Wie der „Schlachthof“ zum Kulturpark wurde

Karlsruhe (BNN) – Der Traum schien aus, bevor er angefangen hatte – doch dann kam Schwung in die Umwandlung des Karlsruher Schlachthofs in einen Kultur- und Kreativpark.

Kulturgelände als Publikumsattraktion: Wie hier bei der bislang letzten Ausgabe vor fünf Jahren gibt es auf dem Kreativpark Alter Schlachthof am Samstag beim Festival „Schwein gehabt“ wieder viel Programm. Foto: Bernadette Fink

Kulturgelände als Publikumsattraktion: Wie hier bei der bislang letzten Ausgabe vor fünf Jahren gibt es auf dem Kreativpark Alter Schlachthof am Samstag beim Festival „Schwein gehabt“ wieder viel Programm. Foto: Bernadette Fink

Beinahe wäre die Idee einer Karlsruher Kulturinsel schon beerdigt worden, bevor sie richtig in die Gänge gekommen war. Man schrieb das Jahr 2003, ein Ende des Schlachtbetriebs war abzusehen – und Karlsruhe hatte sich beworben, um die geplante Popakademie Baden-Württemberg zwischen der Musikhochschule und dem Kulturzentrum Tollhaus anzusiedeln. Doch die Popakademie ging bekanntlich nach Mannheim – und als im Karlsruher Haushalt dann auch noch eine Lücke auftauchte, die eine der regelmäßigen Kultur-Kürzungsdebatten auslöste, schien der Traum endgültig ausgeträumt.

Wenige Jahre später begann er dennoch wahr zu werden. Antje Bessau war von Anfang an dabei. Der Umbau des Schlachthofs zur „Kulturinsel Ostaue“ hatte durch die Karlsruher Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas neuen Schwung bekommen. Und er wurde, anders als bei der Pleite mit der Popakademie, nach dem Scheitern dieser Bewerbung nicht einfach fallengelassen.

2007 bezog die Bildhauerin als erste Ateliernutzerin eines der ehemaligen Gebäude für die Fleischverarbeitung. „Hier wurde früher irgendetwas mit Hühnern gemacht“, berichtet sie. Die weiß gefliesten Wände sind erhalten. Unverändert ist auch die Neigung des Bodens.

Nur die Rinne, in der wohl das Wasser abfloss, ist seinerzeit zubetoniert worden. Heizkörper wurden installiert, eine neue Türe wurde eingebaut – viel mehr hat sich seitdem nicht getan. Bessau ist damit zufrieden: „Der Einzug war ein besonderer Moment – hier musste ein Wirtschaftsbetrieb Platz machen, um Raum für Künstler zu schaffen. Normalerweise ist es umgekehrt.“

Was sich auf dem Gelände tat, sprach sich anfangs nur sehr langsam herum. Karlsruher Kulturfreunde gingen zwar eifrig ins Tollhaus, setzten aber kaum einen Fuß auf den weitläufigen Rest des Areals. Kein Wunder, findet Tollhaus-Chef Bernd Belschner: „Das war eine stockfinstere Ecke“, erinnert er sich. „Und der Geruch war gewöhnungsbedürftig. Vegetarier haben sich hier nicht unbedingt wohlgefühlt – und mancher ist hier zum Vegetarier geworden.“

Zugleich habe das raue Image des Areals dem Tollhaus durchaus geholfen: „Die Politik hat gemerkt: Wenn die Leute für Kultur selbst in dieses unwirtliche Umfeld gehen, dann muss an dem Programm ja was dran sein.“

Von Anfang an dabei: Die Bildhauerin Antje Bessau bezog 2007 ihr Atelier – in einem der einstigen Gebäude zur Fleischverarbeitung. Foto: Andreas Jüttner

Von Anfang an dabei: Die Bildhauerin Antje Bessau bezog 2007 ihr Atelier – in einem der einstigen Gebäude zur Fleischverarbeitung. Foto: Andreas Jüttner

Jenes Image der Gegend hat sich auch Bessau eingeprägt: „Heute, wo das Areal ein Naherholungsgebiet ist, in dem die Leute am Wochenende Joggen gehen, kann man sich das nicht mehr vorstellen. Aber noch Jahre nach dem Ende des Schlachtbetriebs haben ab und zu Leute bei uns angeklopft, die Fleisch kaufen wollten.“

Um hier etwas entgegenzusetzen, wurde 2008 erstmals ein Tag der offenen Tür veranstaltet. „Da hat es vormittags geregnet und wir waren nicht sicher, ob überhaupt jemand kommt“, erinnert sie sich. „Um elf Uhr sollte es losgehen. Um Viertel vor elf standen schon die ersten Leute im Atelier, am Nachmittag hatte ich vor lauter Erklären fast keine Stimme mehr und bis zum Abend waren ein paar tausend Menschen auf dem Areal.“

Die Erfahrung führte zur Gründung des Vereins ausgeschlachtet e.V., dessen Vorsitzende Bessau ist. Und sie gab dem Areal ebenso einen Schub wie die Vorarbeiten zur U-Bahn in der Innenstadt. Wegen denen nämlich zog der Musikclub Substage 2010 vom Ettlinger Tor auf den Schlachthof. Im gleichen Jahr hatte das Tollhaus seinen Erweiterungsbau eröffnet. „Ohne diese beiden großen Veranstalter hätte sich das Gelände nie so entwickelt“, ist Bessau überzeugt.

Die Einflüsse waren wechselseitig, befindet Belschner: „Das Tollhaus konnte wachsen, weil auch das Gelände sich entwickelt hat.“ Der Ausbau sei zwar nicht so schnell erfolgt wie bei der Kulturhauptstadt-Bewerbung vorgesehen, aber dafür organisch.

Erfreulicherweise sei die Stadt bald davon abgerückt, einzelne Grundstücke zur Refinanzierung der Sanierungen zu verkaufen. „Damit hätte man die Gesamtgestaltung des Geländes nicht mehr in der Hand gehabt“, so der Tollhaus-Vorstand.

Neu dabei: Jürgen Sihler und Ines Miosga von der Theaterinitiative „Werkraum Karlsruhe“. Foto: Andreas Jüttner

Neu dabei: Jürgen Sihler und Ines Miosga von der Theaterinitiative „Werkraum Karlsruhe“. Foto: Andreas Jüttner

Und gestaltet wird weiterhin. Zum Beispiel von der Theaterinitiative Werkraum, die im Dezember 2020 Räume in der ehemaligen Schweineschlachthalle bezogen hat. Die erste Adresse (Alter Schlachthof 1A) wird nun als letztes Gebäude saniert.

„Man braucht einen langen Atem“, sagt Geschäftsführer Jürgen Sihler. Erstmals angeboten bekamen er und sein Team die Räume bereits 2014. Der Mietvertrag wurde 2017 unterschrieben. „Und dann haben wir drei Jahre lang erst mal keine größeren Projekte geplant, um die vorbereitetenden Arbeiten für den Umzug zu schaffen“, sagt Ines Miosga, bei Werkraum zuständig für Finanzen und Verwaltung.

Von Februar bis Dezember 2020 lief dann die sehr arbeitsintensive Sanierung, in die man viel Eigenleistung einbrachte. Der Lohn ist jetzt ein zweistöckiges Domizil mit Kostümfundus, Büro und einem großen, lichtdurchfluteten Probenraum.

Auch der wird nun beim Festival „Schwein gehabt“ für die Öffentlichkeit bespielt – so wie das umfangreiche Programm in insgesamt 18 Gebäuden einen Einblick gibt in das, was Antje Bessau als „kleines Ökosystem“ bezeichnet: „Der Kreativpark lebt von der Mischung. Die Zugpferde sind die Veranstalter, gute Mieten kommen von IT-Firmen“, befindet die Bildhauerin. „Aber spannend und einzigartig wird das Gelände durch das Individuelle der vielen kleinen Ateliers.“

„Schwein gehabt“ am Samstag, 21. Mai, ab 18 Uhr (bis 3 Uhr) auf dem Kreativpark Alter Schlachthof in Karlsruhe. Infos und Programm unter www.schweingehabt-karlsruhe.de

Ihr Autor

BNN-Redakteur Andreas Jüttner

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Erstellt:
20. Mai 2022, 12:30 Uhr
Lesedauer:
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