Wie sieht die Arbeit hinter den Kulissen der Philharmonie aus?

Baden-Baden (fvo) – Ludwig Beideck ist technischer Leiter der Philharmonie Baden-Baden. Die derzeitige Corona-Pause ist für ihn „die perfekte Gelegenheit, derlei Dinge in Angriff zu nehmen, die ja meist liegen bleiben“. Im BT verrät er, was sein Albtraum-Szenario bei Konzerten ist und was er tagtäglich tut, damit dieses nicht eintritt.

Putzfee aus freien Stücken: Ludwig Beideck, technischer Leiter der Philharmonie, sorgt am Flügel für „klare“ Verhältnisse.Foto: Zeindler-Efler

© MONIKA ZEINDLER-EFLER

Putzfee aus freien Stücken: Ludwig Beideck, technischer Leiter der Philharmonie, sorgt am Flügel für „klare“ Verhältnisse.Foto: Zeindler-Efler

Die Horrorvorstellung von Ludwig Beideck ist pianissimo. Pianissimo und ein knarzender Stuhl. „Das wäre natürlich hochnotpeinlich, wenn es an einer leisen Stelle quietscht. Das hört man ja bis in die fünfte Reihe“, versichert der technische Leiter der Philharmonie Baden-Baden. Grund genug jedenfalls, das musikalische Bühnenequipment im Weinbrennersaal regelmäßig auf Vordermann zu bringen. Ein Job, für den er sich selbst nicht zu schade ist.
Die Corona-Generalpause sei jedenfalls „die perfekte Gelegenheit, derlei Dinge in Angriff zu nehmen, die ja meist liegen bleiben“, wie Beideck gesteht. Und da sei es bei einigen Wackelkandidaten ja „höchste Eisenbahn“. Allen voran gilt dies für so manchen der rund 100 Stühle, die in allen Varianten daher kommen bis hin zur komplizierten Gasdruckfeder-Technik, wobei letzteres klar ein Fall für den Spezialisten ist. Auch Xylofone und Vibrafone wollen ab und an den Staubsauger sehen und an den Rollen gereinigt und gefettet werden. Ganz zu schweigen vom Bechstein-Flügel, zehn Jahre jung, in bestem Zustand, aber dennoch anfällig für Staub und quietschende Rollen. „In der Regel ist das eine Arbeit, die sich über eine ganzes Jahr hinzieht“, erzählt er. Mängelverwaltung eben. Nicht so in diesem Jahr.

Zuschauer oder Zuhörer für seine verdienstvolle Arbeit hat Beideck nicht zu erwarten. Er ist ohnehin stets der Mann im Hintergrund. Seit der Saison 17/18 kümmert sich der 55-jährige gelernte Veranstaltungstechniker aus Karlsruhe mit Erfahrung im Konzertbühnenbereich und Messebau um reibungslose Auftritte der Philharmonie – frei nach dem Motto „Wie sie hören, hören sie nichts“. Mit langjähriger Erfahrung in der Popularmusik und zumal als Schlagzeuger, weiß man, wie wichtig perfektes Material ist. Und damit das auch so perfekt bleibt, spielt er freiwillig Putzfee Nummer eins und schwingt fleißig den feuchten Lappen und Staubwedel. Das Auge hört nun mal mit. Dies gilt neben dem Flügel, der mit Spezialpaste auf Hochglanz getrimmt wird (ebenso ein zweiter für die Flesch-Akademie) nicht zuletzt für das Dirigentenpult, das als Neuanschaffung reinigungstechnisch allerdings weniger Zuwendung braucht.

Vor der Optik steht allerdings die Funktionsfähigkeit. Und da sind die 50 schwarz gewandeten Notenständer ein dankbares Opfer. Ein paar Holzausbesserungen hier, ein bisschen Mechanik da und vor allem dafür Sorge tragen, dass die Schrauben nicht zu schwer gehen. „Wenn da eine zarte Geigerin dran drehen muss, dann gute Nacht“, weiß Beideck. Und er erinnert sich an etliche „Noteinsätze“, wenn er kurz vor ultimo auf der Bühne nochmals letzte Hand anlegen musste. Adrenalinschübe, auf die man gerne verzichtet. Und seltsamerweise ist nichts so planbar wie die Unplanbarkeit. „Das kommt ja immer plötzlich – fast wie aus dem Nichts, dass so ein Stuhl zu quietschen anfängt.“ Die Fesseln der Technik eben. Ein echtes Phänomen, auf das Beideck auch keine Erklärung parat hat.

Großer Posten ist nicht zuletzt die technische Überholung der zehn Pauken, insbesondere der vier Reisepauken, die gesäubert, geschmiert und vernünftig gereinigt werden wollen, gerade an den Rollen. Eine Arbeit auch im Sinne der Langlebigkeit und Werthaltigkeit, was mit Blick auf die Kosten (70000 Euro pro Set) durchaus Sinn macht.

Seit vier Wochen ist Beideck zugange im „Nebenjob“ dürfte ihn noch eine Weile beschäftigen. Und sollte ihm mal die Arbeit ausgeben: Im Archiv wimmelt es nur so von Notenbergen. Stolze 7800 Musiktitel nennt die Philharmonie ihr eigen, die man digitalisieren könnte oder archivieren – wenn man denn wollte. Ein Mammutjob, vor dem es einem grauen könnte. Doch wie Beideck weiß, geht es bei der Philharmonie gottlob meist noch physisch zur Sache. Vor allem beim Equipment-Reinigen.

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Erstellt:
23. April 2020, 14:00 Uhr
Lesedauer:
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