Wilde Reise durch die Jahrzehnte

Freiburg/Baden-Baden (mi) – Einst war der SC Freiburg nur die Nummer zwei in der Stadt. Doch mit Gespür, Beharrlichkeit und besonderen Trainerpersönlichkeiten brachte er es weit – und nun ins Pokalfinale.

Viel Grund zum Jubeln: Kapitän Christian Günter (rechts) mit Nico Schlotterbeck und Lucas Höler. Foto: Uwe Anspach/dpa

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Viel Grund zum Jubeln: Kapitän Christian Günter (rechts) mit Nico Schlotterbeck und Lucas Höler. Foto: Uwe Anspach/dpa

Sie bildeten ein kongeniales Paar auf allen möglichen Amateurplätzen: Achim Stocker und sein wuscheliger, kleiner Hund Tommie. Unter 200, 300 Zuschauern irgendwo in Dörfern in Baden-Württemberg, Bayern oder gar bei einer Spritztour gen Norden: Das vertraute Duo hielt sich stets abseits der Zuschauer auf. Mit Pepitahut und Brille sah der frühere Präsident des Sport-Clubs Freiburg wie ein Detektiv aus. Und er war in den 70er, 80er und 90er Jahren ja auch zum Spionieren da.

Er beobachtete auf zahllosen Plätzen Talente, die er versuchte, an den eigenen Verein zu binden. Unter anderem auch den damals 18-jährigen Joachim Löw, der es später noch weit brachte. Zu jener Zeit war Stockers Leib- und Magenverein, der 1904 gegründet wurde, noch eine ganz kleine Nummer im Fußball – am Samstag steht er erstmals im DFB-Pokalfinale gegen RB Leipzig.

Berlin markiert zunächst den Endpunkt einer wilden Reise durch die Jahrzehnte, einem abenteuerlichen Hopping zwischen Amateur-, Zweitliga und seit 1993 erstmals der Beletage des deutschen Profifußballs. Die Leidenschaft, Leidensfähigkeit, Demut, die fest im Herzen eingeprägte Vereins-DNA war bei Stocker, der am 1. November 2009 verstarb, so ausgeprägt wie beim heutigen Kulttrainer Christian Streich.

Suchte Talente und bewies dabei sehr viel gutes Gespür: Achim Stocker. Foto: Patrick Seeger/dpa/av

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Suchte Talente und bewies dabei sehr viel gutes Gespür: Achim Stocker. Foto: Patrick Seeger/dpa/av

Freilich war der einst permanent auf Betteltour befindliche Stocker („Ich habe mich für diesen Verein erniedrigen lassen“), um Spieler und Rechnungen bezahlen zu können, der Pionier beim Arbeiterverein, der Hansdampf in allen Gassen, während Streich heutzutage ein ganzes Team starker Fachkräfte um sich weiß. Als Sparfuchs Stocker, der vom Kleben von Spielankündigungen an Litfaßsäulen bis zum Schmieren von Stullen für Journalisten quasi jeden Job im Verein übernahm, 1978 erstmals in die damals zweigeteilte zweite Bundesliga aufstieg, war der Sport-Club gar nur die Nummer zwei in der Stadt.

Traditionsverein Freiburger FC, bei dem sich einige Altvordere heute noch was auf die deutsche Meisterschaft von 1907 einbilden, regierte wie vom hohen Ross. Der damalige FFC-Präsident Rolf Jankovsky wollte den kleinen Emporkömmling in Ermangelung eines profigerechten Stadions nicht ins eigene Reich lassen: „Für die gibt es im Mösle keinen Platz.“ Zur Jahrtausendwende war der hoch verschuldete FFC dann im Amateurlager verschwunden, und der Sport-Club auch dort Hausherr, zwei Kilometer Luftlinie vom Dreisamstadion entfernt. Im Mösle entstand 2001 das heute mit Bestnoten bedachte Nachwuchsleistungszentrum.

Ex-Profi Andreas Bornemann war der erste Leiter, später folgte Jochen Saier, der heute Sportvorstand ist. Sie legten die Saat, die seit zwei Jahrzehnten reichlich Früchte trägt. Streich, der 1995 den Nachwuchs übernahm, entwickelte dort heutige Vorzeigespieler wie Kapitän Christian Günter oder Nicolas Höfler.

„Mit Finke könnte es was werden“

1991 war Stocker mit der Verpflichtung von Volker Finke der erste entscheidende Schritt für eine bessere Zukunft nach tristen, grauen Jahren im Zweitliga-Niemandsland gelungen. Vor der 16 Jahre andauernden Herrschaft des Norddeutschen, einer Mischung aus kühlem Vernunftmensch und tollkühnem Visionär, hatte der rührige Vereinschef jahrein, jahraus Trainer verschlissen und gefeuert wie heute notorische Krisenklubs (HSV, Hertha BSC, Wolfsburg). Die ellenlange Liste umfasste: Manfred Brief, Heinz Baas, Jupp Becker, Norbert Wagner, Lutz Hangartner, Werner Olk, Fritz Fuchs, Anton Rudinsky, Jörg Berger, Lorenz-Günter Köstner, Bernd Hoss, Eckhard Krautzun.

Und dann kam Finke. „Mit dem könnte es was werden“, hatte Stocker gleich nach der Unterschrift ein gutes Gefühl gehabt. Der beurlaubte Studienrat mit der Oberlehrer-Attitüde, der zuvor den völlig unbekannten TSV Havelse in die zweite Liga geführt hatte – Finke trainierte zuvor insgesamt 21 Mannschaften, auch im Tischtennis und Volleyball –, stellte die Struktur des Vereins völlig auf den Kopf.

Der in mehreren Schritten erfolgte Ausbau des Dreisamstadions, die Errichtung einer überdachten Stehtribüne und modernen Flutlichtanlage, der Einbau von Solarzellen auf dem Stadiondach, größere Kabinen und Toiletten, die Erweiterung des Fassungsvermögens von 15.000 auf 24.000, die Einführung eines professionellen Managements – Optimierungsfreak Finke drehte am Rad und hauste derweil hinter der Haupttribüne in seinem engen Container-Kabuff. Oftmals verbrachte er dort mehr Zeit als in seinen eigenen vier Wänden.

Am frühen Morgen nach den Spielen saßen die charakterlich völlig unterschiedlichen Typen Finke und Stocker dort zusammen, schauten sich die Videoaufzeichnungen an und redeten sich die Köpfe heiß über gelungene und weniger gelungene Aktionen. Wenn Stocker den Schuppen verließ, sah er im Zigarettendunst – Finke mochte Selbstgedrehte – nichts mehr, hatte aber den vollen Durchblick bezüglich der Form der Spieler. Der Trainer meinte damals: „Havelse war für mich das Experimentierfeld, was man mit einem Mannschaftskonzept erreichen kann, wenn der Verein keine großen finanziellen Möglichkeiten hat.“

Vordenker mit eigenem Strandkorb: Volker Finke herrschte 16 Jahre im Breisgau. Foto: Rolf Haid/dpa

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Vordenker mit eigenem Strandkorb: Volker Finke herrschte 16 Jahre im Breisgau. Foto: Rolf Haid/dpa

Aus dem „SC Stocker“ wurde der allmächtige „SC Finke“. Der Vorsitzende ließ dem dominanten, fortschrittlichen, fordernden Trainer alle Freiheiten – und Finke lieferte. Bereits in seiner zweiten Saison führte er den Sport-Club 1993 erstmals in die Bundesliga. Zwei Jahre später zogen die Südbadener nach einer herausragenden Spielzeit auf Rang drei sogar erstmals ins internationale Geschäft ein. Die UEFA-Cup-Teilnahme wurde 2001 wiederholt.

Der Vordenker mit seinem eigenen Strandkorb an der Seitenlinie („Er war ein guter Schutzraum nicht nur gegen Regen“) war auch der erste, der die vom Italiener Arrigo Sacchi erfundene Taktik der Spielverlagerung in der Bundesliga einführte. Das Kurzpass-Spiel und das Überzahlschaffen in Ballnähe bildeten eine erfolgreiche Symbiose. Der Begriff „Breisgau-Brasilianer“ machte die Runde. Selbst ein Literat wie Günter Grass wurde zum krassen SC-Fan.

Robin Dutt führte den Verein aus großer Not zurück in die Bundesliga – und verließ dann überraschend das Breisgau. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

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Robin Dutt führte den Verein aus großer Not zurück in die Bundesliga – und verließ dann überraschend das Breisgau. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Der geborene Pessimist Stocker mischte sich im Gegensatz zu früher nicht mehr in die Belange des Trainers ein. Doch neben all den Jahren im steten Voranschreiten gab es eben auch Saison-Aussetzer, die drei Abstiege zur Folge hatten. Irgendwann hatte sich das Modell Finke überholt. Als der Niedersachse 2007 zur Demission gedrängt wurde, waren der Verein und das Fanlager tief gespalten.

Stocker, der sich nicht im Guten vom „ewigen Finke“ trennte, installierte Robin Dutt als Nachfolger. Der akribische, fleißige, datenhörige Schwabe („Meine Mannschaft ist immer eine der fittesten“) führte den Verein aus seiner Krisensituation und nach zwei Jahren wieder in die Bundesliga. Nur ein Jahr später verließ Dutt überraschend den Breisgau.

Streich erst Retter und jetzt Kulttrainer

Marcus Sorg erwies sich danach als bislang einziger Trainer-Flop des SC seit der Bundesliga-Zugehörigkeit. Der ruhige und sachliche Diplom-Ingenieur, für den die Bundesliga-Bühne „nie ein erklärtes Ziel“ war, fand nie Zugang zu den Profis und wurde nach einer Spielerrevolte und dem Abrutschen auf den letzten Platz nach nur fünf Monaten von seiner Last befreit.

Aus dem einstigen Retter in letzter Minute wurde eine Kultfigur mit großem Erfolg: Christian Streich. Foto: Marius Becker/dpa

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Aus dem einstigen Retter in letzter Minute wurde eine Kultfigur mit großem Erfolg: Christian Streich. Foto: Marius Becker/dpa

Plötzlich in größter Not erinnerte man sich an Christian Streich, der 16 Jahre lang die A-Jugend coachte. „In der letzten Minute von 24 Stunden, habe ich mich gefragt: Was passiert, wenn ich es nicht mache“, erklärte er später den „11 Freunden“. Er machte es. Und wie. Damals führte er den Verein wie in allen Jahren danach – 2015 bildete die tränenreiche Ausnahme – aus der Gefahrenzone. In einer Topsaison wie 2013 und der gerade beendeten reicht es bis in den Europacup. Wie Finke, der auch gerne mit dem Rad zum Arbeitsplatz fuhr, ist er besessen vom Teamgedanken. Nur im Kollektiv können sie sich jede Saison behaupten. Streich: „Die Bundesliga ist gnadenlos.“ Wenn ein Nico Schlotterbeck den Verein verlässt, beklagt er sich nie. „Wenn sie eines Tages groß geworden sind, gehen sie halt.“ Streich bleibt zum Glück.

Ihr Autor

BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
17. Mai 2022, 12:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 43sec

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