Entbindungsstation soll in Balg zentralisiert werden

Rastatt (naf) – Das Klinikum Mittelbaden spricht sich für eine Zentralisierung der Entbindungsstationen in Balg aus. Als Grund werden fehlende Fachkräfte genannt.

Die Rastatter Geburtenstation wird seit März 2020 als Reservekapazität für Intensivbetten verwendet.Foto: Florian Krekel

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Die Rastatter Geburtenstation wird seit März 2020 als Reservekapazität für Intensivbetten verwendet.Foto: Florian Krekel

So richtig aussprechen will es niemand. Doch die Äußerungen in der Informationsveranstaltung am Dienstag zur Zukunft der Rastatter Geburtenstation lassen wenig Raum für Interpretationen. Zu wenig Personal, zu viele Unsicherheiten: Eine Wiedereröffnung der Entbindungsstation scheint sehr unwahrscheinlich.
„Wäre eine Versorgungssicherheit noch gegeben?“ Mit dieser Frage werden sich bald die Gesellschafter – Margret Mergen für die Stadt Baden-Baden, Jörg Peter derzeit für den Landkreis Rastatt – und die Geschäftsführung des Klinikums Mittelbaden beschäftigen. Von den Zuhörern am Dienstag mehrmals geforderte endgültige Aussagen konnten weder Dr. Thomas Iber, medizinischer Geschäftsführer des Klinikums, noch sein Kollege Daniel Herke von der kaufmännischen Geschäftsführung machen. Die Entscheidung über die Zukunft der Geburtenstation liegt nicht in ihrer Hand, die Gesellschafter müssen sie treffen.

In der Veranstaltung am Dienstag ging es also hauptsächlich darum, zu informieren – über ein emotionales Thema, das viele Bürger betrifft. Die Anzahl der Menschen, die sich in der Veranstaltungshalle in Kuppenheim versammelte, war allerdings überschaubar.

„Im Bereich der Fachärzte wird es dramatisch“

Eines wurde an dem Abend eingehend erklärt: „Eine wohnortnahe Versorgung alleine ist nicht gleichzusetzen mit hoher Qualität“, wie es vonseiten des Klinikums heißt. Sprich: Wie viel Nutzen werdende Eltern von einer Geburtenstation haben, sei nicht nur davon abhängig, wie schnell sie erreicht werden kann. Die Qualität der Arbeit auf Station wird vor allem durch einen Faktor beeinflusst: das Personal. Und dieses ist auch das, „was uns als Geschäftsführung am meisten umtreibt“, sagte Iber. Der Fachkräfteengpass nehme zu, „im Bereich der Fachärzte wird es dramatisch“.

Zusätzlich hätten während der Zeit, in der der Rastatter Kreißsaal geschlossen wurde, um Intensivbetten wegen der Corona-Krise vorzuhalten, neue Entwicklungen zu einer veränderten Ausgangssituation geführt. So verschärfe ein neuer Tarifvertrag die Personalvorgaben und begrenze Bereitschafts- und Wochenenddienste. Das führe zu Personalknappheit auf der Entbindungsstation.

Auch Neuerungen in der Hebammenausbildung, die dazu führen, dass diese nicht mehr durchgehend in einem Kreißsaal einsetzbar sind, würden zusätzlich zur schwierigen Personalsituation beitragen. „Was nutzt eine Entbindungsstation ohne Fachkräfte?“, fragen sich da die Verantwortlichen. Probleme bei der Besetzung von Hebammenstellen und Stellen für Fach- wie Assistenzärzte im Fachgebiet Geburtshilfe seien in Baden-Württemberg keine Besonderheit, im Nordschwarzwald sei man jedoch besonders gravierend davon betroffen.

Bei Komplikationen reagieren können

Ein weiterer Punkt, den das Klinikum in seine Überlegungen mit einbezieht, ist die Entwicklung der Anzahl der Geburten in Rastatt. „In der Rastatter Klinik waren die Geburtenzahlen in den letzten Jahren deutlich gesunken. 2017 lagen sie noch bei 583 Geburten. Für 2020 wurden 438 Geburten – unabhängig von der dann verfügten Schließung – erwartet“, führte Iber weiter aus.

In einer Klinik mit weniger als 500 Geburten pro Jahr sei die Wahrscheinlichkeit eines Todesfalls eines Neugeborenen im Vergleich zu einer Geburtsklinik mit über 1.500 Geburten 3,5-fach höher. Es sei also nicht damit getan, Geburtshilfe auf niedrigem Niveau überall vorzuhalten. Benötigt wird laut Klinikum „die Bündelung der Kräfte in einem größeren Zentrum, welches Mutter und Kind eine adäquate Versorgung, auch bei nicht vorhersehbaren Komplikationen gewährleistet.“

In der Balger Klinik sei das gegeben. Die Rastatter Entbindungsklinik wäre dagegen aufgrund ihrer geringen Geburtenzahl von vorneherein in die Kategorie mit der höchsten Sterblichkeit und Morbidität Neugeborener einzuordnen. „Mit einer Zentralisierung auf eine Entbindungsklinik in Balg kann das Klinikum Mittelbaden allen Betroffenen die höchste Professionalität anbieten“, hieß es weiter. Iber betonte: Diese Einschätzung werde nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen getroffen. „Wir haben das Privileg, nicht vorrangig gewinnorientierte Medizin machen zu müssen“, sagte er.

Visionen für ein zukünftiges Mutter-Kind-Zentrum im neuen Zentralklinikum gibt es bereits einige. Für die Übergangszeit wolle man laut Iber „innovativ sein“. Ein Strategiegespräch mit niedergelassenen Hebammen „war sehr fruchtbar und hat neue Wege aufgezeigt“. So gibt es schon jetzt Überlegungen, niedergelassenen Hebammen in freien Räumen – nicht nur in Rastatt, sondern auch in Bühl und Forbach – für Sprechstunden oder Kursangebote zur Verfügung zu stellen.


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