Wiederentdeckung einer badischen Malerin

Elchesheim-Illingen (HH) – Die badische Malerin Amalie Bensinger führte ein außergewöhnliches Leben. Dr. Johannes Werner, der in Elchesheim-Illingen lebt, hat ein Buch über sie geschrieben.

Dr. Johannes Werner reizte die Aufgabe, das Leben und Wirken der badischen Malerin zu beschreiben. Foto: Helmut Heck

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Dr. Johannes Werner reizte die Aufgabe, das Leben und Wirken der badischen Malerin zu beschreiben. Foto: Helmut Heck

Ein Teufelsweib mag man Amalie Bensinger nicht nennen. Dafür war der „hohe Flug ihres Geistes“, den ein Bewunderer respektvoll würdigte, viel zu feinsinnig. Doch sie war eine Frau „männerbeschämenden Muthes“, wie der Dichter Joseph Victor Scheffel schrieb. Nun ist im Verlag Regionalkultur ein Buch über sie erschienen, von dem in Elchesheim-Illingen lebenden Autor Dr. Johannes Werner.

Amalie Bensinger bewies Fähigkeiten, die nach Überzeugung anderer Zeitgenossen „eher eine männliche als eine weibliche Hand“ vermuten ließen. Sie wurde am 28. März 1809 in Bruchsal geboren, wuchs in Mannheim auf. Ihr großes Talent war die Malerei, mit der sie, die zeitlebens unverheiratet blieb, ihren Unterhalt verdiente.

Amalie Bensinger lebte nicht nur für ihre Zeit ein sehr außergewöhnliches Leben. Foto: pr

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Amalie Bensinger lebte nicht nur für ihre Zeit ein sehr außergewöhnliches Leben. Foto: pr

„Die badische Malerin Amalie Bensinger“ lautet der Buchtitel. Der Untertitel „Eine Frau und ihre Freunde“ weist auf das illustre Personen-Tableau hin, das in dem knapp 60 Seiten umfassenden Band versammelt ist. Seinen Ursprung hat das Buch in frühen flüchtigen Begegnungen, wie Werner verrät. Auf Bensinger sei er die ersten Male vor 40 Jahren gestoßen und danach immer mal wieder. So wurde ihm zu einer Herzensangelegenheit, was sich ein Großneffe der Künstlerin schon 1922 gewünscht hatte: dass sich jemand finde, „den die Aufgabe reizt, das Leben und Wirken dieser badischen Malerin zu beschreiben“.

Werner holt sie als eine Künstlerin mit faszinierender Ausstrahlung aus der Vergessenheit zurück. Er selbst hält sich mit seiner Bewunderung zurück, lässt stattdessen Weggefährten der Malerin zu Wort kommen. In der Einleitung stimmt er auf eine Biografie ein, die sich in „ungewöhnlichen Bahnen“ mit den Wegen anderer Künstler „überraschend und folgenreich“ gekreuzt habe, zumal „für eine Frau, damals“. Schon ihre Ausbildung an der Kunstakademie Düsseldorf war im 19. Jahrhundert eine Besonderheit, denn Frauen waren eigentlich nicht zugelassen. Mit Bildnissen biblischer Frauengestalten und Porträts bekannter Persönlichkeiten, zum Beispiel Felix Mendelssohn-Bartholdy, sei sie schon früh aufgefallen, benennt Werner erste Erfolge.

Zwei Gemälde im Kloster Lichtenthal

Vom Rhein zog sie 1851 nach Rom, wo in jenen Jahren rund 150 Maler aus Deutschland lebten. In einer Künstlerkolonie in den Albaner Bergen sollte sie bald einem Gleichgesinnten aus der badischen Heimat begegnen, dem eingangs erwähnten Dichter Scheffel, der 1853 auf Capri sein Versepos „Der Trompeter von Säckingen“ verfasste. Auch die Karlsruher Künstler Wilhelm Klose und Johann Lotsch waren in diesen Kreisen präsent.

Bensinger und der 17 Jahre jüngere Scheffel blieben über Jahre innig verbunden. Der Dichter war sehr angetan, wie einige im Buch zitierte Zeilen aus einem Brief spüren lassen, in dem Scheffel Bensinger als „tolles altes Mannheimer Kind“ verehrt, das eigensinnig und forsch „in Italien herumirrlichterte“ und trotz allem „ernsten Sinn für Kunst besitzt“.

Ein anderer Maler aus der Gruppe beschrieb die beiden so: ihn als „jungen Mann mit kleinem Schnurrbärtchen“ und die über 40-jährige Begleiterin als „frisch und rosig aussehende Blondine mit Stumpfnäschen und munteren Augen“. Den Aufenthalten in Italien sind unter anderem zwei strahlend schöne Ölgemälde zu verdanken, die gewissermaßen die bildnerischen Höhepunkte des Buchs bilden, sie zeigen eine „Italienerin mit Tamburin“ und eine „Stillende Römerin“.

Glaubensübertritt im Kloster Lichtenthal

Um 1860 bahnte sich ein künstlerischer und persönlicher Wandel an, bei dem schon der Auslöser aufhorchen lässt. Bensinger, die Protestantin war, erhielt den Auftrag, ein Altarbild für die katholische Pfarrkirche St. Peter und Paul in Lahr zu malen, um dieselbe Zeit auch für die Pfarrkirche von Bonndorf. Alles Werke, die bis heute erhalten sind. Die Befassung mit Heiligen und Märtyrern habe ihr „die Ahnung eines Auferstehungsmorgens“ vermittelt, wie sie es in einer Niederschrift schilderte. Ein „unbeschreiblicher Jubel“ habe ihr Herz erfüllt. Sie habe verspürt, dass ihrem Leben, ihrer Kunst, „dass allem Aufschwung, wie hoch er mich auch trug, die Weihe fehlte“.

Sie vermutete einen Ursprung dieser Regung in der in frühester Kindheit erlebten „Liebe zum Gebet“ und „dem schüchternen Wohlgefallen an katholischen Ceremonien“. Noch 1860 trat Bensinger im Kloster Lichtenthal zum katholischen Glauben über. Einige Jahre später fertigte sie in Rom zwei große Gemälde für die Klosterkirche, die sich nach wie vor an den Seitenaltären betrachten lassen. Ebenfalls 1864 verschrieb sie sich mit Gleichgesinnten der Gründung eines Kunstklosters, bestehend aus Männerstift und Frauenstift. Aus „Liebe zu Gott und im Streben nach möglichster Vollkommenheit“ wolle man seine Talente und Kräfte für die christliche Kunst einsetzen.

Der Traum, das Vorhaben in Beuron zu verwirklichen, scheiterte. Bensinger zog sich nach Niederzell auf der Insel Reichenau zurück, wo sie am 16. November 1889 starb. Werner bedauert, dass weniges aus ihrem Schaffen erhalten geblieben sei. Immerhin konnte er im Buch 40 Bilder auflisten. Einen ansehnlichen Teil davon hütet ein in Hamburg lebender Ururur-Großneffe der Künstlerin, von dem Werner erfuhr, wie man sie in der Familie nennt, wenn über sie gesprochen wird: „Tante Malchen“.

Im Kloster Lichtenthal trat die Protestantin Bensinger 1860 zum katholischen Glauben über. Foto: Wolfgang Breyer/av

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Im Kloster Lichtenthal trat die Protestantin Bensinger 1860 zum katholischen Glauben über. Foto: Wolfgang Breyer/av

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Helmut Heck

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Erstellt:
28. Juni 2021, 17:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 28sec

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