Wie Leiharbeiter in Durmersheim wohnen

Durmersheim (as) – Die Corona-Pandemie rückt die Wohnverhältnisse der Leiharbeiter des Fleischwerks Rheinstetten in den Fokus.

Kein Anlass für Corona-Tests: Im Zuge der Pandemie rückt dennoch die Unterbringung der Leiharbeiter aus dem Edeka-Fleischwerk Rheinstetten in den Fokus. Foto: Britta Pedersen/dpa

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Kein Anlass für Corona-Tests: Im Zuge der Pandemie rückt dennoch die Unterbringung der Leiharbeiter aus dem Edeka-Fleischwerk Rheinstetten in den Fokus. Foto: Britta Pedersen/dpa

Immer wieder neue Schlagzeilen von Covid-19-Infektionsherden in der fleischverarbeitenden Industrie in Deutschland bereiten Bürgern und Kommunalpolitikern in Durmersheim zunehmend Sorgen. Denn in der 12500-Einwohner-Gemeinde im nördlichen Landkreis sind zahlreiche Mitarbeiter aus Ost- und Südosteuropa eingemietet, die als Leiharbeiter im Edeka-Fleischwerk Rheinstetten tätig sind.

Bislang gab es dort allerdings keinen einzigen Corona-Fall, wie Edeka Südwest in Offenburg kürzlich mitteilte (das BT berichtete). Deshalb gebe es auch keinen Anlass für Covid-19-Tests, so ein Unternehmenssprecher. Hintergrund war die Forderung von Linken-Kreisrat Jürgen Creutzmann, „unverzüglich mit Corona-Tests zu beginnen, ehe Infektionsherde entstehen können“. Edeka Südwest hingegen verweist darauf, dass Abstands- und Hygienebestimmungen im Werk umgesetzt und regelmäßig kontrolliert würden. Gemeinsam mit „Dienstleistern“ würden auch Arbeitsschutzstandards in Bezug auf die Unterbringung und den Arbeitsweg „erarbeitet“. So versuche man, „Kontaktpunkte möglichst zu vermeiden“ und das Infektionsrisiko „auch außerhalb des Arbeitsplatzes so gering wie möglich zu halten“.

Dennoch macht man sich auch im Landkreis Rastatt Sorgen. Linken-Kreisrat Dieter Balle hat sich mit der Frage nach Corona-Tests bei den Beschäftigten des Fleischwerks, die in der Gemeinde wohnen, nun ans Landratsamt Rastatt gewendet. Dort sieht man aber keinen Handlungsbedarf. Vorbeugende Tests bei den laut Firmen-Homepage mehr als 1000 Beschäftigten sind offenbar nicht vorgesehen. Aber man beobachte die Situation und sei auch im steten Austausch mit dem Landratsamt Karlsruhe, sagt Pressesprecherin Gisela Merklinger.

Thema im Gemeinderat

Jüngst hatte in einer Gemeinderatssitzung bereits die Durmersheimer SPD-Fraktion geargwöhnt, die beengten Wohnverhältnisse könnten ein Risiko für einen möglichen Infektionsherd darstellen. Entsprechende Befürchtungen aus der Bevölkerung seien an ihn noch nicht herangetragen worden, sagt der Durmersheimer Bürgermeister Andreas Augustin auf BT-Anfrage. Allerdings betont er, dass die Unterbringung der mit Werkverträgen zu Dumping-Preisen in Deutschland beschäftigten Ost- und Südosteuropäer in sogenannten Monteurswohnungen der Gemeindeverwaltung schon lange ein Dorn im Auge ist. In der Regel handle es sich um private Mietverhältnisse – oft in älteren Häusern. Dort würden die Arbeiter nach seinen Informationen teils 20 Euro pro Nacht für die Unterbringung zu viert in einem Zimmer bezahlen. Er gehe von mehr als 20 solcher Unterkünfte im Ort aus. Die Gemeinde als Ortspolizeibehörde könne jedoch nur bei entsprechenden Hinweisen in Sachen Prüfung der Wohnverhältnisse aktiv werden. Bislang habe es solche nicht gegeben. In Zeiten der Corona-Pandemie wolle die Gemeinde allerdings nun aktiv werden, um Missständen vorzubeugen, kündigt Augustin an. Wie genau, dazu wollte er sich nicht äußern.

Die Mitarbeiter des für Edeka tätigen Dienstleisters seien verteilt auf Wohngemeinschaften und Hotels, betont das Unternehmen – wohl mit Blick darauf, dass es Corona-Ausbrüche in Fleischwerken bisher vor allem in Sammelunterkünften gab.

Bereits im Februar hatte das Geflecht mit Subunternehmern und Leiharbeitern für eine groß angelegte Razzia unter anderem in den Durmersheimer Wohnungen geführt (wir berichteten). Der Verdacht lautete auf illegale Beschäftigung. 29 Ukrainer mit gefälschten Ausweisen, die diese unter anderem als Polen, Slowaken oder Rumänen ausgaben, waren laut Polizei entdeckt worden.

Das Werk in Rheinstetten liefert Fleisch und Wurst an 1200 Supermärkte in Südwestdeutschland. Täglich werden mehr als 5000 Schweinehälften zerlegt, 250 ganze Rinder verarbeitet und rund 80 Tonnen Wurst hergestellt. Das Vieh kommt laut Unternehmensseite von 800 Landwirten aus ganz Baden-Württemberg. Weil „auf dem hiesigen Arbeitsmarkt“ qualifizierte Mitarbeiter seit vielen Jahren „nicht verfügbar“ seien, greife man im Fleischwerk „in einem Teilbereich“ der Verarbeitung auf Dienstleister zurück, informierte das Unternehmen auf BT-Anfrage bereits Mitte Mai.

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Erstellt:
27. Mai 2020, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 45sec

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