Wie man Kindern den Krieg erklärt und ihnen die Angst nimmt

Karlsruhe (BNN) – Eltern möchten ihre Kinder von allem Schrecklichen fernhalten. Aber die Bilder des Kriegs in der Ukraine sind überall. Wie können Eltern ihren Kindern die Situation erklären?

Bilder aus dem Krieg in der Ukraine zeigen oft auch Kinder, wie diesen Jungen in einem provisorischen Flüchtlingslager. Foto: Jonathan Borg/XinHua/dpa

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Bilder aus dem Krieg in der Ukraine zeigen oft auch Kinder, wie diesen Jungen in einem provisorischen Flüchtlingslager. Foto: Jonathan Borg/XinHua/dpa

Propaganda ist ein schwieriges Wort. Nicht nur zum Aussprechen. „Als Noah wissen wollte, was das ist, war ich erst mal ein bisschen geschockt“, sagt Nadine Morlock. Ihr Sohn Noah ist erst fünf Jahre alt, aber der aufgeweckte Vorschüler schnappt so ziemlich alles auf, was um ihn herum passiert.

Propaganda also. Noah hat es sich gut gemerkt. Als seine Mama ihn abends zu Bett brachte, kam es plötzlich wieder an die Oberfläche. „Das ist ein ganz klassischer Zeitpunkt. Der Tag neigt sie dem Ende zu, alles wird ruhiger, die Ablenkungen sind nicht mehr da und plötzlich tauchen die Fragen auf“, sagt Reta Pelz. Sie ist Chefärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Mediclin Klinik an der Lindenhöhe in Offenburg.

Niemand kommt in diesen Tagen am Krieg in der Ukraine vorbei. Kleine Kinder, große Kinder, Teenager zu Beginn der Pubertät und Jugendliche kurz vor der Volljährigkeit. Unabhängig von ihrem Alter und ihrem Medienkonsum machen sie sich ihre eigenen Gedanken. „Wie ein junger Mensch schlechte Nachrichten und schlimme Bilder verarbeitet, ist sehr unterschiedlich“, weiß die Psychologin Pelz. Nicht nur das Alter, auch die Persönlichkeit spielten dabei eine große Rolle.

Doch ganz egal, was für einen jungen Menschen man zu Hause hat – die Ärztin hat einen ganz grundsätzlichen Tipp für alle parat: „Eltern sollten über alles sprechen, wonach die Kinder fragen. Auch wenn’s unangenehm ist.“ Auf das Alter kommt es dabei nicht an. „Wenn Kindergartenkinder nach dem Krieg fragen, sollte man ihre Fragen genauso ernst nehmen, wie die von Jugendlichen kurz vor dem Abitur.“

Reta Pelz, Chefärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Klinik Mediclin in Offenburg. Foto: Midiclin

Reta Pelz, Chefärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Klinik Mediclin in Offenburg. Foto: Midiclin

Fragen sind auch nicht immer gleich ein Ausdruck von Angst und Sorge. Hinter dem Satz „Mama, kommt der Putin jetzt auch zu uns?“, kann genauso gut die reine Neugier stehen. Deshalb rät Reta Pelz auch zum Nachfragen. „Man kann sagen: ,Warum möchtest du das wissen?‘ oder ,Was genau meinst du?‘“ Eltern bekämen so ein Gespür für die Gefühlswelt des Kindes.

Internetseiten geben Tipps und Hilfe

Wenn es dann an die Beantwortung der Fragen geht, ist Aufrichtigkeit das A und O. „Eltern sollten immer ehrlich antworten“, rät die Kölner Diplompsychologin Elisabeth Raffauf. Die richtigen Worte zu finden, ist vielleicht nicht immer leicht – aber es gibt Unterstützung. Raffauf verweist auf die Internetseite „Schau hin“, die das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Zusammenarbeit mit den öffentlich-rechtlichen Sendern und dem AOK-Bundesverband betreibt.

Ehrlichkeit beinhaltet aber auch, dass Erwachsene offen zugeben, wenn sie etwas nicht wissen. „Wenn man keine Antwort hat, kann man das auch sagen“, meint Reta Pelz. Kinder erwarten nicht, dass ihre Eltern allwissend sind. „Man kann sich in solchen Fällen ja auch gemeinsam auf die Suche nach einer Antwort machen“, schlägt sie vor. Allerdings sollte man die Kinder dabei nicht alleine lassen. Kinderseiten im Internet oder spezielle Kinder-Suchmaschinen helfen weiter.

Ängstliche Eltern machen ängstliche Kinder

Der Krieg in der Ukraine und die Bilder von Zerstörung und flüchtenden Menschen bringen auch viele Erwachsene an ihre Grenzen. „Im Umgang mit Jüngeren ist es wichtig, dass man sich den eigenen Ängsten nicht hingibt“, rät Reta Pelz. Kinder haben oft ein sehr feines Gespür für Sorgen. Ängste noch zu schüren, bringe sie nicht weiter. „Sagen Sie ihren Kindern lieber, dass der Krieg weit weg ist und dass wir hier in Sicherheit sind.“

Manche Kinder stellen Fragen, die darauf hinweisen, dass sie sich Sorgen machen. Andere behalten ihre Befürchtungen lieber für sich. Genau hinschauen hilft. „Eltern sind die besten Experten für ihre Kinder“, sagt Reta Pelz. Häufige Wutanfälle, schlechter Schlaf, mehr Essen, weniger Essen oder häufige Bauchschmerzen können Anzeichen dafür sein, dass im Innern etwas arbeitet. Wenn das erkennbar wird, rät die Psychologin dazu, ein Gesprächsangebot zu machen.

Manche Kinder wollen nicht reden - was dann?

Aber was, wenn das Kind überhaupt nicht reden will? „Dann ist das auch in Ordnung.“ Gerade bei älteren Kindern ist die Gesprächsbereitschaft oft nicht mehr so hoch. Aufgezwungene Unterhaltungen seien nicht ratsam. Auch pauschale Medienverbote brächten wenig bis nichts. „Ich rate schon immer dazu, Kinder bei der Mediennutzung zu begleiten und die Medienzeit zu begrenzen. Aber wenn man das noch nie gemacht hat, dann bringt ein Verbot von heute auf morgen auch nichts mehr.“

Ralph Caspers ist der Moderator der Sendung mit der Maus, die dem Thema Krieg schon mehrere Sendungen gewidmet hat. In einem Radio-Interview sollte er ebenfalls die Frage beantworten, wie man Kindern den Krieg nahebringt. Natürlich komme es immer auf das Kind an, erklärte er. Prinzipiell sei wichtig „es ehrlich und mit klaren Worten“ zu erklären.

Dabei sollte man nicht zu weit ausholen, sondern genau auf die Fragen des Kindes eingehen. „Wenn ein Kind mehr wissen will, dann fragt es auch weiter“, sagt Caspers. Aber wenn nicht? „Irgendwann ist dann auch mal gut und dann gibt es auch keine Fragen mehr und das muss man dann als Eltern auch akzeptieren.“

Zum Thema: Tipps für Eltern

Ansprechbar sein:
Gerade in unsicheren Zeiten ist es wichtig, für die Kinder da zu sein und ihnen zuzuhören, wann immer sie das möchten.

Nachfragen stellen:
Was genau meinst du damit? Was bringt dich auf diese Frage? Nachfragen helfen, ein Gefühl für die konkreten Ängste der Kinder zu bekommen.

Gute Atmosphäre schaffen:
Meistens kommen die Ängste am Ende des Tages hervor. Dann hilft eine angenehme Aktivität, wie Tee trinken oder eine Geschichte vorzulesen dabei, eine Atmosphäre zu schaffen, in der es sich gut reden lässt.

Wissenslücken zugeben:
Auch Eltern haben nicht auf alle Fragen eine Antwort. Geben Sie das ruhig zu und bieten Sie Ihrem Kind an, es gemeinsam herauszufinden.

Gemeinsam recherchieren:
Kinder-Suchmaschinen wie www.blinde-kuh.de oder die Kindernachrichtensendung logo auf Kika helfen, viele komplizierte Fragen zu klären. Auch die Sendung mit der Maus hat Erklärungen und Tipps parat.

Gelassen bleiben:
Eltern sollten ihren Kindern Sicherheit vermitteln. Deshalb ist es gut, die eigenen Ängste hintenan zu stellen und ruhig und gelassen zu bleiben – auch wenn’s gerade schwer fällt.

Aktiv werden:
Damit das Kind sich hilfreich und aktiv erlebt, kann man gemeinsam malen, Kerzen anzünden, Geld für eine Hilfsaktion spenden oder auf eine Friedensdemo gehen.

Professionelle Hilfe:
Informationen für Eltern bietet auch die Medieninitiative „Schau hin“. Wer sich Sorgen macht oder einfach einen Rat braucht, kann sich an das Elterntelefon „Nummer gegen Kummer“ (0800 1110550) wenden. Das Angebot ist kostenfrei und anonym.

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Ihr Autor

BNN-Redakteurin Sibylle Kranich

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Erstellt:
9. März 2022, 17:45 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 29sec

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