Werner Henn tritt zurück

Baden-Baden (hol) – „Zwei extreme Tage“ liegen hinter Werner Henn. Daher tritt er als Vorsitzender des Baden-Badener SPD-Stadtverbands zurück. Äußerungen auf Facebook wurden ihm zum Verhängnis.

Werner Henn: Bleibt er Stadtrat?  Foto: Archiv/BT

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Werner Henn: Bleibt er Stadtrat? Foto: Archiv/BT

Der SPD-Stadtverband Baden-Baden braucht einen neuen Vorsitzenden. Werner Henn ist am Mittwochmorgen von seinem Amt zurückgetreten. Sein Mandat als Stadtrat wird er weiter ausüben. Doch auch da wird die Luft dünn: Erste Ratskollegen gehen auf Abstand.

Er habe zwei extreme Tage hinter sich, sagte Werner Henn am Mittwoch auf BT-Nachfrage. Es habe Anrufe auf dem Festnetz und auf dem Mobiltelefon gegeben sowie Mails rund um die Uhr. „Das ist eine groß angelegte Aktion gegen mich – und auch gegen andere, die meinen Beitrag in Facebook geliked haben“, so Henn. Im Messenger-Dienst Telegram seien seine Wohnadresse und seine Telefonnummern veröffentlicht worden. Er habe Nachrichten bekommen mit der Ankündigung, dass man ihn besuchen werde. „Ich fühle mich bedroht“, sagte er. „Ich habe keine Lust mehr, mir das anzutun – und auch meiner Partei nicht. Deshalb trete ich zurück.“

Henn will als Stadtrat weiter machen

Als SPD-Stadtrat wolle er weiter machen, so Henn. Schließlich hätten ihn die Bürger in das Ehrenamt gewählt. Werner Henn war bei der letzten Kommunalwahl 2019 mit Abstand der SPD-Bewerber, der die meisten Wählerstimmen auf sich ziehen konnte. „Auch in der Flüchtlingshilfe und bei meiner Arbeit gegen Rechts werde ich weitermachen. Da lasse ich mich von den Rechten nicht ins Boxhorn jagen.“ Allerdings werde er künftig sicher „weniger provozieren“, so Henn.

Provokativ waren die Sätze, die der SPD-Mann im Januar in einer Facebook-Gruppe losgelassen hatte. Er hatte darüber geschrieben, in eine Spritzpistole Urin abfüllen zu wollen und diesen dann über die Teilnehmer einer Demonstration auf Unterstmatt gegen die Corona-Beschränkungen der Bundesregierung zu sprühen – einer Kundgebung, bei der auch Teilnehmer aus dem rechten Spektrum auftraten.

In der Mail, die Werner Henn am Mittwoch verschickte, zeigte er nun tiefe Reue. Unter der Überschrift „Unangemessen und unverzeihlich“ hieß es: „Ich entschuldige mich hiermit in aller Form für die von mir verbreiteten Äußerungen in einem Internetforum. Menschen in dieser Weise mit Worten zu verletzen war unangemessen und unverzeihlich. Dies tut mir aufrichtig leid.“

FDP fordert Rückzug aus Gemeinderat

Um Schaden von der SPD abzuwenden, in die er vor über 30 Jahren eingetreten sei, um für Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität in der Gesellschaft zu kämpfen, trete er mit sofortiger Wirkung vom Amt des Vorsitzenden des SPD-Stadtverbandes zurück, so Henn weiter. „Ich entschuldige mich auch bei meinen Genossinnen und Genossen für mein Verhalten.“ Wer beim SPD-Stadtverband Henns Nachfolge antritt, darüber gab es am Mittwoch keine Auskunft von der Partei. Im Vorstand sind auch Joachim Knöpfel, Vanessa Bluhm, Doris Hochstuhl und Andrea Bronner aktiv. Auf Anfrage des BT gab es von Joachim Knöpfel keine Reaktion.

Reagiert haben jedoch zwei Stadtratskollegen von Werner Henn: Wolfgang Niedermeyer (FBB) und Rolf Pilarski (FDP). Der FBB-Mann kündigte an, sein Mandat im Aufsichtsrat der Stadt-Baugesellschaft GSE ruhen zu lassen, solange Henn dort weiter tätig sei. In einem Brief an Baubürgermeister Alexander Uhlig meinte Niedermeyer, er habe den Anspruch, in dem Gremium „mit berechenbaren und integren Kollegen für die Ziele und das Wohl der Gesellschaft“ zusammenzuarbeiten. „Das erscheint im Moment nicht gewährleistet.“

Pilarski forderte Henn am Mittwoch dazu auf, auch sein Stadtratsmandat niederzulegen. Henn stehe „nicht uneingeschränkt auf dem Boden unserer Verfassung“ und zeige einen signifikanten „Mangel an Toleranz“, die in einer lebendigen Demokratie unabdingbar sei. Er sei „bereits früher durch geschmacklose und teilweise sittenwidrig wirkende elektronische Veröffentlichungen, die sich anlässlich der Landtagswahlen in Thüringen gegen die FDP richteten, aufgefallen“.

Steinewerfer und Sünder

BT-Redakteur Harald Holzmann kommentiert: „Dass Werner Henn seinen SPD-Vorsitz niederlegt, ist konsequent und verdient Respekt, denn er übernimmt damit folgerichtig die Verantwortung für seinen verbalen Aussetzer im Internet, der nun droht, auch seiner Partei zu schaden. Ob es beim Rücktritt vom Parteiamt bleibt, ist abzuwarten. Kann sein, dass es auch zum Rückzug aus dem Gemeinderat kommt. Das könnte die Folge sein, wenn das Beispiel von FBB-Stadtrat Wolfgang Niedermeyer Schule macht, der eine Zusammenarbeit mit Henn nicht mehr für möglich hält, oder sich noch mehr Stadträte der Forderung von FDP-Mann Rolf Pilarski anschließen. Ein Satz aus dem Johannes-Evangelium ist aber ein guter Ratschlag in solchen Fällen. Er heißt: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Und viele von denjenigen, die jetzt höhnisch lachen und mit Steinen nach Henn werfen – heute tut man das per Facebook, Mail und Telefon – , sind an anderer Stelle selbst als Sünder unterwegs, in welcher Art auch immer. Man darf auch nicht vergessen: Henn hat sich über viele Jahre Verdienste um die SPD erworben – und er hat der Stadtgesellschaft gutgetan mit seinem Engagement für mehr Miteinander, für die EU und die Integration von Menschen. Das alles kann nicht weggewischt werden von einer Äußerung, die er auf Facebook gemacht hat – egal, wie unsäglich sie war.“

Dem Rücktritt ging voraus: Mit Buttersäure und Urin gegen Kundgebung

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Erstellt:
11. März 2021, 10:30 Uhr
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