„Wie auf einem anderen Planeten – oder wie im Film“

Baden-Baden (kie) – Vom Murgtal nach Hollywood: Ulrich Schwarz ist in Gernsbach aufgewachsen und ein international tätiger Filmproduzent. Nun kommt sein neuestes Filmprojekt „Stowaway“ in die Kinos.

„Stowaway“ läuft nun in den deutschen Kinos. Der Film wurde vollständig in Deutschland produziert. Foto: Wild Bunch

© © 2021, Stowaway Productions, L

„Stowaway“ läuft nun in den deutschen Kinos. Der Film wurde vollständig in Deutschland produziert. Foto: Wild Bunch

Während der Corona-Pandemie ist es still geworden ums Kino. Doch die Lichtspielhäuser öffnen nun wieder ihre Türen; am 1. Juli plant ein Großteil der Kinos die Wiedereröffnung. Dann wird auch der Film „Stowaway“ zu sehen sein. Er wurde unter anderem von Ulrich Schwarz produziert, der in Gernsbach aufgewachsen ist. Sein filmisches Handwerkszeug erlernte er unter anderem in Hollywood. Über die Vorzüge einer Jugend im Schwarzwald, seinen beruflichen Werdegang und die Folgen der Pandemie für den Kinofilm und neue Vertriebswege sprach Schwarz mit BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch.

BT: Herr Schwarz, Sie sind in Gernsbach aufgewachsen, haben unter anderem in Hollywood gearbeitet und leben und arbeiten inzwischen in Berlin als leitender Produzent für die Produktionsfirma „Rise Pictures“. Inwiefern hat Ihre Herkunft Einfluss auf Ihre Arbeit?
Ulrich Schwarz: Die Herkunft hat mich immer geprägt. Sobald ich den badischen Singsang höre, geht mir das Herz auf. Man findet immer eine Lösung, wenn man miteinander redet – das habe ich eigentlich im Badischen gelernt. Was außerdem sehr prägend war und was ich eigentlich immer mitnehme, ist eine gewisse Bodenständigkeit. Diese Bodenständigkeit lässt einen auch etwas unkomplizierter werden, was gerade bei der Zusammenarbeit mit Stars oder mit Regisseuren mit einem hohen Bekanntheitsgrad gut ist, um miteinander zu einer Lösung zu kommen. Wenn man mit seiner Bodenständigkeit aus dem Murgtal in ein möglicherweise schwieriges Gespräch geht, ist es manchmal echt überraschend, wie einfach eine Lösung sein kann. Im Murgtal wächst man in einem kleineren Umfeld auf, wo man stärker aufeinander angewiesen ist, wo man überlegen muss, wer einen am Wochenende mit in die Disco nimmt. Das Teamwork, die Kollaboration, das kreative Miteinander: Das alles muss man im Murgtal einfach machen, denn dort kommen Einzelkämpfer noch weniger weit, als ohnehin schon.

BT: Wann haben Sie gemerkt, dass das Kino Ihre berufliche Heimat werden könnte?
Schwarz: Sie werden lachen, aber mit dem BT hat einiges angefangen, auch was die Beschäftigung mit Kunst und Kultur betrifft. In der Gaggenauer Lokalredaktion habe ich als Schüler eine Weile über verschiedene Themen geschrieben und auch Fotos gemacht. Auch wenn ich im Globus- oder im Atlantis-Kino saß, und mich in die Filme, die ich dort sah, echt verloren habe, hatte ich immer das Gefühl, dass das Künstlerische auch eine Richtung für mich sein könnte. Trotzdem habe ich erst einmal in München ein Studium des Bauingenieurwesens begonnen. Das kommt mir übrigens heute noch zugute, etwa wenn man mit Szenenbildnern und Produktionsdesignern spricht, denn da geht es ja auch immer wieder um Baupläne. Doch schon beim Studium hat mir die kreative Seite gefehlt, die ich dann bei einem Praktikum in einer Filmproduktionsfirma gefunden habe. Mein erster Job als Produktionsassistent brachte mich zu Anthony Quinns letztem Film „Seven Servants“. Und da habe ich schnell gemerkt: Die Filmwelt ist die richtige Welt für mich.

BT: Wie kamen Sie dann nach Hollywood?
Schwarz: Zunächst habe ich drei Jahre bei einer Produktionsfirma in München gearbeitet. Dort habe ich dann irgendwann gespürt, dass ich eine neue Herausforderung brauche. Dann habe ich mich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg beworben, was problemlos geklappt hat. Ich habe bei Professor Clevé studiert, der mir sagte, ich solle nach Los Angeles gehen und mir das Ganze dort anschauen. Da war er sehr zukunftsgerichtet. Das Land Baden-Württemberg hat 2003 erstmals einen Hollywood-Workshop vor Ort für vier Wochen finanziert, und ich war unter den ersten Studenten, die diesen besucht haben. Da hat sich für mich eine noch einmal ganz andere Welt aufgetan.

BT: Inwiefern?
Schwarz: Ich wusste sofort: Da will ich mehr. Deshalb habe ich im Anschluss in Los Angeles an der UCLA School of Theater, Film and Television einen Master of Fine Arts in Producing absolviert, also Filmproduktion studiert. Parallel habe ich Praktika gemacht, um tiefer in diese Industrie einzutauchen, beispielsweise bei Wolfgang Petersen oder bei „Warner Independent Pictures“, wo mir plötzlich Steven Soderbergh und George Clooney gegenüberstanden und mir ein Drehbuch in die Hand gedrückt haben. Ich sollte das den Warner-Chefs übergeben. Das war einfach alles wie auf einem anderen Planeten – oder eben wie im Film.

BT: Was sind denn die Unterschiede zwischen Hollywood und der deutschen Filmindustrie?
Schwarz: Ich glaube, das Handwerk ist überall gleich, aber was die Budgets betrifft, kommen in Hollywood immer noch mehrere Nullen dazu. Und es hat eine unglaubliche Professionalität. Die Menge und Größe der Projekte, die vertraglichen Verhandlungen: Das findet alles auf einem anderen Level statt, weil es eine richtige Industrie dort ist. Hollywood ist eine richtige Filmprojekt-Schmiede, vergleichbar etwa mit einer Autoproduktion. Die schiere Masse und Größe ist schon beeindruckend. Aber auf der anderen Seite ist Hollywood auch ein Dorf: Man lernt sich kennen und gründet seine Film-Familie. Miteinander ist auch dort das Credo. Und da war die UCLA einfach gewinnbringend – einerseits was die Ausbildung betrifft, aber auch die Netzwerke, die sich dort bilden ließen. Viele meiner Kommilitonen sind inzwischen wichtige Produzenten in Hollywood.

BT: Für Ihren neuesten Film „Stowaway“ haben Sie ja auch mit diesen Kollegen kooperiert. Der Film läuft bereits seit April auf Netflix, ab Donnerstag ist er in den deutschen Kinos zu sehen. War der Vertriebsweg über einen Streaminganbieter eine coronabedingte Entscheidung?
Schwarz: Ja, denn es war immer ein Kinofilmprojekt. Doch durch die Pandemie hat sich die Welt schlagartig auch für uns verändert. In Deutschland ist es auch nach wie vor ein Kinofilm, aber leider nicht mit einem sehr großen Aufschlag, weil alles ja noch in den Anfängen ist, und weil mittlerweile Hunderte von Filmen auf Halde sind, die in den letzten eineinhalb Jahren nicht abgespielt werden konnten. Es gibt einen unglaublichen Rückstau von Projekten, die ins Kino müssen und das ist eigentlich ein riesen Dilemma. Bei „Stowaway“ ist Netflix dann zu einem gewissen Zeitpunkt für ausgewählte Territorien um die Ecke gekommen, vor allem für die internationale Auswertung. Eigentlich sollte „Stowaway“ auch weltweit in den Kinos landen. Nun läuft er – außer in Deutschland – bei Netflix. Im Vereinigten Königreich und den USA waren wir mehrere Wochen Platz eins, was die Zugriffszahlen auf Netflix betrifft. Dennoch: Konzipiert und produziert ist der Film mit seinen großen Bildern und den aufwendigen visuellen Effekten als ein ganz normales Kinofilmprojekt, das über den Verleiher „Wild Bunch“ in Deutschland ausgewertet wird.

BT: Ist denn die Verlagerung von Kinofilmen auf die Streamingdienste eine generelle Entwicklung?
Schwarz: Die Streaming-Revolution ist nicht aufzuhalten, auch wenn ich guter Hoffnung bin, dass sich die Kinos, sobald sie wieder öffnen, ihre Marktanteile zurückholen. Denn das Gemeinschaftserlebnis im Kino ist doch einzigartig. Aber man sieht es ja an großen Playern wie Disney: Eigentlich ist Disney ein Kino-Studio, aber mit Disney+ gibt es jetzt einen Abspielort für den Konzern, auf dem er sogar seine großen Disneyfilme exklusiv auswertet und sie gar nicht erst ins Kino bringt. Die Vertriebswege werden sich komplett verändern. Wünschenswert wäre, wenn es mehr Hand in Hand gehen würde – also vielleicht parallel im Kino und auf den Streamingplattformen. Aber das ist auch eine politische Diskussion. Mein persönliches Bekenntnis zum Kino ist da, aber der Wandel ist groß.

BT: Welchen Einfluss hatte die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit als Produzent?
Schwarz: „Rise“ ist ja beides – mit „Rise Pictures“ ein Filmproduzent, aber auch ein Unternehmen für visuelle Effekte. Das heißt, wir sind Partner für viele internationale Produktionen, wie „Stranger Things“, „Captain America“, „Wandavision“, „Dark“, „Westworld“. In dem Bereich war die Zeit schon eine Herausforderung, weil alle internationalen Großproduktionen ja erst einmal still standen. Das heißt, es gab auch spürbar weniger Bedarf an visuellen Effekten. Zu Beginn der Pandemie waren unsere Auftragsbücher noch voll, aber im Laufe der Zeit erlebten wir dann die Krisensituation. Bei unserem Filmprojekt „Stowaway“ hatten wir allerdings echt Glück. Wir haben die Dreharbeiten vor Corona abgeschlossen und sind mit der Postproduktion, die ja im Anschluss an die Dreharbeiten stattfindet, in die Corona-Zeit geschlittert. Glücklicherweise haben wir es noch gut organisiert bekommen, hier in Deutschland die Postproduktion inklusive Visual Effects, Musik- und Sprachaufnahmen komplett digital zu gestalten und dabei eng mit dem Regisseur Joe Penna, der in L.A. lebt, abzustimmen. In diesem Punkt sind wir schon länger routiniert, weil wir es als Visual-Effects-Studio ohnehin gewohnt sind, vieles über digitale Wege zu klären. Aber während den Dreharbeiten in die Corona-Zeit zu laufen, das wäre ein Fiasko gewesen.

BT: Haben Sie aktuell denn neue Projekte oder warten Sie jetzt ab, bis sich die Corona-Situation weiter abflacht?
Schwarz: Nein, nein. Es gibt viele Pfeile im Köcher, denn es wird ja auch nicht jedes Projekt realisiert, das wir anschieben. Wenn es gut läuft, werden von zehn Projekten vielleicht drei oder vier Projekte verwirklicht. Aktuell haben wir ein großes Animationsfilmprojekt zusammen mit Volker Engel, Gewinner eines Oscars für die visuellen Effekte bei „Independence Day“, vor uns: „Igraine Ohnefurcht“ nach einem Buch von Bestsellerautorin Cornelia Funke. Dafür haben wir jetzt eine Projektentwicklungsförderung in Bayern erhalten. Außerdem haben wir mit „Grimm“ eine internationale Serie in der Entwicklung, die auch von der Filmförderung in Stuttgart gefördert wurde. Und dann gibt es noch andere Projekte, über die ich nicht so viel reden darf. Also: Die Motoren laufen, weil jetzt natürlich jeder produzieren kann und auch will. Die Einschränkungen durch Corona sind reduziert. Momentan brechen deshalb die Auftragsbücher bei Produzenten und Studios aus allen Nähten. Studiogelände, wie bei der Bavaria oder in Babelsberg, sind weitgehend ausgebucht. Man findet nicht mal mehr Filmgeschäftsführer oder Buchhalter oder Make-up-Leute, weil alle in Arbeit sind.

Zum Thema: Hollywoodfilm „Stowaway“

Drei Astronauten, unter anderem verkörpert von Anna Kendrick („Up in the Air“) und Toni Collette („The Sixth Sense“), starten eine Marsmission. Kurz nach dem Start stellt sich heraus, dass ein blinder Passagier an Bord ist. Schnell wird klar, dass die Sauerstoffvorräte nicht für alle Insassen des Raumschiffs reichen werden.

Der Film „Stowaway“ von Regisseur Joe Penna („Arctic“) wurde als internationale Koproduktion komplett in Deutschland gedreht: Die Innenaufnahmen des Raumschiffs sind in den Bavaria Filmstudios in München, die Außenaufnahmen in den MMC-Studios in Köln entstanden, „weil da die höchste Halle der Welt steht, in der wir an langen Stahlseilen den Spacewalk, den Spaziergang im All, gefilmt haben“, erklärt Produzent Ulrich Schwarz im Gespräch mit dem BT.

Für ihn beinhalte der Film eine „komplexe Einfachheit“: Es sei „kein Spacemovie mit Monstern, Raumschlachten, Explosionen geworden, sondern eine moralische Geschichte“, fügt er an. Die Geschichte sei damit übertragbar: „Sie könnte auch auf einem Rettungsboot spielen. Mit welchen menschlichen Überlegungen und Werten muss man sich auseinandersetzen, wenn genau jener zusätzliche Mensch das eigene Leben gefährdet?“, so Schwarz. Zudem sei der Film „visuell sehr ansprechend“, weil er reale Bedingungen im All zum Vorbild gehabt habe. „Es ist ein filmisches Spektakel, das eher einer baldigen, absehbaren Realität entspricht und nicht der Science Fiction“. Der Verleiher „Wild Bunch“ bringt den Film ab 24. Juni in die deutschen Kinos, die internationalen Rechte liegen hingegen bei Netflix.

„Mit dem BT hat einiges angefangen“, sagt Filmproduzent Ulrich Schwarz zu seinem beruflichen Werdegang. Foto: Rise Pictures

© Rise Pictures

„Mit dem BT hat einiges angefangen“, sagt Filmproduzent Ulrich Schwarz zu seinem beruflichen Werdegang. Foto: Rise Pictures


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.