Westwallbunker in Rastatt

Rastatt (naf) – Der Westwallbunker in Rastatt ist einer von wenigen erhaltenen. Boris Traub und Karl Schweizer nehmen mit auf eine Zeitreise in den Zweiten Weltkrieg.

Karl Schweizer (links) und Boris Straub vom Historischen Verein präsentieren den Westwallbunker an der L 75. Foto: Nadine Fissl

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Karl Schweizer (links) und Boris Straub vom Historischen Verein präsentieren den Westwallbunker an der L 75. Foto: Nadine Fissl

„Kein Licht bei geöffneter Scharte“, „Kein Feuer bei Tag oder in hellen Nächten“, „Achtung. Feind hört mit!“¨: unmissverständliche Anweisungen, die an den Wänden des Westwallbunkers in Rastatt stehen. Anweisungen, die Leben retten können, zumindest im Jahr 1939. Der Westwallbunker war damals einer von vielen entlang des Rheins. „Zirka alle 300 Meter gab es eine Bunkeranlage“, sagt Boris Traub vom Historischen Verein. Heute ist der Rastatter Bunker der einzige erhaltene seiner Bauart in Baden-Württemberg.
800 Westwallarbeiter haben damals mehr als 17000 Bunkeranlagen innerhalb von zwei Jahren gebaut, erzählt Karl Schweizer, stellvertretender Vorsitzender des Historischen Vereins. Allein auf der Gemarkung Iffezheim habe es 68 Stück gegeben, ergänzt Straub.

„Alles an der Anlage ist bis aufs Letzte ausgeklügelt“, sagt er, öffnet die Bunkertür und nimmt mit auf eine Zeitreise ins Jahr 1939. Wie haben Soldaten im Westwallbunker gelebt? Ein Zeitsprung in die Zeit des Zweiten Weltkriegs:

Die 400 Kilogramm schwere Bunkertür lässt sich nur langsam öffnen. Sie ist so massiv, dass sie selbst Panzerschüssen standhalten kann. Für den Fall, dass sie trotzdem beschädigt wird, ist das „Mannloch“, ein quadratischer Notausgang, in ihr eingelassen. Ist der Weg nach draußen versperrt, so gibt es ein paar Meter weiter die gleiche Tür. Auf alles vorbereitet zu sein und alternative Auswege parat zu haben, das ist lebenswichtig für die Soldaten. Die Wände und Decken des Bunkers sind 1,5 Meter dick und damit undurchdringbar.

Mit geduckter Körperhaltung gelangt man ins Innere der Anlage, zunächst in die Gasschleuse. Für den Fall eines Gasangriffs kann dieser Raum luftdicht vom Mannschaftsraum abgetrennt werden. Da sich das Gas auch in Kleidung festsetzt, wird sie ausgezogen und in einen Schrank gesperrt. Der handbetriebene Lüfter im Mannschaftsraum zieht durch Kurbeln Luft an, die durch Aktivkohle gefiltert wird. Die Frischluft durchströmt auch die Schleuse und sorgt dafür, dass das Gas nach außen entweicht. Jetzt kann der Mannschaftsraum betreten werden.

Der Mannschaftsraum wird von der Luftfilteranlage (links) mit Frischluft versorgt. Im rechten Eck steht die „Toilette“. Foto: Nadine Fissl

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Der Mannschaftsraum wird von der Luftfilteranlage (links) mit Frischluft versorgt. Im rechten Eck steht die „Toilette“. Foto: Nadine Fissl

Bis zu 15 Soldaten finden dort Unterschlupf. Alles ist auf Nützlichkeit ausgelegt: Die jeweils drei übereinander liegenden Betten können eingeklappt werden, ebenso wie Tisch und Hocker. Wegen des Schichtwechsels schlafen die Soldaten zu unterschiedlichen Zeiten und brauchen nie alle Betten gleichzeitig.

Das im Lebensmittelschrank gelagerte Essen sollte für zirka eine Woche reichen. Und es muss nicht einmal kalt verzehrt werden: Das Essgeschirr ist so geformt, dass es an den Kamin gehängt werden kann und aufgewärmt wird. Der Kamin spendet Wärme, wie bereits erwähnt, allerdings nur in dunklen Nächten. Die Gefahr, dass der Rauch gesehen und der Bunker lokalisiert werden könnte, ist zu groß.

Ist er doch einmal von Gegnern umzingelt, sind die Soldaten vorerst sicher. Möglichst viele Gefahrensituationen wurden bedacht. Granaten, die durch das Kaminrohr geworfen werden, rollen über eine Abzweigung wieder ins Freie. Sehschlitze und Schiebefenster für Gewehre helfen bei der Verteidigung.

Ist der Bunker besetzt und die Soldaten müssen darin verharren, dient ein mit Torf gefüllter Eimer als Toilette. Das Bunkertelefon ist die Verbindung zur Außenwelt. Die Kameraden außerhalb der Schutzräume können über das Feldtelefon Kontakt aufnehmen. Außerdem ragt ein Sprachrohr in den Kampfraum. Dort ist Platz für drei Soldaten, die ein fest eingespanntes Maschinengewehr bedienen. Auf bis zu 3500 Meter Entfernung können sie damit schießen, in Richtung der Grenze.

Für den Fall, dass alle Türen einmal versperrt sind, gibt es einen Notausgang. Er ist so konzipiert, dass es von außen unmöglich ist, in den Bunker zu gelangen.

Nur während des Sitzkriegs im Einsatz

Die Räume wären vorbereitet gewesen und die Soldaten ausgerüstet, alles war genauestens durchdacht, zum Einsatz kam es jedoch nie. „Der Sehschlitz in der Wand ist noch verriegelt, hier gab es also nie einen Kampf“, erklärt Straub. Lediglich für zwei Wochen während des Sitzkriegs sei der Schutzbau besetzt gewesen. Nachdem es an der Grenze keine Regungen gab, wollte man den anderen Soldaten an die Front in Frankreich folgen und ließ die Räume zurück. Später habe sie der damalige Ortspolizist als Luftschutz für die Bevölkerung verwendet.

„Heute sind wir dankbar, dass wir einfach über die Grenze fahren und auch Bunker unserer damaligen Feinde anschauen können“, sagt Straub. Der Westwallbunker steht für eine schreckensreiche Zeit, in der Krieg, Feindschaft und Angst dominierten, und die nicht in Vergessenheit geraten sollte.

Führung durch den Bunker

Der Historische Verein Rastatt öffnet am Sonntag, 13. September, um 10 Uhr den Westwallbunker an der L 75 in Rastatt (Fahrtrichtung Iffezheim). Eine Anmeldung ist laut Mitteilung nicht erforderlich. Parkplätze sind auf dem Gelände vorhanden.

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Erstellt:
9. September 2020, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 20sec

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