Widerstand gegen Klinik-Neubau in Baden-Baden

Baden-Baden (hol/nof) – Die Stadt Baden-Baden will als Standorte für ein Zentralklinikum drei Kandidaten ins Rennen schicken. Einen davon hat der Ortschaftsrat Sandweier nun aber abgelehnt.

Vor den Toren Rastatts (rechts, oben), auf Baden-Badener Gemarkung: Der Ortschaftsrat Sandweier sagt Nein zum Klinik-Standort „Weiher“ auf der Wiese bei der B3. Foto: Rese-Video

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Vor den Toren Rastatts (rechts, oben), auf Baden-Badener Gemarkung: Der Ortschaftsrat Sandweier sagt Nein zum Klinik-Standort „Weiher“ auf der Wiese bei der B3. Foto: Rese-Video

Mit drei Standortvorschlägen für den Neubau eines Zentralklinikums möchte Baden-Baden in den Wettbewerb mit dem Landkreis treten. Sandweier, Haueneberstein und Balg sind die Kandidaten, die der Gemeinderat ins Rennen schicken soll. Doch es regt sich Widerstand.

Am Montagabend beschäftigten sich die Ortschaftsräte in Sandweier und Haueneberstein mit dem Thema. Dabei wurde in beiden Gremien Kritik laut. Der Ortschaftsrat Sandweier sperrt sich komplett gegen Planungen auf dem Areal „Weiher“ an der B3 kurz vor dem Rastatter Münchfeld. In Haueneberstein hat man zwar „Ja“ gesagt zum möglichen Standort im Wörnersangewand – aber nicht ohne Bauchgrimmen, wie einige Ratsmitglieder deutlich machten. Getragen wurde das Votum von der Hoffnung, durch einen Klinik-Neubau eine Ansiedlung des Internet-Händlers Amazon in Haueneberstein verhindern zu können. Das dritte Gelände in Balg liegt direkt neben der jetzigen Klinik. Es wird von Gutachtern als am unproblematischsten angesehen – abgesehen von der Verkehrsanbindung, für die wohl eine neue Straße gebaut werden müsste.

Mehrheit für FW-Vorschlag

Die Ortschaftsräte in Sandweier jedenfalls folgten mehrheitlich (sieben „Ja“-, drei „Nein“-Stimmen) einem Beschlussvorschlag der Freien Wähler, der dazu auffordert, das Areal „Weiher“ aus dem weiteren Auswahlverfahren zu streichen – aus ökologischen und verkehrstechnischen Gründen, wie Ortschaftsrat Karl-Heinz Raster (FW) betonte. Einen Beschlussvorschlag der Verwaltung, das Areal für das weitere Verfahren zu melden, lehnte das Gremium dagegen mehrheitlich ab. Nun solle geklärt werden, ob man in dieser Frage nur ein Anhörungsrecht habe oder ob ein Einvernehmen hergestellt werden müsse, sagten Raster und Rafael Schulz (CDU).

Die mögliche Klinik-Ansiedlung auf Sandweierer Gemarkung, unmittelbar am Rastatter Wohngebiet Münchfeld gelegen, wird von den Planern als „Interkommunaler Standort“ betrachtet, mit dem man „Rastatt die Hand reichen“ könnte. Die 8,7 Hektar Fläche befinden sich in öffentlicher Hand. Besondere Herausforderungen sind laut Thomas Schwarz, Leiter des Fachbereichs Planen und Bauen, die Lage im Hochwasserschutzgebiet, ein zu beachtender Wildtierkorridor, Lärmbelastungen durch A5, B3 und Bahnstrecke sowie die Verlagerung mehrerer ökologischer Ausgleichsflächen, die sich derzeit noch auf dem Areal befinden.

Wenn im Münchfeld die Sonne später aufgeht

Positiv wirkten sich die Lage am Stadteingang und die gute Verkehrserschließung sowie die Lage im Grünen aus. Der Standort befinde sich an der Schnittstelle, biete Potenzial für ein interkommunales Gewerbegebiet und einen Mehrwert für die Stadt Baden-Baden, die so „Geburtsort“ und „Gesundheitsstadt“ bleibe. Mit einer spürbaren Verkehrszunahme in Sandweier rechnet Verkehrsplaner Stefan Wammetsberger nicht. Das Gros der Autos werde über die B3 fahren, im Ort selbst kalkuliert der Experte mit rund 100 Fahrten mehr am Tag. „Da müssen keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden“, so Wammetsberger. Bei derzeit etwa 7.000 bis 8.000 Fahrzeugen pro Tag „sieht man die zehn Autos mehr pro Stunde gar nicht“. Für die Klinik rechnet er mit rund 3.700 Fahrzeugbewegungen am Tag.

„Bei 30 Meter hohen Baukörpern geht bei den Anwohner im Münchfeld die Sonne eine Stunde später auf“, sagte Ortschaftsrat Schulz. Er könne sich nicht vorstellen, dass es dort keine Probleme gebe. Zudem würden auf dem Areal bereits drei naturschutzrechtliche Ausgleichsmaßnahmen für andere Bauvorhaben umgesetzt, die müssten nochmals verlagert werden. „Das dürfte schwierig werden“, kritisierte er. Auch Karl-Heinz Raster konnte nicht nachvollziehen, „weshalb ein intaktes Naturgebiet platt gemacht werden soll. Der Preis ist zu hoch.“ Das Areal sei nur aus politischen Gründen ausgewählt worden. Dem schloss sich AfD-Rat Kurt Hermann an, der unter anderem auf die Grundwasserproblematik verwies. Auch Robert Kaiser (FDP) sprach sich gegen die Weiterverfolgung der Planungen am Areal „Weiher“ aus.

Kurt Hochstuhl (SPD) betonte hingegen, dass Neubauten immer mit Versiegelung verbunden seien. „Auch am vorgeschlagenen Standort Balg gibt es intakte Flora und Fauna.“ Er plädierte dafür, den ergebnisoffenen Prozess mit dem Ziel eines Zentralklinikums nicht aufzuhalten, sondern weiterlaufen zu lassen. Dem stimmte auch Jürgen Louis (Grüne) zu. Man könne nicht immer nur vor der Haustür anderer suchen.

Amazon oder Klinik: Pest oder Cholera

Kritische Stimmen gab es auch in Haueneberstein. Angesichts der Planungen, die auf bis zu elf Hektar Fläche einen Gebäudekomplex mit sieben Stockwerken für 1.500 Beschäftigte plus Hubschrauberlandeplatz und ein großes Parkhaus vorsehen, meinte Dirk Franzen (Freie Wähler), ein Projekt in derartiger Größe könne Haueneberstein nicht zugemutet werden. Er verwies auch auf die Tatsache, dass die geplante Zufahrt ausschließlich über Bertha-Benz- und Gottlieb-Daimler-Straße abgewickelt werden soll. „Das kann ich nicht mittragen“, sagte er. Auch Kerstin Zaum (Freie Wähler) berichtete, dass sich Bürger an sie gewandt hätten, die sich Sorgen machten wegen der Planungen für das Klinikum, die, falls sie realisiert werden, die Ansiedlung von Amazon in Haueneberstein verhindern würden. „Das ist aber eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera“, sagte Zaum. „Ich bin von beiden Projekten nicht angetan.“

Problematisch könnten in Haueneberstein die PFC-Belastung des Areals und die Lage im Wasserschutzgebiet sein. Zudem werden in dem Gelände archäologische Funde aus der Steinzeit vermutet, sodass vor einem Baubeginn Sondierungsgrabungen stattfinden müssten. Für den Standort sprechen dagegen die guten Entwicklungs- und Erweiterungsmöglichkeiten und eine gute Anbindung an den Nahverkehr samt Stadtbahnhalt.

Als „schwierige Entscheidung“ bezeichnete Sabine Iding-Diehlmann (Grüne) das Thema. Der Klinik-Standort habe Vor- und Nachteile, leicht werde es nicht für Haueneberstein, egal ob Amazon komme oder die Klinik. Trotzdem plädierte sie dafür, dass Wörnersangewand im Rennen bleibt. Das grüne Idyll derzeit auf dem Areal sei ohnehin nicht zu halten, meinte Reinhilde Kailbach-Siegle (CDU), weil es sich laut Flächennutzungsplan eben um ein Gewerbegebiet handele. Für sie sei es entscheidend, dass der Klinik-Neubau einen Mehrwert für Haueneberstein darstellen könnte, während die Ansiedlung von Amazon das nicht wäre. Dem stimmten auch Andrea Bronner (SPD und Volker Maier (Freie Wähler) zu. Arbeitsplätze in einer Klinik hätten eine andere Qualifikation und Dimension als bei Amazon, sagte Maier. Er schlug vor, eine Zufahrt direkt von der B3 zur Klinik zu bauen und so die Straßen in Haueneberstein zu entlasten. Am Ende stimmten nur Franzen und Zaum gegen die Planung.

Balg: Tangente nach Oos angedacht

Bei Balg sehen die Pläne Neubauten auf zwölf Hektar unter anderem auf einer städtischen Streuobstwiese direkt neben der Balger Hauptstraße vor. Zur Verbesserung der Verkehrserschließung ist der Neubau einer Straße angedacht, die von der B3 bei Oos direkt zum Herrenpfädel am Knotenpunkt mit der Schußbachstraße führen würde. Als problematisch sehen die von der Stadt beauftragten Gutachter hier lediglich die Hanglage des Grundstücks an.

Der Gemeinderat wird am 20. September bei einer Sondersitzung um 16 Uhr im Kongresshaus entscheiden, welche Standorte die Kurstadt endgültig ins Rennen schickt.

BT-Redakteur Harald Holzmann kommentiert

Welche Kröte ist kleiner?

So manchen dämmert es langsam: Ein Klinik-Neubau ist keine Kleinigkeit. Bis zu sieben Stockwerke hohe Gebäude, 500 Hubschrauber-Landungen im Jahr, ein großes Parkhaus, 1.500 Mitarbeiter, mehr als 700 Patienten, eine Notfall-Ambulanz, Verkehr rund um die Uhr – alles kein Pappenstiel. „Das ist eine kleine Stadt, die da entsteht“, sagte Fachbereichsleiter Thomas Schwarz. Da mussten einige Ratsmitglieder in Haueneberstein schlucken – und vielleicht dachte mancher, dass der von Amazon in wenigen 100 Metern Entfernung angepeilte Neubau, der durch die Klinik-Überlegungen ausgebremst werden soll, doch die kleinere Kröte wäre.

Zwar stimmte der Ortschaftsrat der Eberbachgemeinde am Ende mehrheitlich dafür, das Areal Wörnersangewand für die Klinik im Rennen zu halten. Hauptantriebskraft dürfte dabei aber die Hoffnung sein, auf diese Weise den Internet-Händler, der nun ein Jahr warten muss, bis die endgültige Entscheidung für den neuen Klinik-Standort fällt, zu vergrämen. „Vielleicht überlegt es sich Amazon bis dann ja anders“, so war zu hören. Aber das ist eine dünne Hoffnung. Was ist schon ein Jahr Wartezeit für einen Weltkonzern?

Auch in Sandweier hat der Ortschaftsrat nicht Hurra geschrien, als das Klinik-Projekt zur Sprache kam. Im Gegenteil: Der Standort Weiher, der von vielen favorisiert wird, weil er nahe bei Rastatt liegt und doch auf Baden-Badener Gemarkung, und der beste Voraussetzungen dafür böte, die neue Klinik interkommunal aufzustellen, kassierte im Topidorf ein klares Nein. Bleibt die dritte Option: ein möglicher Klinik-Neubau in Balg. Pech für die Balger, dass sie keinen Ortschaftsrat haben. Wetten, dass sonst auch dort schon Kritik laut geworden wäre? Doch egal, wie die Ortschaftsräte entscheiden, das letzte Wort hat am Ende der Gemeinderat. Und dort wird man wahrscheinlich alle drei Baden-Badener Standorte im Rennen halten wollen, um am Ende im Wettlauf mit Rastatt mithalten zu können.

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Erstellt:
14. September 2021, 14:53 Uhr
Lesedauer:
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