Wie von einer anderen Welt

Gernsbach (ueb) – Das „Ensemble zur kleinen Konditorei“ begeistert mit seinem Auftritt im ausverkauften Obertsroter Kirchl.

Die sieben Männer in weißen Hemden, Hosenträgern, auch Zylinder und schwarzer Fliege verwöhnen das Publikum in Obertsrot mit Musik der Zwanziger- und Dreißiger-Jahre. Foto: Dagmar Uebel

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Die sieben Männer in weißen Hemden, Hosenträgern, auch Zylinder und schwarzer Fliege verwöhnen das Publikum in Obertsrot mit Musik der Zwanziger- und Dreißiger-Jahre. Foto: Dagmar Uebel

Um Musik live zu erleben, schrecken viele auch nicht vor längeren Anfahrten ins Murgtal zurück. Das wissen die Mitglieder des Vereins Kultur im Kirchl. Und darauf bauen sie, wenn sie in ihren Veranstaltungen keinerlei stilistische Einschränkungen machen. Diese Vielfalt bewährt sich seit Jahren, sind doch die Karten für die meisten Veranstaltungen oft heiß begehrt. Wie am Samstagabend, als das „Ensemble zur kleinen Konditorei“ einen kleinen Schimmer der „goldenen Zwanziger“ im Kirchl zum Leuchten brachte.

Klassik, Jazz, Rock und Pop: Alles gut, und doch stehen der Spaß am Erleben und auch das Mitsingen von offenbar unsterblichen Oldies hoch in der Gunst der Konzertbesucher. Das ist ein guter Grund, das Ensemble in die kleine, am Samstag total ausverkaufte Obertsroter Spielstätte einzuladen. Die sieben Musiker aus Weitenung, im realen Leben durchaus auf der Höhe unserer Zeit, schafften den musikalischen Zeitsprung 100 Jahre zurück. Nach zwei Stunden Programm, einem Bertolt Brecht zum Schluss und drei Zugaben lag die Atmosphäre einer anderen Welt über dem Raum.

Mit Hosenträgern, Zylinder und schwarzer Fliege

Ja, die sieben Männer in weißen Hemden, Hosenträgern, auch Zylinder und schwarzer Fliege schienen wie von einer anderen Welt. Sie ließen in ihren Schlagern keinen Zweifel daran, dass die „Männer schon die Liebe wert“ seien und dabei „die Herzen der stolzesten Fraun“ brechen könnten. Die Realität machte es ihnen leicht, bei „Wochenend und Sonnenschein“ wussten sie sich mit ihrem Publikum auf gleichem Stimmungshoch. Da brauchten sie noch nicht einmal von der rot untergehenden „Sonne auf Capri“ zu schwärmen. Doch warum in die Ferne schweifen: Wo doch beim „Tango Notturno“ alle Männer von den „schönen Beinen der Elisabeth“ schwärmten, und flüsterten, das „Fräulein Helen“ beim Baden gesehen zu haben. Niemals hätte das historische Berliner Vokalensemble „Comedian Harmonists“, das diese Zeilen schrieb und sang, vermuten können, dass das auch bekannte „Ich lass mir meinen Körper schwarz bepinseln“ heute zugleich mit „Blackfacing“ des 21. Jahrhunderts in Verbindung gebracht werden könnte. Eben alles vor etwa einhundert Jahren entstanden.

Damals, als die Zwanziger- und frühen Dreißiger-Jahre sich durch nie gekannte Freiheiten, politische Extreme, Innovationen in Film, Kunst und Musik auszeichneten. Und durch die absurdesten Texte, die (von späteren Ausnahmen abgesehen) jemals in deutscher Sprache verfasst wurden. Dazu gehörte natürlich auch „Der Onkel Doktor hat gesagt, ich darf nicht küssen“, „Ausgerechnet Bananen“ und „Ein Lied geht um die Welt“ – gewissermaßen Standardwerke in den Jahren zwischen zwei Kriegen anti Ernsthaftigkeit, aber pro Spaß am Leben.

Standardwerke in den Jahren zwischen zwei Kriegen

Ansonsten hielten sich die Musiker an ihren Namen „Ensemble zur kleinen Konditorei“. Ein Gefühl, das Wärme, Genuss und entspannten Frohsinn versprach und auch hielt. Der Sänger Thomas Frietsch fand in Thomas und Matthias Frietsch an den Gitarren, dem Klarinettisten Alfons Frietsch, dem Trompeter Michael Ritter, dem Drummer Marcel Frietsch und am E-Piano Daniel Balle kongeniale Partner, die jeden Beitrag zum kleinen musikalischen Erlebnis machten. Der Sänger, an dessen Lippen die Zuschauer hingen, der Trompeter, der für den Sound sorgte, ein Gitarrist als Moderator, der Klarinettist mit Saxophon und der „Moritat von Mackie Messer“ als Brecht-Interpret. Sie alle zusammen waren es, die das klassische Musikgefühl der Zwanziger- und Dreißiger-Jahre zum Klingen brachten.

Und noch mehr: Die Musiker peppten manche Melodien und Rhythmen so auf, dass nicht Charleston und Tango den Abend allein bestimmten, sondern Blues und jazzige Teile. In diese Musik fielen Textzeilen liebevoll sanft hinein: „Zwei Herzen im Dreivierteltakt“, „Dein Kuss hat mir die Liebe gebracht“ oder „Salome, schönste Blume des Orient“. Es sind vor allem banale Liebes- und Lebenslieder, die ohne jeglichen politischen Anspruch entstanden, aber ihren unterhaltenden Wert nie verloren. Im Finale durften freilich die Lieder „Ein Freund, ein guter Freund“, „Ein Lied geht um die Welt“, „Bei mir bist du scheen“, „Veronika, der Lenz ist da“ und das Ensemble-Motto „In einer kleinen Konditorei“ nicht fehlen. Mit dem Klassiker „Mein kleiner grüner Kaktus“ verklang der Abend, der, am Zuschauerapplaus gemessen, gerne noch weitere Zugaben vertragen hätte.


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