Wie geht es dem Bühler Einzelhandel?

Bühl (urs) – Im Interview sprechen Bühls Oberbürgermeister Hubert Schnurr und Bina-Chef Sebastian Böckeler über die derzeitige Lage für Einzelhandel und Gastronomie vor Ort.

Gespenstische Leere auf dem „Catwalk“: Von der einstigen Flanierstimmung ist in der Bühler Hauptstraße derzeit nichts zu spüren.  Foto: Ursula Klöpfer

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Gespenstische Leere auf dem „Catwalk“: Von der einstigen Flanierstimmung ist in der Bühler Hauptstraße derzeit nichts zu spüren. Foto: Ursula Klöpfer

Erschöpft: So fühlt sich Deutschland zehn Monate nach dem ersten Shutdown: viele Geschäfte, Schulen und öffentliche Einrichtungen immer noch weitgehend geschlossen, Kontakte eingeschränkt. Dazu leere Fußgängerzonen und verschlossene Türen – auch in Bühl. Erneut schaute die gesamte Republik am Dienstag nach Berlin. Fakt ist jetzt, viele Bühler Geschäfte bleiben erst einmal zu. Was bedeutet ein verlängerter Lockdown für den Bühler Einzelhandel und die Gastronomie? BT-Mitarbeiterin Ursula Klöpfer sprach mit Oberbürgermeister Hubert Schnurr und dem Vorstand der „Innenstadtgemeinschaft Bühl in Aktion“ (Bina) und Mitglied der Geschäftsleitung der „Böckeler Confiserie und Kaffeehausbetriebe GmbH“, Sebastian Böckeler, über die aktuelle Lage.

BT: Seit Monaten fährt die Politik in der Corona-Pandemie „auf Sicht“. Der Einzelhandel und die Gastronomie bleiben erst einmal geschlossen. Viele fürchten wegen des Lockdowns um ihre Zukunft.
Hubert Schnurr: Auch ich bin in großer Sorge um unsere Einzelhändler, je länger der Lockdown dauert. Wenn die Geschäftsinhaber keine angemessene Entschädigung für die Verluste erhalten, drohen uns erhebliche Konsequenzen für die Innenstadt. Ich kann nur appellieren: Kaufen Sie lokal, nutzen Sie die Bestell- und Liefermöglichkeiten vor Ort. Mit unseren Heimatshopper-Aktionen oder auch „Bühl im Advent“ haben wir viel unternommen, um die Einzelhändler zu unterstützen. Jetzt, wo es gerade keine Laufkundschaft mehr gibt, ist die Lage aber besonders kritisch – und die Unterstützung durch die Bürger wichtiger denn je.
Sebastian Böckeler: Bedrohlich ist das Coronavirus. Dieser Gefährdung versuchen wir seit dem Herbst letzten Jahres in erster Linie mit der Minimierung unserer Sozialkontakte entgegenzutreten. Wir als Händler, Dienstleister oder Gastronomen ziehen mit und nehmen existenzbedrohende Verluste in Kauf, weil wir ja auch unseren Beitrag dazu leisten möchten. Wenn das so weiter geht, mache ich mir wirklich Sorgen, dass die finanziellen Schäden durch Geschäftsaufgaben in Bühl sichtbar werden.

„Ich bin mir sicher, dass wir die Krise gemeinsam meistern werden“: Hubert Schnurr.  Foto: Susanne Huber

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„Ich bin mir sicher, dass wir die Krise gemeinsam meistern werden“: Hubert Schnurr. Foto: Susanne Huber

BT: Wer Läden zum Schutz vor der Pandemie schließt, muss auch die Verantwortung für die wirtschaftlichen Folgen übernehmen. Muss jetzt nicht ein klarer Fahrplan aufgestellt werden, der die Rahmenbedingungen für eine mögliche Wiedereröffnung der Läden und Gaststätten festlegt?
Schnurr: Sicherlich wären eine Perspektive und ein Ausblick für die Einzelhändler durch Bund und Länder so etwas wie ein Silberstreif am Horizont. Aktuell geht es für sie ja nur von einer Verlängerung der Schließung zur anderen. Das ist sehr frustrierend und ernüchternd.
Böckeler: Ja, diesen Fahrplan sollten wir tatsächlich dringend erhalten. Ob man jedoch an der 50er-Inzidenz festhalten kann, weiß ich nicht. Das Virus liegt in mutierter Form vor; über den zu erwartenden Krankheitsverlauf wissen wir noch zu wenig. Die Zahlen aus Großbritannien und Irland verheißen nicht viel Positives. Politik und Wissenschaft müssen hierzu schnellstmöglich Erkenntnisse erlangen. Mit den verantwortlichen Politikern möchte ich im Übrigen gerade nicht tauschen.

„Definitiv wird ein Sonderopfer erbracht“: Sebastian Böckeler. Foto: Stadt

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„Definitiv wird ein Sonderopfer erbracht“: Sebastian Böckeler. Foto: Stadt

BT: Es wird nun zusehends klarer, dass die aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie noch deutlich länger dauern können. Müssen sich Händler und Gastronomen nun auf einen Lockdown bis Ostern vorbereiten?
Schnurr: Ich hoffe nicht, dass es so weit kommt. Man muss ja auch sehen, dass der stationäre Einzelhandel die notwendigen Hygiene-Vorschriften umgesetzt hat und einhält. Geschäfte gelten nicht als Infektionsherd. Sie müssen sofort öffnen dürfen, wenn es die Infektionslage zulässt.

BT: „Sei auch Du ein Heimatshopper“, so ein Slogan der Stadt Bühl. Doch die Realität sieht anders aus. Zu Profiteuren der Krise gehört der Online- und Versandhandel. Unterstützen die Bühler ihre Geschäfte zu wenig?
Böckeler: Der Onlinehandel ist ein Vertriebskanal, der seit Jahren im Wettbewerb mit dem stationären Handel steht. Beide Vertriebskanäle haben ihre Vor- aber auch Nachteile. Ich bin mir sicher, diejenigen die jetzt zwangsläufig online geshoppt haben, freuen sich auch wieder auf den Bummel in unserer Stadt, die persönliche Beratung, den sozialen Austausch oder einen leckeren Cappuccino nach dem Einkaufen. Aus meiner Sicht ist den Bühlern klar, wie wichtig Händler vor Ort für die Lebensqualität sind.

Wichtig, sich an die Corona-Regeln zu halten

BT: An einigen Bühler Schaufenstern kann man derzeit lesen: „Wir machen aufmerksam.“ Damit fordert eine Social-Media-Kampagne die sofortige Wiederöffnung des derzeit geschlossenen lokalen Einzelhandels.
Schnurr: Es ist absolut nachvollziehbar, dass die lokalen Einzelhändler auf ihre missliche Lage aufmerksam machen, dass sie sich Gehör verschaffen wollen. Es ist auch wünschenswert, dass damit etwas bewirkt wird. Trotzdem ist es natürlich auch wichtig, dass sich alle an die Corona-Regeln halten und der aktuellen Verordnung gerecht werden.

BT: Bringen Einzelhandel und Gastronomie ein Sonderopfer? Müssen wir in den kommenden Monaten in Bühl mit Insolvenzen in Massen rechnen?
Schnurr: Ja, den Einzelhandel und die Gastronomie hat es besonders hart getroffen. Ich hoffe aber, dass alle mit einem blauen Auge davonkommen und dass das Engagement und die Kreativität der Bühler Gastronomen und Einzelhändler durch die Bürger belohnt wird. Die Corona-Zahlen in Bühl und im Landkreis sind mehr als stabil und entwickeln sich in die richtige Richtung. Vielleicht hilft uns das bei einer baldigen Öffnung.
Böckeler: Definitiv wird ein Sonderopfer erbracht. Ich kann für unseren Fall sagen, dass wir bis heute nicht wissen, wie unsere „Novemberhilfe“ ausfallen wird. Einen Bescheid, geschweige denn die ersehnte Auszahlung gab es bislang nicht. Landauf, landab höre ich das Gleiche. Abschlagszahlungen sind teilweise geleistet worden, aber die Bearbeitungszeiten sind deutlich zu lange. Immerhin scheinen die verschiedensten Hilferufe nicht ganz erfolglos geblieben zu sein. Herr Altmaier scheint sich mit Herrn Scholz über eine Novelle, einer einfacher zugänglichen Überbrückungshilfe III Gedanken zu machen. Diese ist auch sehr schnell notwendig, um die Insolvenzen in Bühl auf einem geringen Niveau zu halten.

BT: Was können Sie den Menschen in dieser Zeit mit auf den Weg geben?
Schnurr: Auch wenn es eine zermürbende Zeit ist, geht es nur über Zusammenhalt, Disziplin und Verantwortungsbewusstsein. Die Corona-Pandemie verlangt uns allen viel ab. Aber ich bin mir sicher, dass wir die Krise gemeinsam meistern werden.

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Erstellt:
21. Januar 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
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