Werder Bremen: Dammbruch am Osterdeich?

Bremen (rap) – Die BT-Sportkolumne: Abstieg aus der Bundesliga, finanzielle Misswirtschaft, Führungsriege in der Kritik: Das Fußball-Urgestein Werder Bremen steht vor einer ungewissen Zukunft.

Teures Schmuckkästchen: Der Stadionumbau zwischen 2008 und 2011, mit 60 Millionen Euro kalkuliert, verschlang wohl 20 weitere, zuvor nicht eingeplante Millionen. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

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Teures Schmuckkästchen: Der Stadionumbau zwischen 2008 und 2011, mit 60 Millionen Euro kalkuliert, verschlang wohl 20 weitere, zuvor nicht eingeplante Millionen. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Als das Spiel vorbei war und der Abstieg an diesem 22. Mai 2021, einem Samstagnachmittag, unweigerlich feststand, legte sich gespenstische Stille über das beinahe leere Weserstadion, diesem Schmuckkästchen am Bremer Osterdeich mit den markanten Flutlichtmasten, die in den Jahrzehnten zuvor stille Beobachter der glorreichen Werder-Historie samt den zahlreichen „Wundern von der Weser“ gewesen waren.

Keine Pfiffe, keine Musik. Stille dort, wo sonst nach dem Abpfiff die Anhänger ihre Schals und Fahnen in die Höhe recken und zu „Werder Bremen, lebenslang Grün-Weiß“ mitträllern – und sich wegträumen. In die alten, erfolgreichen Zeiten. Zu Micouds Heber gegen Oliver Kahn 2004. Zu Diegos Geniestreich 2007 gegen Alemannia Aachen. Von den magischen Europacup-Nächten ganz zu schweigen.

An eben jenem 22. Mai stand auch Thomas Schaaf, die personifizierte grün-weiße Vereinslegende, am Spielfeldrand, mit noch düsterer Miene als ohnehin schon. Der 60-Jährige versuchte zu retten, was schlicht nicht mehr zu retten war, sprang als Interimstrainer für das Endspiel gegen Borussia Mönchengladbach ein, nachdem sich der SV Werder (viel zu spät) von Chefcoach Florian Kohfeldt getrennt hatte. Schließlich, so der Gedankengang der Führungsriege, werkelte Schaaf in den vergangenen vier Jahrzehnten an so manch Werder-Wunder – erst als Spieler, später als Trainer – aktiv und eben auch erfolgreich mit. Doch ein letztes, das ohne Frage wichtigste Wunder, vermochte auch der ehemalige Abwehrspieler nicht mehr zu vollbringen.

Die Wunde von der Weser

Aus dem erhofften Wunder wurde letztlich eine klaffende Wunde von der Weser, die ab Spätsommer mit dem direkten Wiederaufstieg aber geschlossen werden soll. Ob dies jedoch gelingen wird, scheint mehr als fraglich, ist das deutsche Fußball-Unterhaus mit Vereinen wie dem HSV, Fortuna Düsseldorf, Karlsruher SC, Hansa Rostock oder dem 1. FC Nürnberg zu den „Bundesliga Classics“ mutiert. Weitaus schlimmer: Der SV Werder zeichnet seit Jahren ein desolates Bild von sich selbst. Der Damm am Osterdeich droht zu brechen – durch eine jahrelang fehlerhafte Transferpolitik, eine Führungsriege um Sportchef Frank Baumann und Aufsichtsratschef Marco Bode, die nur nach dem Motto „Weiter so!“ handelt, sowie einer finanziellen Misswirtschaft, die die Hanseaten an den Rand der Insolvenz bringt. Die Corona-Pandemie wirkt da nur noch als Brandbeschleuniger für die glimmende Werder-Raute.

Muss nach 40 Jahren als Spieler, Trainer und Technischer Direktor Werder Bremen verlassen: Urgestein Thomas Schaaf. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

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Muss nach 40 Jahren als Spieler, Trainer und Technischer Direktor Werder Bremen verlassen: Urgestein Thomas Schaaf. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Wie prekär die Situation am Osterdeich wirklich ist, zeigt ein Vorgang in dieser Woche: Genau einen Monat nach dem Bundesligaabstieg ist auch Thomas Schaaf Geschichte bei den Hanseaten. Sein Vertrag als Technischer Direktor wurde am Montag nicht verlängert – es ist kein Geld mehr in der klammen Werder-Kasse. „Aufgrund der wirtschaftlichen Situation und der notwendigen Einsparungen auch im Personalbereich konnten wir Thomas Schaaf leider kein Angebot unterbreiten“, lautete das offizielle Statement am Montag. Am Mittwoch, nachdem Schaaf tags zuvor mit Empörung auf die Trennung reagiert hatte („Bin total baff“), verdeutlichte Baumann abermals, in welch prekärer wirtschaftlichen Situation die Grün-Weißen stecken: „Wir konnten ihm einfach kein Angebot machen, selbst nicht zu drastisch reduzierten Konditionen.“ Eine Insolvenz schwebt derzeit wie ein Damoklesschwert über dem Weserstadion, den Norddeutschen sind durch die Pandemie rund 40 Millionen Euro flöten gegangen. Bis Herbst müsse man noch einige Bedingungen erfüllen, um die Lizenz zu erhalten, räumte Baumann im Mai ein. Bisher hat der SVW die Lizenz nur unter Auflagen erhalten. Nämlich solche wie Erträge durch Spielerverkäufe, wie die elf Millionen Euro für Milot Rashica, wohl noch der einzig fußballerisch Begabte beim SVW, den Werder nun nach Norwich City verschifft hat.

Stadionumbau verschlingt Millionen

Das Tischtuch mit Schaaf jedenfalls ist zerschnitten. Ein Armutszeugnis. Es ist nur der bisherige (traurige) Schlusspunkt in Moll, der letzte Akkord des Niedergangs auf Raten, der sich seit 2010 hinzieht. In den Nullerjahren war der SV Werder gar noch Stammgast in der Champions League. Nur zur Erinnerung: Vor gut zehn Jahren zauberte noch Diego im Mittelfeld Seite an Seite mit Mesut Özil, hinten verteidigte Per Mertesacker alles weg, vorne ballerte Schlitzohr Claudio Pizarro Bude um Bude. Und eine Dekade später? Da hielten hinten die Verteidiger Toprak und Moisander meist den Corona-Abstand zu den gegnerischen Stürmern vorbildlich ein, im Mittelfeld führte Kreativlosigkeit Regie und im Angriff verstolperte Davie Selke auch allerbeste Torchancen zielsicher neben das Gehäuse. Saison für Saison, seit Werder sich nicht mehr für einen europäischen Wettbewerb qualifizieren konnte, wurde die Qualität im Kader sukzessive reduziert, auf dem Transfermarkt folgte Flop auf Flop (Wesley, Carlos Alberto, Eljero Elia) für aberwitzige Millionenbeträge – erst unter Ex-Manager Klaus Allofs, zuletzt unter Baumann.

Hatte in der vergangenen Saison ziemlich Ladehemmung: Stürmer Davie Selke. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

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Hatte in der vergangenen Saison ziemlich Ladehemmung: Stürmer Davie Selke. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Ein weiteres Loch in die Werder-Kasse riss auch der Umbau des Weserstadions von 2008 bis 2011 hin zur reinen Fußballarena. Veranschlagt waren rund 60 Millionen, am Ende wurden es 20 mehr. Mit Champions-League-Einnahmen konnten die Zusatzkosten nicht mehr aufgefangen werden, da der SVW bereits damals zur grauen Bundesliga-Maus avancierte, weit weg von magischen Europacup-Nächten. Mittlerweile plagen die Hanseaten Verbindlichkeiten von rund 80 Millionen Euro.

Werder Bremen droht ein ähnliches Schicksal wie vielen Traditionsvereinen zuvor, prominentestes Beispiel dürfte wohl der 1. FC Kaiserslautern sein. Einst war der Betzenberg die gefürchtetste Erhebung Fußball-Deutschlands, nun ist er zu einem kleinen Hügel in der dritten Liga verkommen. Auch der SV Werder hat in den vergangenen Jahrzehnten am Osterdeich so manchem Bundesliga-Unwetter getrotzt, doch der Damm hat zuletzt Risse bekommen – und droht zu brechen.

Im kommenden Jahr wird Thomas Schaaf für 50 Jahre Mitgliedschaft bei Werder geehrt. Bleibt nur zu hoffen, dass sich der Verein dann noch die goldene Ehrennadel leisten kann...

Ihr Autor

BT-Redakteur Christian Rapp

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Erstellt:
24. Juni 2021, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 50sec

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