Wie ein Känguru durch Karlsruhe springen

Karlsruhe (rap) – Hüpfend, wie ein Känguru, eine Stadt zu entdecken ist außergewöhnlich. BT-Redakteur Christian Rapp hat das im Mai 2016 in Karlsruhe gemacht. Wir haben im Archiv gekramt.

Startschwierigkeiten: Marko König (rechts) eilt BT-Redakteur Christian Rapp zur Hilfe und macht die Laschen zu. Foto: Karlsruhe Tourismus GmbH/Archiv

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Startschwierigkeiten: Marko König (rechts) eilt BT-Redakteur Christian Rapp zur Hilfe und macht die Laschen zu. Foto: Karlsruhe Tourismus GmbH/Archiv

Immer wieder treffen mich irritierte Blicke. Zunächst nur einige wenige, am Europaplatz dann immer mehr. Die Leute mustern mich von oben bis unten. Manche schütteln den Kopf, einige rümpfen die Nase, und andere wiederum lachen und zeigen auf mich. Meine Verwandlung von einem 28-jährigen (Stand: Mai 2016) Redaktionsmitglied zu einem Känguru scheint, zumindest an den Reaktionen der Menschen gemessen, vollzogen zu sein. Ich fühle mich wie ein aus dem Stadtgarten entflohenes, in der Karlsruher Innenstadt umherspringendes Känguru. Dabei nehme ich nur an einer Stadtführung auf sogenannten Kangoo Jumps, also Sportschuhen mit Sprungfedern an der Sohle, teil.

Los gehts am Ludwigsplatz. Stephanie Sivic und Yvonne Halmich von der Karlsruhe Tourismus GmbH begrüßen mich und werden für den kulturellen, informativen Teil der Führung zuständig sein. „Mit etwas Gleichgewichtssinn ist es kinderleicht. Wenn du Ski fährst, ist es gar kein Problem“, verspricht mir Marko König, der zusammen mit der Karlsruhe Tourismus GmbH zuständig für die Stadtführungen ist. Wenn Marko wüsste, dass ich mit meinem Gleichgewichtssinn seit Kindertagen auf Kriegsfuß stehe, und dass ich einen Berg eher herunterrutsche als fahre, hätte er mir wahrscheinlich auf andere Weise Mut gemacht. In diesem Moment kommt aber mein persönlicher Hoffnungsschimmer durch die Tür geschneit: Ein etwas älterer Herr, um die 70 Jahre alt, nimmt auch an der springenden Stadtführung teil. „Na, wenn der das kann, werde ich das schon lange können“, denke ich in einem Anfall von Übermut.

Kangoo Jumps kosten etwa 150 Euro. Die Schuhe gibt es in den Größen S bis XL. Foto: Karlsruhe Tourismus GmbH/Archiv

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Kangoo Jumps kosten etwa 150 Euro. Die Schuhe gibt es in den Größen S bis XL. Foto: Karlsruhe Tourismus GmbH/Archiv

Die Kangoo Jumps werden verteilt. Zwölf tapfere Mitstreiter stampfen voller Ungewissheit, aber auch Vorfreude mit mir die Treppen vom ersten Stock hinunter – in Socken. „Zieht die Kangoo Jumps erst unten auf dem Platz an. Nicht, dass noch jemand mit den Schuhen auf der Treppe stürzt“, scherzt Marko.

Wirklich lachen kann ich darüber noch nicht, bin ich doch längst in der Konzentrationsphase – schließlich will ich mich nicht blamieren, schon gar nicht vor der älteren Generation. Dann passiert es doch: Während der rüstige Rentner die ersten Gehversuche, genauer gesagt Sprungversuche, mit den Kangoo Jumps wagt, kämpfe ich noch mit den Verschlusslaschen der Schuhe, die einfach nicht zugehen wollen. Schließlich kapituliere ich und rufe Marko zu mir, der in Windeseile die Laschen zuknipst – was für ein verheißungsvoller Start!

Bevor wir nun hüpfend Karlsruhe erkunden, erklärt uns Marko noch, dass man immer in Bewegung bleiben soll. „Am schwierigsten ist es, ruhig zu stehen.“ Da es die erste Kangoo-Jumps-Stadtführung ist, wird ein Erinnerungsfoto geschossen – gleichbedeutend mit der ersten Herausforderung, die auf uns wartet. Wir stellen uns in Reih und Glied auf, aber von Ruhe keine Spur. Vielmehr sieht die Menschentraube aus, als wäre sie um 1 Uhr nachts auf der Reeperbahn unterwegs, so wacklig präsentieren wir uns.

Kleine Schritte bringen auch ans Ziel

Dann gehts los mit der Stadtführung. Vom Ludwigsplatz führt uns der Weg zum Prinz-Max-Palais. Während die Ersten bereits versuchen, etwas schneller zu gehen und im Stile des australischen Beuteltiers zu springen, entscheide ich mich zunächst für die heimische Variante: Ich hopple gemächlich hinterher. „Viele kleine Schritte bringen mich auch ans Ziel“, denke ich mir. Sicherheit vor Schnelligkeit.

Was ich aber schnell bemerke, ist der Spaßfaktor. Man fühlt sich leicht, beinahe schwerelos, da die Hauptlast von den Sprungfedern getragen wird. Es ist kein Gehen, eher ein Schweben über den Asphalt. Und es ist ganz schön anstrengend. Obwohl ich mich noch langsam an die ganze Sache herantaste, fange ich zu schwitzen an. „Die Kangoo Jumps erhöhen die Kondition und die Koordination. Außerdem sind sie gelenk- und rückenschonend. Es ist eine spaßige Alternative zum Joggen“, erklärt mir Marko die gesundheitliche Komponente. „Um 1920 haben Schweizer die Schuhe erfunden. Ursprünglich war er als ein Therapieschuh vorgesehen. Erst in den vergangenen Jahren entwickelte sich ein Trendsport daraus“, erläutert er.

Mit jedem Schritt gewinne ich an Sicherheit. Marko hat nicht zu viel versprochen. Mit etwas Gespür für Gleichgewicht hat man den Dreh raus. Trotzdem bin ich für die erste Verschnaufpause am Prinz-Max-Palais dankbar. Während Stephanie Sivic über die Bedeutung des altehrwürdigen Gebäudes referiert und mit erstaunlichen Anekdoten glänzt, suche ich Halt an einer Straßenlaterne. Frei stehen ist tatsächlich die größte Herausforderung.

Im Botanischen Garten wird für einen kurzen Moment der Schwerkraft getrotzt. Foto: Karlsruhe Tourismus GmbH/Archiv

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Im Botanischen Garten wird für einen kurzen Moment der Schwerkraft getrotzt. Foto: Karlsruhe Tourismus GmbH/Archiv

Danach geht die Tour in den Botanischen Garten und weiter Richtung Schlossgarten. Weg von staunenden Passanten, vielbefahrenen Straßen und Straßenbahnen. „Jetzt ist es Zeit, um die Dinger richtig auszutesten“, sagt Marko. Nachdem ich bisher eher im Hasengang unterwegs war, ist es an der Zeit, in den Kängurugang zu schalten. Zunächst probiere ich rückwärts mit den Schuhen zu laufen – kein Problem. Einzig die anderen Mitstreiter erweisen sich als lebende Slalomstangen als größtes Hindernis.

Mit jedem Schritt und Sprung wächst der Wohlfühl- und Spaßfaktor. Angenehm sind die kleinen Verschnaufpausen bei den jeweiligen Stationen, die informativ, aber nicht ausufernd sind. Schließlich liegt der Fokus der Stadtführung auf der sportlichen Aktivität.

Der Schweiß fließt, die Lunge brennt

Ich werde mutiger und versuche, so hoch wie möglich zu springen – auch mit gespreizten Beinen. „Fitnesskurs ist auch dabei“, witzelt Marko, während ich mit rotem Kopf gen Himmel hüpfe. Während ich gefühlt locker zwei Meter in der Luft bin, holt mich Marko wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: „So 60 Zentimeter waren es. Nicht schlecht.“ Na immerhin, ein Lob. Und dass nach dem holprigen Start beim Anziehen.

Auf dem Weg vom Botanischen Garten zum Karlsruher Schloss wird das Tempo erhöht. „Wenn nicht jetzt, wann dann“, denke ich und fange an zu sprinten. Mit langen, raumgreifenden Schritten, für Millisekunden in der Schwerelosigkeit schwebend, nehme ich Fahrt auf. Nach wenigen Metern fühle ich mich wie in einem olympischen 100-Meter-Sprint. Usain Bolt wäre chancenlos gegen mich! Links und rechts zischen die Bäume an mir vorbei. Die imaginäre Ziellinie am Schloss in Sichtweite, lassen meine Kräfte allmählich nach. Die Schritte werden unsauber – und da passiert es: Ein kleiner Stolperer mischt sich in den sonst perfekten Lauf. Ich rudere mit den Armen und kann mich noch abfangen. Gerade noch mal gut gegangen!

Ausgepumpt lausche ich den Geschichten über den Markgrafen und dessen Schloss. Der Rücken klitschnass vom Schweiß, brennende Lunge inklusive. „So habe ich bisher beim Joggen noch nie geschwitzt“, denke ich und wische mir einige Schweißperlen von der Stirn. Trotzdem fühle ich mich nicht so ausgelaugt wie beim Fußball. „Man schwitzt zwar viel und verbrennt auch einige Kalorien dabei, insgesamt ist Kangoo Jump aber weniger anstrengend als andere Sportarten“, erklärt Marko.

Wie ein Känguru durch die Luft schweben

Nach der Pause am Schloss geht es weiter Richtung Marktplatz über das Ettlinger Tor bis zum Naturkundemuseum. Die verdutzten und fragenden Blicke der Fußgänger nehmen wieder zu. „Dabei wissen die gar nicht, was sie verpassen“, denke ich mir und springe freudestrahlend an ihnen vorbei.

Nach gut 90 Minuten endet die Führung wieder am Ludwigsplatz. Nachdem ich aus den Sprungschuhen draußen bin, ereilt mich sprichwörtlich die harte Realität. Das schwebende Gefühl – einfach weg! Wie gerne wäre ich jetzt ein Känguru ...

Diesen Artikel, der im Mai 2016 im BT-Magazin erschienen ist, haben wir im Rahmen des Throwback Thursday, einer Reihe des BT-Instagram-Teams, aus dem Archiv gekramt. Öffentliche Stadtführungen wie diese werden momentan nicht mehr angeboten. Es ist jedoch möglich, bei der Karlsruhe Tourismus GmbH individuelle Führungen, beispielsweise für Gruppen, zu buchen. Dabei sind die aktuellen Corona-Verordnungen natürlich zu beachten.


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