Wie Rastatter Wirte gegen die Pandemie kämpfen

Rastatt (sawe) – Außenbewirtung, Heizstrahler, Zelte, Belüftungskonzept: Rastatter Gastronome kämpfen mit vielen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie und müssen trotzdem vorübergehend schließen.

Neue Investition im Zuge von Corona: Jeanette Ruh vom „Baju“ mit ihren Infrarotstrahlern. Foto: Frank Vetter

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Neue Investition im Zuge von Corona: Jeanette Ruh vom „Baju“ mit ihren Infrarotstrahlern. Foto: Frank Vetter

Viele Tische vor dem Café-Bistro „Baju“ sind besetzt, Stimmengewirr erfüllt die Schlossstraße. Menschen sitzen entspannt bei einem Kaffee oder genießen eine Mahlzeit – schön gewärmt von Infrarotstrahlern, die Jeanette Ruh vor einigen Wochen extra wegen der Corona-Pandemie angeschafft hat, damit ihre Gäste auch im Winter draußen sitzen können. „Das wird gut angenommen“, freut sich die Inhaberin. Doch diese Freude ist seit Mittwoch kräftig getrübt, nachdem Bund und Länder einen erneuten deutschlandweiten Lockdown für Gastronomiebetriebe vom 2. November bis Monatsende beschlossen haben. Als „scheußlich und ungerecht“ empfindet sie diesen.
Schließlich sei nur ein ganz geringer Prozentsatz der Infektionen auf die Gastronomie zurückzuführen, führt sie ins Feld. Nach dem ersten Lockdown in diesem Jahr habe man im Sommer besonders viel gearbeitet, viele Überstunden gemacht und sich ein kleines Polster erarbeitet, das nun gleich wieder aufgebraucht werde, ärgert sich die Gastronomin und denkt auch an ihre Mitarbeiter, die wahrscheinlich wieder in Kurzarbeit müssen.

„Wir werden die vier Wochen überleben, das wird zwar sehr hart, aber die Gesundheit geht vor“, sagt Beata Sender vom Restaurant „Murgdamm“, die sich mit Mitnahmeessen in der Zeit behelfen will und auch bereits Maßnahmen getroffen hat, um über den Winter zu kommen: Die überdachte Terrasse vor dem Lokal ist teilweise mit Plastikwänden windgeschützt, sie wird komplett am Montag von den Gartenfreunden Murgdamm ummantelt, Heizpilze sorgen für Wärme. Besonders schwer werde es freilich für Betriebe werden, die im Sommer kein Geschäft und keine Rücklagen haben, denkt Sender mit viel Mitgefühl an die Kollegen – und befürchtet: „Nach dem zweiten Lockdown werden manche Pleite gehen.“

„Die Leute sind verunsichert und haben Angst“

Die Gastrobranche hat im Corona-Jahr starke Umsatzeinbrüche hinnehmen müssen, viele Wirte klagen zudem über immer weniger Kunden aufgrund der steigenden Infektionszahlen gerade in jüngster Zeit. Dietmar Licht vom „Rheinau-Pub“ beispielsweise kann davon ein Lied singen: Im Vergleich zur Vorwoche seien die Umsätze um 50 Prozent eingebrochen, geplante Geburtstagsfeiern und Jahrgangstreffen kurzfristig abgesagt worden. „Die Leute sind verunsichert und haben Angst“, meint Licht. Als Nachtschwärmerlokal ist das Pub zudem besonders stark von einer weiteren Einschränkung betroffen: Die auf 23 Uhr begrenzte Sperrzeit wirkt sich deutlich auf die Kundenfrequenz aus. „Eine Katastrophe“, so Licht. Stammgäste, die gerne etwas später am Abend oder nach Schichtende ihr Feierabendbier bei ihm getrunken haben, bleiben weg. Das bestätigen auch andere befragte Wirte für ihre Lokale, die erst am frühen Abend öffnen. Mit dem Lockdown ist die Sperrstunde allerdings erst einmal Makulatur.

Noch kein Antrag bei der Stadt eingegangen

„Sie wird auch nichts nützen, das Problem wird nur verlagert. Die Leute werden zu Hause weiterfeiern“, meint nicht nur Klaus Jägel von der „Schiffstraße 4“. Dabei wäre es in Lokalen viel sinnvoller und auch sicherer, ist auch Frank Hildenbrand, Vorsitzender der Kreisstelle des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), überzeugt: Gerade in Lokalen müssten ja anders als im privaten Bereich die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten und die Namen der Gäste registriert werden. Positiv sieht Jägel, dass die Stadt den Gastronomiebetrieben auf Antrag die Möglichkeit für eine erweiterte Außenbewirtung auf öffentlicher Fläche gibt. Die dürfte vor allem für die Lokale in der Innenstadt interessant sein, die einen Mittagstisch anbieten, meint er. Bislang sei noch kein einziger Antrag bei der Stadt eingegangen, teilt die städtische Pressestelle auf BT-Nachfrage mit. Es würde offenbar zunächst die weitere Entwicklung in der Corona-Krise abgewartet, mutmaßt die Stadt.

Das „Lehners Wirtshaus“ hat bereits mit Inkrafttreten des Nichtraucherschutzgesetzes ein Zelt im Winter auf der Terrasse des Lokals aufgebaut. Dabei wird es auch bleiben. „Wir haben innen viel Fläche, hohe Räume und eine gute Lüftungsanlage“, erläutert Geschäftsführer Robert Amos. Diese schaffe einen sechsfachen Austausch der Raumluft pro Stunde.

Frischluft-Konzept für mehr Sicherheit

Somit werde den Aerosolen bestmöglich entgegengearbeitet. Vor drei Wochen sei zudem wegen der Corona-Pandemie eine CO2-Messanlage installiert worden, um Sicherheit für die Gäste zu schaffen. Mit dem Frischluft-Konzept werde stets die Qualität der Raumluft gemessen. Auch das „Schnick-Schnack“ hat in dieser Woche mit einer CO2-Messanlage nachgerüstet.

Investiert haben auch Sebastian und Olga Schildhorn in Förch. Im Biergarten in der „Krone“, deren Fassade gerade neu gestrichen wird, stehen zwei angemietete Pagodenzelte, die mit Holz- und Teppichboden, „ordentlichen Stühlen und Tischen“ sowie Kronleuchtern an den abgehängten Decken und Feuersäulen in jeder Ecke und einer Belüftungsanlage ausgestattet wurden, berichtet Schildhorn. Mit der Außenbewirtung sollen die Plätze wettgemacht werden, die man durch die Abstandsregelung im Lokal nicht besetzen kann. Der Abstand im Restaurant soll aber auch in Zukunft beibehalten werden, wenn es nicht mehr vorgeschrieben ist, erläutert der Pächter, „denn wir finden es besser so“. Nächstes Jahr will er sein eigenes Zelt kaufen. „Wir haben auch Positives in der Corona-Zeit gelernt und uns überlegt, was wir noch verbessern können“, verdeutlicht er. Es sei allerdings schwer zu begreifen, dass man trotz geringer Infektionszahlen in der Gastronomie nun wieder als Erster beschnitten wird, betont Hildenbrand. Der Dehoga-Verband werde nun das weitere Vorgehen beraten. Was bleibt, sei die Hoffnung auf ein gutes Weihnachtsgeschäft. „Und die Hoffnung stirbt zuletzt“, meint Hildenbrand in einem Anflug von Galgenhumor.

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Erstellt:
28. Oktober 2020, 20:30 Uhr
Lesedauer:
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