Wie eine entfesselte Naturgewalt

Gernsbach (ueb) – Schauspielerin Andrea Trude begeistert mit ihren komödiantischen Miniaturen das Publikum im Theater „Alte Turnhalle“ in Hilpertsau. Am Samstag war Premiere ihres neuen Programms.

Andrea Trude wirbelt in ihrem Programm „Bestellt … und nicht abgeholt“ in neun Szenen einem Wirbelwind gleich über die Bühne in Hilpertsau. Foto: Dagmar Uebel

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Andrea Trude wirbelt in ihrem Programm „Bestellt … und nicht abgeholt“ in neun Szenen einem Wirbelwind gleich über die Bühne in Hilpertsau. Foto: Dagmar Uebel

Dass einem Aufgeschoben kein Aufgehoben folgen muss, bewies am Samstagabend die Aufführung Andrea Trudes Komödie „Bestellt … und nicht abgeholt“. Für den Hilpertsauer Spielort eine Premiere, für die in Köln lebende Schauspielerin die Wiederholung einer Erstaufführung in ihrer Heimatstadt.

Dabei hätte diese schon zuvor in der Alten Turnhalle stattfinden sollen, hätte nicht Corona die Regie in der Kulturszene übernommen. So war es der Schauspieler und Regisseur Thomas Höhne, der ihr im Murgtal die „Bretter, die die Welt bedeuten“, ebnete. Etwa 90 Minuten lang punktete Trude in Hilpertsau, belebte in ihrem Soloprogramm die kleine Bühne. Darauf befand sich neben einem Stuhl, einem Tischchen und einem Rednerpult ein Paravent, der der Mimin schnelles Umkleiden ermöglichte. Dabei wirbelte die Frau in neun Szenen einem Wirbelwind gleich über die Bühne.

Im weißen Bademantel oder im sauteuren Shirt

Wobei sich das Publikum über die Anzahl keine Sorgen machte, und auch die Mimin sich unsicher gab, wie viele eigentlich geplant waren. Und vor allem, mit welchem Buchstaben die letzte der Miniaturen beginnen sollte. Aber egal: In allen Szenen brach sie wie eine entfesselte Naturgewalt in Herz, Hirn und Bauch des Publikums ein. Dabei beschleunigte sie von den ersten Minuten an – und das ohne hochzuschalten, gleich von null auf mindestens dreihundert. Eine rasante Fahrt, die nicht nur die Zuschauer in den ersten Reihen des Hilpertsauer Spielorts sofort sorgsam das Genick einziehen ließ. Zu der schlussendlichen Feststellung gelangend, dass „Ähnlichkeiten mit realen Personen und Verhältnissen nicht unbeabsichtigt seien, kamen die Zuschauer selbst.

Andrea Trude heißt das Powerpäckchen in immer wechselndem Outfit in jeder der Szenen. Mal in Spitzenbluse als referierende Festrednerin der Organisation Kozefrabi (Kompetenzzentrum für Frauen und Bildung), die so ganz nebenbei um Handwerkerbelange mit ihrer Chefin in die Haare und dadurch völlig aus dem Konzept gerät. In bunter Trainingsjacke auf der Suche nach jemandem, der ihr im Parkhaus leicht verdelltes Auto kaufen will. Im weißen Bademantel, der sie als Gott sprechen lässt, und im neuerworbenen „sauteuren“ Shirt in der Farbe champagner-orange, die sich zusammen mit der Verkäuferin („steht Ihnen ausgezeichnet“) glücklich zeigt. Im Ausgeh-Outfit zwar anfangs noch beseelt von der erlebten Theateraufführung, doch unverzeihlich erbost über einen Nebendarsteller, der bei einem Ticketpreis von 29,50 Euro gleich zweimal seinen Text nicht beherrschte. In Hausklamotte überlegend, wie sie den Tag im besten Sinne erleben könne, und zum Schluss, sich die Haare raufend, unverrichteter Dinge feststellen muss: „Verrückt, wie schnell die Zeit vergeht“.

Mit Schauspielerei Jugendtraum erfüllt

An einem gefundenen Handy klebend, mit potenziellen Sexpartnern über ONS nachdenkt und sich mit Achim zu einem Latte Macchiato verabredet. „Das ist doch mal eine tolle Idee Kulturbegeisterter, nach dem Ableben sich in einer Urne auf dem Platz vor dem Theater, namentlich erwähnt, bestatten zu lassen“ meinte die Mimin in einer Szene. Da solche Grabplätze aber begehrt seien, sei das ein Grund für eine Verlosung, für die nur einige Fragen richtig zu beantworten seien.

Eine, die sich am Samstagabend dafür bewarb, war Trude als Susanne Breuer und glücklich jubelte: „Ich bin dabei!“ Doch glücklicherweise nicht im realen Leben. Denn schon bald können sich Liebhaber der Hilpertsauer Theaterbühne auf die Kölner Anwältin, die ihren Talar an den berühmten Nagel hängte, freuen. Und auf die Aufführung neuer, unterhaltsamer, von ihr verfasster Stücke, die Trude und Höhne schon jetzt vorbereiten. Diese Unterhaltungsattribute sind das Ergebnis genauer Beobachtung ihrer Umwelt, künstlerischer Reifung und der Zusammenarbeit mit Thomas Höhne.

Schauspielerin zu werden war zwar seit Jugendjahren Andrea Trudes Wunsch. Doch „zu unsicher“, meinte ihre Familie. So kam es, dass sie Jura studierte und seit 1996 in Köln als Rechtsanwältin und Mediatorin, Fachanwältin für Bank-und Kapitalmarktrecht tätig ist. Doch irgendwann bekam ihre Liebe zur Schauspielerei Gewicht, sie nahm bei Höhne Schauspielunterricht, und seitdem fließt echtes Theaterblut durch Trudes Adern. Doch nicht nur das, Andrea Trude ist auch Autorin ihrer aufgeführten komödiantischen Miniaturen. Und das so erfolgreich, dass der Theaterverlag Hofmann-Paul diese in ihr Repertoire aufnahm.

Weitere Aufführungen

Wer Andrea Trude im Theater Alte Turnhalle in Hilpertsau sehen möchte, hat dazu bei kommenden Aufführungen Gelegenheit: Am 16. Oktober (19.30 Uhr), am 17. Oktober (15 Uhr), am 5. und 6. November (jeweils 19.30 Uhr) sowie am 7. November (15 Uhr). Kartenbestellungen per E-Mail an info@alteturnhalle.de oder unter (0 72 24) 9 94 60 33.


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