Wilde Verfolgungsjagd durch Gaggenau

Gernsbach (stj) – Das Amtsgericht Gernsbach hat einen 22-Jährigen nach einem rücksichtslosen Fluchtversuch mit seinem Mercedes durch die Gaggenauer Innenstadt zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

„Das, was da passiert ist, ist einfach krass“, blickt Amtsgerichtsdirektor Ekkhart Koch auf eine Verfolgungsjagd zurück, die sich am 25. November 2020 durch die Gaggenauer Innenstadt zog. Foto: Uli Deck/dpa

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„Das, was da passiert ist, ist einfach krass“, blickt Amtsgerichtsdirektor Ekkhart Koch auf eine Verfolgungsjagd zurück, die sich am 25. November 2020 durch die Gaggenauer Innenstadt zog. Foto: Uli Deck/dpa

Beobachtern muss es vorgekommen sein wie in einem Hollywood-Blockbuster. Doch die Protagonisten waren keine Schauspieler, die sich am 25. November vergangenen Jahres eine wilde Verfolgungsjagd durch die Gaggenauer Innenstadt lieferten. Der Verursacher, ein inzwischen 22-jähriger Gernsbacher, muss nun acht Monate lang ins Gefängnis. „Das, was da passiert ist, ist einfach krass“, erklärte Amtsgerichtsdirektor Ekkhart Koch sein Urteil, in dem er keine Chance mehr sah für eine neuerliche Bewährungsstrafe.

Ein nicht angelegter Sicherheitsgurt war dem damals noch 21-jährigen Mercedes-Fahrer zum Verhängnis geworden. Beamte des Polizeireviers Gaggenau wollten den Mann aufgrund der Ordnungswidrigkeit an der Kreuzung Bismarckstraße einer Kontrolle unterziehen. Dabei trat der junge Erwachsene in die Eisen und flüchtete. Im Bereich der Fußgängerzone stieg er aus seinem Wagen aus und suchte zu Fuß in Richtung Murgpark das Weite. Im Bereich einer Spielothek in der Friedrich-Ebert-Straße gelang es den uniformierten Verfolgern, den Flüchtigen zu stellen.

Die Verfolgung führte an jenem Mittwoch im Zeitraum zwischen kurz vor 13.30 und 14 Uhr mit hoher Geschwindigkeit und mit waghalsigen Manövern durch die Gaggenauer Innenstadt. Lediglich dem Zufall war es zu verdanken, dass keine Unbeteiligten zu Schaden kamen, berichtete ein beteiligter Polizeiobermeister im Zeugenstand. So habe der Fahrer des grünen Benz weder auf die Anhaltesignale der Beamten reagiert, noch habe er vor roten Ampeln Halt gemacht und sein Auto mehrfach über Bordsteine gesteuert. Besonders riskant und rücksichtslos sei ein Manöver auf Höhe der Central-Apotheke eingangs der Fußgängerzone gewesen, wo eine Fußgängerin auf dem Gehweg beinahe über den Haufen gefahren wurde.

Zeugin schildert die Situation unter Tränen

Spürbar ergriffen berichtete die 45-Jährige als Zeugin im Amtsgericht von der Situation, in der sie laut Richter Koch einen Schutzengel gehabt habe. Wäre sie ein, zwei Schritte weitergegangen, hätte es wohl schlimmste Folgen gehabt, schließlich war der heranrasende Pkw für sie nicht zu sehen. Intuitiv sei die Frau stehen geblieben, als sie die Polizeisirenen hörte – kurz darauf schoss der Benz über den Bordstein und mit hoher Geschwindigkeit an ihr vorbei. Bei der Schilderung der Geschehnisse kamen der Gaggenauerin die Tränen, sie zitterte.

Der Angeklagte entschuldigte sich bei ihr und räumte die Vorwürfe vollumfänglich ein. Dazu zählten auch die Tatsachen, dass der Mann noch nie im Besitz einer gültigen Fahrerlaubnis war, dafür jedoch während der Verfolgungsjagd unter dem Einfluss von Drogen stand und auch ein Tütchen mit 1,5 Gramm Marihuana mit sich führte. Ein weiterer Vorfall, der sich am 16. Oktober 2020 gegen 12.50 Uhr auf dem Färbertorplatz in Gernsbach ereignet hatte, wurde im Verfahren mitverhandelt. Damals verschuldete der junge Mann mit seinem nicht zugelassenen Kleinkraftrad einen Unfall, bei dem der Polo einer Geschäftsfrau zu Schaden kam. Auch diese Tat räumte der Angeklagte ein und kündigte an, sich um die Schadensregulierung (knapp 4.600 Euro) kümmern zu wollen.

Verteidiger Mathias Albrecht sprach im Blick auf seinen Mandanten von einem „typischen Nachreifer“, der längst noch nicht erwachsen sei. Man müsse ihm aber zugutehalten, dass er vor Gericht eine „tiefe Einsicht“ gezeigt und Besserung gelobt habe. Angesichts schwieriger Familienverhältnisse sei seine Arbeitsstelle das Einzige, was er noch habe. Diese „sollten wir ihm nicht auch noch nehmen“, bat Albrecht um eine weitere Bewährungschance, die allerdings an eine verpflichtende Drogentherapie gebunden sein müsse.

Die Staatsanwaltschaft verwies auf die „hohe Rückfallgeschwindigkeit“ des Gernsbachers, der bereits zwölf Einträge im Bundeszentralregister stehen hat und zum Tatzeitpunkt unter Bewährung stand. Auch könne man bei dem Angeklagten nicht von einer positiven Sozialprognose ausgehen.

Der Richter sprach in seinem Urteil neben der Haftstrafe ohne Bewährung eine 18-monatige Sperrfrist für den Führerschein aus, zudem hat der 22-Jährige die Verfahrenskosten zu tragen. Das Urteil sei mehr oder weniger „Verhandlungsmasse“, blickte Koch auf ein Verfahren vor dem Amtsgericht Rastatt voraus, wo sich der Gernsbacher im Mai wegen einer weiteren Drogengeschichte zu verantworten hat.


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