Wie ein Sechser im Lotto

Gernsbach (sga) – Gino Pellegrino ist fast an Nierenversagen gestorben, hat Corona bekommen und sich eine lebensbedrohliche Lungenentzündung eingefangen. Heute kann er seinen 50. Geburtstag feiern.

Nutzt seine eigene Geschichte, um sich für Organspende in Deutschland einzusetzen: Gino Pellegrino. Gino Pellegrino

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Nutzt seine eigene Geschichte, um sich für Organspende in Deutschland einzusetzen: Gino Pellegrino. Gino Pellegrino

Wenn Gino Pellegrino lacht, legen sich kleine Falten um seine Augen. Ansonsten hat das Leben bisher keine Spuren auf seinem Gesicht hinterlassen. Sein Körper blieb allerdings nicht verschont – der Familienvater musste bereits dem Tod ins Auge sehen. Trotz Nierenversagens, Corona und lebensbedrohlicher Lungenentzündung kann der Gernsbacher heute seinen 50. Geburtstag feiern.

Juli 2020. Pellegrino, der mit seiner Familie in Hilpertsau lebt, steht in seiner Küche. Auf seinem Arm hält er das jüngste Wunder der Familie. „Dass wir noch mal Eltern werden, damit haben wir nicht gerechnet. Mit allem, aber nicht damit.“ Er schüttelt den Kopf, lächelt seine vier Monate alte Giulia an. Nur wenige Zeit später, und sie wäre in der Hochphase der Corona-Pandemie auf die Welt gekommen.

„Meine Niere war sechs Kilo schwer“

August 2013. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts leben etwa 80,52 Millionen Menschen in Deutschland. Laut Informationen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) spenden in diesem Jahr 754 Personen Organe, die ihnen nach ihrem Tod entnommen werden.

Es sieht schlecht aus für Pellegrino, der eine Zystenniere in sich trägt – eine genetisch bedingte Krankheit, die nur durch eine Transplantation geheilt werden kann. „Meine Werte waren im Keller, meine Niere bereits sechs Kilo schwer“, erinnert er sich zurück. Zum Vergleich: Eine gesunde Niere wiegt zwischen 120 und 200 Gramm.

In der Uniklinik Freiburg dann die Hiobsbotschaft – etwa drei Monate, länger hält das Organ nicht mehr durch. Ärzte fragen nach Familienangehörigen, die als Spender in Frage kommen könnten. Fehlanzeige. Seine Frau Adriana will helfen, wird jedoch als Spenderin ausgeschlossen. Pellegrino landet auf der Warteliste. Laut den Ärzten wird sich das in den nächsten sieben bis zwölf Jahren auch nicht ändern. Ob der Familienvater überhaupt noch so lange leben wird, kann keiner sagen.

Frau aus Murgtal spendet Organ

Oktober 2013. Die Dialyse startet. Das Blutreinigungsverfahren soll dem Nierenversagen entgegenwirken. Innerhalb von vier Tagen muss sich der Gernsbacher drei Operationen unterziehen, im Dezember wird ihm schließlich die Niere entfernt. „Dann kam unser Sechser im Lotto“, erzählt Pellegrino. Eine Murgtälerin war auf das Schicksal der Familie aufmerksam geworden und bot die Transplantation ihrer Niere an.

Dezember 2014. Pellegrino hat die Transplantation ohne Komplikationen überlebt, sein Körper scheint die Niere nicht abzustoßen. Die Ärzte schicken ihn in Reha, parallel setzt sich der Gernsbacher mit der Firma in Verbindung, in der er seit über 30 Jahren tätig ist. Er hat schließlich Frau und Kinder, die er ernähren muss. „Mein Chef unterstützt mich sehr. Gemeinsam mit dem Integrationsamt wurde eine schonende Arbeitsstelle für mich vorbereitet“, erzählt er.

Lied Zur Organspende

Um sein Schicksal zu verarbeiten, nutzt Pellegrino die Musik. „Ich bin nebenberuflich als Alleinunterhalter tätig. Das bin ich, das macht mich aus. Und es hilft mir in emotionalen Zeiten weiter.“ Die vergangenen Monate liefern ihm Inspiration für „Un angelo per noi“ (Ein Engel für uns). In diesem Lied erzählt er jedoch nicht nur seine aufwühlende Geschichte – „ich möchte so viel mehr damit bewirken. Die Menschen müssen ihre Augen öffnen.“ So handelt auch das Musikvideo von einem Thema, mit dem sich laut dem Italiener zu wenig in Deutschland auseinandergesetzt wird – der Organspende. „Ich selbst musste erleben, wie es sich anfühlt, auf der Warteliste zu stehen. Zu hoffen und zu bangen, um das eigene Leben zu kämpfen. Ich weiß nicht, ob ich die Zeit gehabt hätte, auf einen Spender zu warten“, erzählt der Familienvater unter Tränen.

Heute kann Pellegrino seinen 50. Geburtstag feiern. Gerechnet hatte er damit nicht mehr. „Vor allem nicht, nachdem ich im März auch noch an Corona erkrankt bin.“ Aufgrund seiner schweren Vorerkrankung ist die Lungenentzündung, die er sich durch das Virus eingefangen hat, lebensbedrohlich. Doch auch dieser Rückschlag hat den Musiker nicht aufgehalten – nach 21 Tagen im städtischen Klinikum Karlsruhe wird er wieder gesund.

10. Juli 2020. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts leben etwa 83 Millionen Menschen in Deutschland. Laut Informationen der DSO gab es im Vorjahr 955 Organspender. Noch immer tragen die meisten Deutschen keinen Spenderausweis bei sich.


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