„Wie wenn man einen Eimer Wasser ins Meer schüttet“

Karlsruhe (BNN) – Fußball und Depression: Der Tod seines Mitspielers Robert Enke hat dem früheren KSC-Kapitän Mario Eggimann einst die Augen geöffnet. Im BNN-Interview gewährt er tiefe Einblicke.

Spielten für Hannover 96 im gleichen Trikot: Torwart Robert Enke (rechts) und Mario Eggimann. Foto: Imago Images

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Spielten für Hannover 96 im gleichen Trikot: Torwart Robert Enke (rechts) und Mario Eggimann. Foto: Imago Images

Es ist eine von vielen anrührenden Geschichten, die man sich nach dem Tod von Robert Enke erzählte: Der bewunderte Fußball-Millionär, Nationalspieler und Kapitän von Hannover 96, nahm einmal das Poesie-Album eines jungen Fans mit nach Hause. Zur Frage, was er einmal werden wolle, schrieb er: „Ein glücklicher, zufriedener Mensch.“

Enke wäre heute 44 Jahre alt. Vielleicht wäre er glücklich und zufrieden. Doch damals, vor zwölf Jahren, als der Torwart eine öffentliche Person war, war er das nicht. Konnte es nicht sein. Er war krank. Litt an schweren Depressionen. Am 10. November 2009 nahm er sich an einem Bahnübergang in der Nähe seines Wohnorts Himmelreich das Leben. Zwei Monate später gründete seine Frau Teresa die Robert-Enke-Stiftung. Diese wird am heutigen Samstag ihre Arbeit im Rahmen des Heimspiels des Karlsruher SC gegen Hannover 96 im Wildparkstadion präsentieren.

Mario Eggimann weiß aus privater Betroffenheit, wie wichtig es ist, dass sich die Gesellschaft mit dem zu oft noch tabuisierten Thema Depression auseinandersetzt. Der Schweizer spielte sechs Jahre beim KSC, fünf Jahre lang in Hannover. 2008 war er als Kapitän der Karlsruher Aufstiegsmannschaft zu den Niedersachsen gewechselt. Dort lernte er neben dem Torwart auch den Menschen Robert Enke schätzen. Nach der Tragödie um den Mannschaftskameraden veränderte sich sein Blick auf die Branche und auf seine Rolle darin, wie der 40-Jährige im Gespräch mit unserem Mitarbeiter René Dankert offen erzählt.

BT: Herr Eggimann, wie haben Sie Robert Enke in Erinnerung?
Mario Eggimann: Robert war der überragende Spieler bei uns. Sehr ehrgeizig. Er war unser Fels im Tor. Deswegen haben wir uns sehr sicher gefühlt mit ihm. Er hat uns unbewusst sehr viel gegeben.

BT: Haben Sie ein letztes Bild von ihm?

Eggimann: Am Tag bevor das Unfassbare geschah, war ich nach dem Training mit ihm als Letzter unter der Dusche. Ich weiß noch, wie er mit dem Rücken zu mir stand und wie ich sein breites Kreuz sah. Da dachte ich: „Respekt, was du alles durchmachst, was du aushalten musst.“ Ich hatte das Gefühl, dass eine Gewitterwolke über ihm lag. Im Nachhinein lässt sich das benennen. Damals hätte ich mir natürlich nicht vorstellen können, dass so etwas passiert.

BT: Wie erfuhren Sie von seinem Tod?
Eggimann: Ich war bei einem Termin und habe vor dem Haus im Auto noch telefoniert. Parallel dazu kamen auf einmal gleichzeitig mehrere Whats-App-Nachrichten an. Ich sah nach, was passiert ist. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass dort stand, „Robert ist tot“. Ich beendete das Telefonat sofort, las die Nachrichten und stand mit dem Wissen vor meiner Haustüre, dass meine Frau ihren Vater auf die gleiche Weise verloren hatte. Sie hatte es bereits aus den Medien erfahren und wurde von der Vergangenheit eingeholt. Das war also nicht nur für mich eine besonders schwierige Situation.

BT: Welcher Moment war für Sie in jenen Stunden und Tagen der bewegendste?
Eggimann: Wir alle wussten nicht wohin mit uns. So sind wir Spieler spät abends alle unabhängig voneinander ins Stadion gefahren. Dort haben wir fast die ganze Nacht miteinander verbracht. Diese Stunden waren etwas sehr Bewegendes. Ich denke, es hat uns alle ein wenig verändert.

„Es geht bei vielen um die Existenz“

BT: Ließen sich für Sie, im Nachhinein, Anzeichen für Enkes Leiden erkennen?
Eggimann: Ich hatte den Eindruck, dass es Robert zu schaffen machte, dass er deutschlandweit nicht so anerkannt war wie es früher ein Oliver Kahn war oder heute ein Manuel Neuer ist. Dann kam es uns komisch vor, dass er vor einem Länderspiel in Hannover gegen Aserbaidschan plötzlich, von einer Stunde auf die andere, ausgefallen ist. Es gab sicherlich Anzeichen oder ein wiederkehrendes Bauchgefühl. Wie aber soll ein Mensch, der über keinerlei Ausbildung und Erfahrung auf diesem Gebiet verfügt, feststellen, womit er es hier zu tun hat? Hat der Mitspieler gerade Probleme oder ist er mental krank? Das kann man nicht „erfühlen“. Außerdem wirft die Frage „Hat sich der Suizid angekündigt?“ auf eine Art und Weise Schuldgefühle auf, die nicht gerechtfertigt sind. Als gesunder Mensch rechnet man nicht damit. Für das nähere Umfeld gibt es eigentlich keine Möglichkeit, irgendetwas zu verhindern.

BT: Hat Sie die Tragödie nachdenklicher werden lassen, was Ihren Job angeht?
Eggimann: Sicher habe ich danach viel nachgedacht und gemerkt, dass es mir selbst gar nicht gut geht. Allerdings möchte ich auch klar betonen, dass meine Situation mit der seinen nicht vergleichbar war. Robert war krank, ich dagegen war ein leicht depressiver, aber gesunder Mann, der eine schwierige Situation zu meistern hatte und nach Lösungen suchen musste. Ein Freund und Coach von früher empfahl mir eine Frau, die eher im therapeutischen Bereich arbeitete. Ich habe mich später auch in dieser Richtung aus- und weiterbilden lassen. Dabei war ich immer an der Frage interessiert: Wie entsteht Leistung? Klassische Beispiele: Warum spielt ein Spieler oder eine ganze Mannschaft heute überragend und eine Woche später schlecht? Warum verletzt man sich einfach aus dem Nichts heraus schwer? Warum habe ich in bestimmten Situationen Angst und kann diese nicht kontrollieren?

BT: Der Fall Enke oder auch der des Schiedsrichters Babak Rafati, der 2011 einen Suizidversuch unternahm, ließ den Profifußball innehalten. Hat das den Umgang darin und die Achtsamkeit seither verändert?
Eggimann: Ich habe den Eindruck, dass versucht wird, etwas zu tun. Aber das ist so, wie wenn du einen Eimer Wasser ins Meer schüttest. Um flächendeckend etwas zu verändern, muss man das komplette System Spitzensport ändern. Reine Utopie.

BT: Warum sind Sie da so sicher?
Eggimann: Am Ende wollen alle Seiten im Fußball ihre Bedürfnisse befriedigt sehen: Das ist auf der Fanseite, die Helden anzufeuern und sich ein gutes Gefühl zu holen. Auf der Vereinsseite ist es der Erfolg. Auf Investoren- beziehungsweise Sponsorenseite sind es Ansehen oder Rendite. Das, kombiniert mit einer großen Anzahl Spielern, die fast alle gleich gut sind, führt dazu, dass der Spieler Mittel zum Zweck wird und immer mehr austauschbar ist. So entsteht für jeden eine enorme Drucksituation. Es geht bei vielen um die Existenz. Und bei Spielern, die genug Geld haben, um Ängste ganz anderer Natur, die sie nicht kontrollieren können.

BT: Naturgemäß bleibt in Haifischbecken die Aufmerksamkeit füreinander auf der Strecke?
Eggimann: Da ich mit vielen Spielern im Kontakt stehe, weiß ich, dass es immer noch sehr schwierig ist, mit anderen darüber zu sprechen. Auch diese Wahrnehmung für den jeweils anderen zu haben, ist kein Fach, das in der Schule gelehrt wird. Das ist aber kein reines Fußballproblem. Miteinander in Kontakt zu sein, fällt immer schwerer. Und jetzt kommen wir zu dem Punkt, den ich sehr interessant finde: Was hilft es mir, wenn ich einem anderen nicht helfe? Da muss man sich vielleicht einmal fünf Minuten in Ruhe Zeit nehmen, um darüber nachzudenken. Ein kleiner Hinweis: Die Konkurrenz ist sehr groß im Fußball.

„Der Mensch neigt zum einfachen Weg“

BT: Sie führen die Spielervermittlungsagentur „SportsTransfer“, haben mit jungen Fußballern und mit den Nachwuchsleistungszentren der Clubs zu tun. Welche Erfahrung haben Sie da gemacht?
Eggimann: Ich sehe viele Vereine, die sich sehr bemühen, aber an ihre Grenzen stoßen, auch weil das Umfeld der Spieler immer schwieriger wird. Dann gibt es diejenigen, die viel erzählen, denen es aber am Ende egal ist und für die nur der Erfolg zählt. Grundsätzlich stelle ich aber auf der anderen Seite auch fest, dass die Spieler immer mehr Mühe haben, mit schwierigen Situationen umzugehen: Durch antiautoritäre Erziehung oder Instabilitäten der Eltern und Social-Media. Und dann gibt es Menschen, die Ideen entwickeln wie beispielsweise, dass Kinder nicht mehr um Punkte spielen sollen. Die Jungs lernen also nicht mehr, gegen Widerstände zu kämpfen, scheinbar Unmögliches zu überwinden oder Leid zu ertragen.

BT: Die jungen Spieler geben früher auf?
Eggimann: Genau. Und sie suchen bei anderen die Schuld für ihr Scheitern. Irgendeiner muss schließlich schuld sein. Wenn ich mit Spielern arbeite, sehe ich, wie schwer es ihnen fällt, gegen diese Muster anzukämpfen. Das Problem ist, das wir Menschen dazu neigen, den einfachen Weg zu gehen. Social Media befeuert dies. Alle stellen sich dar, als wäre es einfach, erfolgreich zu sein. Die wenigsten zeigen, wie viel Dreck sie gefressen haben, bis sie dorthin gekommen sind. Und glauben Sie mir, jeder hat das auf dem Weg nach oben! Warum schafft es der eine nicht und der andere schon? Was macht den Unterschied? Ich glaube, dass ich heute gut verstehe, wie das funktioniert. Robert hat sicher einen Anteil daran, dass ich Menschen auf ihrem Weg, Höchstleistung zu erbringen, begleite.

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Erstellt:
27. November 2021, 10:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 30sec

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