Wie der Zensus den Bühler Gemeinderat schrumpfte

Bühl (BNN) – Der Zensus steht wieder an. Er soll Aufschlüsse über die Einwohnerzahlen und Wohnverhältnisse liefern. Ob man in Bühl schon davor zittert? Bei der letzten Runde gab es handfeste Folgen.

Ein Jahr später als geplant: Der Zensus findet alle zehn Jahre statt, turnusmäßig wäre dies 2021 gewesen – der Termin wurde wegen Corona verschoben. Foto: Arno Burgi/dpa

© Arno Burgi/dpa

Ein Jahr später als geplant: Der Zensus findet alle zehn Jahre statt, turnusmäßig wäre dies 2021 gewesen – der Termin wurde wegen Corona verschoben. Foto: Arno Burgi/dpa

Wer glaubt, dass der Zensus nur eine statistische Spielerei ist, sollte vielleicht mal in der Bühler Stadtverwaltung und beim Gemeinderat nachfragen.

Die bekamen nach der bislang letzten Zensus-Runde von 2011 deutlich zu spüren, was diese groß angelegte Datenerhebung bewirken kann: Dass der Gemeinderat heute üblicherweise 26 (aktuell wegen des AfD-Verzichts sind’s 25) Sitze zählt statt deren 32, hat seinen Grund in eben diesem Zensus.

Frei nach einem Spielfilm hieß es vor zehn Jahren „Liebling, wir haben den Gemeinderat geschrumpft“. 2006 war nach einer Bürgeranhörung das Aus für die unechte Teilortswahl gekommen, die bis dahin zwar jedem Stadtteil eine bestimmte Sitzzahl garantiert hatte, aber zum einen ein höchst kompliziertes Wahlverfahren und einen mit 43 Sitzen sehr großen Gemeinderat zur Folge hatte. Künftig sollten es dauerhaft 32 Stadträte sein. Das aber war die Rechnung ohne den Zensus gemacht.

Rund 1.000 Einwohner weniger

In Gemeinden mit mehr als 30.000 Einwohnern sind 32 Mandate zulässig, in der darunter liegenden Stufe 26. Auf Antrag der CDU-Fraktion wurde eine gesetzlich zulässige Ausnahmeregelung für die erste Amtsperiode genutzt und die Mandatszahl auf 32 festgesetzt – in der sicheren Annahme, bei der nächsten Wahl die 30.000-Einwohner-Marke locker übersprungen zu haben.

Der Zensus von 2011 bescherte indes eine böse Überraschung. Der kam nämlich zum Ergebnis, dass die bisherige Fortschreibung der Einwohnerzahlen um rund 1.000 zu hoch war. Die 30.000 waren zur Illusion geworden; aktuell gibt das Statistische Landesamt die Einwohnerzahl mit 28.928 an - das sind 650 mehr als vor zehn Jahren.

Blick in den Friedrichsbau: Dank des Zensus von 2011 haben die Stadträtinnen und Stadträte etwas mehr Platz. Weil weniger Einwohner gezählt wurden als erwartet, sank die Zahl der Mandate von 32 auf 26. Foto: Bernhard Margull/Archiv

© bema

Blick in den Friedrichsbau: Dank des Zensus von 2011 haben die Stadträtinnen und Stadträte etwas mehr Platz. Weil weniger Einwohner gezählt wurden als erwartet, sank die Zahl der Mandate von 32 auf 26. Foto: Bernhard Margull/Archiv

Der rätselhafte Einwohnerschwund hatte auch finanzielle Folgen, denn nach den ermittelten Zahlen werden beispielsweise der Länderfinanzausgleich, EU-Fördermittel und die Verteilung von Steuermitteln berechnet. Umso wichtiger sei es, sagt Reinhard Renner, der als Abteilungsleiter den Zensus auf städtischer Ebene koordiniert, verlässliche und vor allem korrekte Zahlen zu haben. Mit diesem Argument wirbt er auch um ehrenamtliche Interviewer.

Nicht nur sei mehrfach öffentlich zur Mitarbeit aufgerufen worden, es seien beispielsweise auch Stadt- und Ortschaftsräte ebenso wie Vereinsvorsitzende angesprochen worden, die ein besonderes Interesse an richtigen Zahlen haben sollten: „Falsche Zahlen könnten geringere Einnahmen bedeuten.“ Im nächsten Schritt hieße das weniger Gestaltungsmöglichkeiten für die Stadt.

Suche nach Interviewern

Offenbar hat das überzeugt. Wie Fabian Holl, der stellvertretende Leiter der Zensus-Erhebungsstelle für den Landkreis Rastatt, informiert, werden in Bühl 18 Interviewer benötigt: „19 Personen haben sich bereits gemeldet.“ Weitere seien aber durchaus willkommen: „Ein gewisser Puffer kann nicht schaden.“ Bis Ende Februar laufe die Suche noch, um vor den im Mai beginnenden Interviews die Freiwilligen noch schulen zu können.

Bühl hebe sich damit von anderen Gemeinden im Umland teils deutlich ab: „In den Nachbargemeinden sieht es mäßig bis schlecht aus“, sagt Holl. So würden in Bühlertal und Ottersweier noch einige Interviewer benötigt, in Lichtenau und Rheinmünster habe es noch keine einzige Meldung gegeben. Die Corona-Pandemie erschwere die Suche, so Holl.

Kreisweit würden 250 Interviewer benötigt, etwas mehr als die Hälfte sei bereits gefunden: „111 fehlen noch.“ Was passiert, wenn sich nicht genügend Interessenten melden? Als letztes Mittel könnten auch Personen verpflichtet werden, wobei dann die Gemeindeverwaltung im Blickpunkt stünden.

Im gesamten Landkreis Rastatt sind rund 37.000 Interviews zu führen, in Bühl sind es genau 2.672. Sie werden laut Holl in einem Zufallsverfahren ausgewählt, das jedoch einen repräsentativen Querschnitt gewährleiste.

Bei den Interviews gelte das Prinzip „Online zuerst“, ohne direkten Kontakt gehe es aber nicht: „Es ist eine Existenzfeststellung erforderlich“, sagt Holl, und die müsse persönlich erfolgen. Die eigentlichen Fragen können anschließend online beantwortet werden. Wenn das nicht möglich sei, könne es aber auch auf Papier und im Gespräch erledigt werden.

Stichwort: Der Zensus

Die Bezeichnung: Der Zensus ist das, was früher die Volkszählung war. Nicht zu verwechseln ist er mit dem Mikrozensus, für den jährlich Haushaltsbefragungen vorgenommen werden. Zensus und Mikrozensus sind gewissermaßen die große und die kleine Volkszählung.

Der Zeitpunkt: Der Zensus steht alle zehn Jahre an. Allerdings sind dem Zensus 2011 elf Jahre vergangen. Er ist wegen der Corona-Pandemie verschoben. Der Stichtag ist der 15. Mai. Ab diesem Tag werden die ausgewählten Personen befragt.

Die Inhalte: Menschen, Gebäude und Wohnungen werden gezählt. Auch Daten wie Nettokaltmiete, Leerstand und Eigentümerquote werden erhoben. Das war 2011 noch nicht so.

Kontakt: Die Zensus-Erhebungsstelle für den Landkreis Rastatt befindet sich in der Platanenstraße 7 in Rastatt, Telefon (0 72 22) 40 61 80, E-Mail zensus2022@landkreis-rastatt.de. Hier können sich ehrenamtliche Interviewer bewerben. Die Tätigkeit wird mit einer Aufwandsentschädigung honoriert. Zu den Voraussetzungen zählen Volljährigkeit, Zuverlässigkeit, Genauigkeit und Mobilität.

Ergebnisse: Die Daten aus dem Zensus werden voraussichtlich im November 2023 veröffentlicht. Ergebnisse von 2011 können unter www.zensus2011.de eingesehen werden.

In eigener Sache

Das Badische Tagblatt und die Badischen Neuesten Nachrichten bündeln ihre journalistischen Kräfte und erweitern damit das umfangreiche Leseangebot in Mittelbaden. Noch arbeiten die beiden Redaktionen getrennt, tauschen jedoch schon gegenseitig Inhalte aus. Davon sollen vor allem die Leser profitieren – durch mehr Hintergründe, Reportagen und mehr Service. Deshalb werden auf badisches-tagblatt.de auch Artikel von BNN-Redaktionsmitgliedern veröffentlicht.

Ihr Autor

BNN-Redakteur Wilfried Lienhard

Zum Artikel

Erstellt:
17. Januar 2022, 11:50 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 36sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.