Landesarbeitskreises FSJ Baden-Württemberg gehen mehr als 30 Prozent der Freiwilligen nach ihrem FSJ in den Bereich der sozialen Arbeit oder in den pädagogischen Bereich. Etwa 25 Prozent wählen einen medizinischen oder pflegerischen Ausbildungsweg. „Mit Blick auf den Fachkräftemangel wäre es also fatal, Freiwilligenstellen zu kürzen“, so Martin Schröder vom Caritasverband für die Stadt Baden-Baden. „Deshalb wollen wir die neue Regierung wachrütteln, um diese Kürzung zu verhindern“, sagt Pfistner.


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