Wildtierpflegestation: Standortalternativen im Blick

Bischweier (sawe) – Wolfgang Huber, Vorsitzender des Vereins Wildtierpflegestation Mittelbaden und der NABU-Ortsgruppe Murgtal, arbeitet an einer zukunftssicheren Lösung für die Einrichtung.

Schon wieder putzmunter sind die Eichhörnchen, die Anja Starck – hier zusammen mit ihrem Mann Gerhard – gepflegt hat. Foto: Frank Vetter

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Schon wieder putzmunter sind die Eichhörnchen, die Anja Starck – hier zusammen mit ihrem Mann Gerhard – gepflegt hat. Foto: Frank Vetter

Über den zum Teil ungewohnt kalten Winter hatten Anja Starck und ihre Helfer im vorübergehend „geduldeten“ Tierhof mit NABU-Igelstation alle Hände voll zu tun. Kleine stachlige Gesellen und andere hilfsbedürftige Wildtiere wurden in Bischweier aufgenommen, gepflegt, aufgepäppelt und durchgefüttert. Derweil ist Wolfgang Huber, Vorsitzender des Vereins Wildtierpflegestation Mittelbaden und der NABU-Ortsgruppe Murgtal, weiterhin bestrebt, eine „rechtskonforme, saubere Lösung“ zu finden, damit die Wildtierpflegestation eine Zukunft hat – allerdings an anderer Stelle. Huber: „Wir werden den Standort hier auf jeden Fall verlassen.“ Fragen und Antworten zum Thema:

Warum muss der Tierhof weichen?
Die über 30 Jahre alten Gebäude auf dem Pferdehof, der im Außenbereich und außerdem in einem regionalen Grünzug liegt, wurden rechtswidrig erstellt. Anja Starck, die dort auch die NABU-Igelstation ehrenamtlich betreibt, hatte das Anwesen im Jahr 2019 erworben, das dann aufgrund einer baurechtlichen Anzeige ins Visier des Landratsamts geraten war. Die Kreisbehörde erließ zunächst für Ende 2019 Abbruchverfügungen, dagegen wurde Widerspruch eingelegt. Das Widerspruchsverfahren ist beim zuständigen Regierungspräsidium (RP) Karlsruhe anhängig, ruht aber seit Ende 2019, erläutert Sébastien Oser, Leiter der Baurechtsbehörde im Landratsamt, und fügt an: „Das RP hakt bei uns aber regelmäßig nach.“ Durch die Aussetzung des Verfahrens hat der Verein die Perspektive, an anderer Stelle eine Wildtierpflegestation zu schaffen, was die Kreisbehörde begrüßen würde, weil es sich dabei um eine Institution handelt, die bisher im Landkreis Rastatt fehlt, verdeutlicht Oser. Der Verein sei mit Wolfgang Huber an der Spitze „gut unterwegs“, die Entwicklung gehe in die richtige Richtung. Aus Gründen der Gleichbehandlung wurden weitere potenzielle Schwarzbauten auf Gemarkung Bischweier von der Kreisbehörde überprüft und mussten bereits zum Teil abgerissen werden.

Wer ist Träger der Wildtierpflegestation?
Im Juni 2020 wurden zwei Vereine gegründet – ein Trägerverein für das operative Geschäft und ein Förderverein für die finanzielle Absicherung des Vorhabens. Beide Vereine sind nur wenige Monate später im September zu einem Verein mit dem Namen „Wildtierpflegestation Mittelbaden“ verschmolzen, der seinen Sitz in Muggensturm hat, weil dort der Vorsitzende Wolfgang Huber wohnt. Die Änderung wurde im Hinblick auf die Gemeinnützigkeit erforderlich, da nicht dieselben Personen im Vorstand beider Vereine sein dürfen, was zum Teil der Fall war. Zweiter Vorsitzender des Vereins ist Tierarzt Andreas Wahl (Lichtenau-Scherzheim) und dritter Vorsitzender Ernst Krieg (Gaggenau). Die „Wildtierpflegestation Mittelbaden“ zählt aktuell etwa 50 Fördermitglieder und 15 Aktive und muss noch ins Vereinsregister eingetragen werden. Der Verein habe aber vom Finanzamt die vorläufige Gemeinnützigkeit zuerkannt bekommen, dürfe also Spendenbescheinigungen ausstellen, sagt Huber.

Wie sieht es mit den Finanzen aus?
Der Verein finanziert sich allein durch Fördermitglieder und mit Spenden. Die Zahl der Fördermitglieder ist laut Wolfgang Huber trotz Corona steigend. Zudem habe der Verein Rücklagen. Der Vorsitzende geht davon aus, „dass wir das Polster durch Werbeaktionen deutlich hochfahren können“, wenn erst einmal die Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie zurückgefahren werden, „und wir wieder ausschwärmen können“. Ziel ist es, bis Ende des Jahres mindestens 200 Fördermitglieder zu haben.

Welche Tiere hat die Wildtierpflegestation in den vergangenen Monaten aufgenommen?

Weit mehr als 230 Tiere sind seit Herbst in Bischweier betreut worden – zahlreiche Igel, Eulen, ein Turmfalke, Mauswiesel, Eichhörnchen, Marder und Rehkitze, die geschwächt waren. Sie befinden sich im Freigehege, die Gatter werden nun offengelassen, damit sie jederzeit gehen können, wenn sie wollen. Manche Schützlinge mussten alle drei Stunden gefüttert werden, „das ist ein Riesenaufwand“, weiß Huber und zollt dabei vor allem Anja Starck für ihre ausgezeichnete Pflege ein großes Kompliment. Die Wildtierpflegestation ist zudem „richtig gut“ mit anderen Stationen vernetzt und gibt Tiere auch dorthin weiter, wenn sie dort besser aufgehoben sind, weil schon die gleiche Tierart vorhanden ist. „Es wird nichts künstlich festgehalten, das Wohl des Tiers steht immer im Vordergrund“, sagt Huber. Der Verein hat eine Art Tiertaxi eingerichtet, hierfür stehen etwa 20 Vereinsmitglieder zur Verfügung, die die Tiere abholen und bringen. Weit mehr als 70 Igel hat Anja Starck in diesem Winter aufgenommen, darunter viele kleine Igel im kritischen Bereich. 80 Prozent seien durchgekommen. Ebenfalls durchgebracht werden konnten einige Siebenschläfer, die beim Straßenbau aus dem Boden ausgegraben worden waren.

Was hat sich bisher getan?
Es gab Gespräche und Vor-Ort-Termine mit Vertretern der Baurechtsbehörde, des Vereins, der Gemeinde und der direkten Nachbarn, um die Interessen der Wildtierpflegestation Mittelbaden darzulegen und zu erläutern, wohin die Reise gehen soll. Um dem Landratsamt Entgegenkommen zu zeigen, wurde die Anzahl der eingestellten Pferde auf dem Pferdehof von ursprünglich 14 auf sechs reduziert. „Wir haben auch bereits einige Aufräumarbeiten gemacht“, berichtet Wolfgang Huber. Eine weitere größere Aufräumaktion soll noch folgen.


Warum ist der derzeitige Standort für Wolfgang Huber kein Thema mehr?
„Da die Baurechtsverletzung nicht repariert werden kann, sind wir gezwungen, einen anderen Standort anzustreben“, betont Huber. Aber es gibt noch einen weiteren Grund: Der Vereinsvorsitzende befürchtet „ungewohnte Lärmereignisse“, weil auf Gaggenauer Gemarkung ein Schrottbetrieb erweitern will. „Wenn da mal eine Platte zu Boden kracht, dann geht es bei verletzten Tieren durch Mark und Bein. Wenn es einen knallartigen Laut gibt, fangen die Tiere an zu zittern, sie sind paralysiert. Das ist für jene, die am Rande sind, das Todesurteil, die geben sich auf. Das ist auf die Dauer nicht zumutbar.“ Es geht also nicht nur darum, „dass man wegen des Grünzugs eine Ausnahme macht, sondern weil ein Industriebetrieb in Richtung Bischweier an diesen Standort heranrückt“.

Gibt es bereits Standortalternativen?
Wolfgang Huber ist in Gesprächen mit Bürgermeister Robert Wein und Privatpersonen und beschreibt den Austausch mit dem Bischweierer Ortsoberen als sehr konstruktiv. Er habe drei neue Standorte im Blick, die sich alle in Bischweier und Umgebung befinden. Die Chancen, die Wildtierpflegestation und den Pferdehof gemeinsam an einen neuen Standort umzuziehen, hält Huber indes für unrealistisch, weil die Anforderungen und die Interessenlagen unterschiedlich seien.

Was sagt die Gemeinde Bischweier?
Er habe Wolfgang Huber drei gemeindeeigene Gelände gezeigt, die er für denkbar hält, bestätigt Bürgermeister Robert Wein. Allerdings vermisst er bisher eine klare Definition der Wildtierpflegestation, eine konkrete Beschreibung, wie diese aussehen soll und einen Stufenplan, wie das Vorhaben umgesetzt werden soll. Mit diesen konkreten Informationen sollte Wolfgang Huber dann erneut in den Gemeinderat kommen. Es sei bei der Gesamtbetrachtung an einem neuen Standort auch wichtig, wie sich das Vorhaben auf die Umgebung auswirkt, verdeutlicht Wein weiter: „Wir wollen ja keinen Ärger produzieren.“

Der Ortsobere zeigt sich grundsätzlich offen für eine Wildtierpflegestation. Sollte sich aber auf einer anderen Gemarkung ein passender Standort finden, hätte er auch nichts dagegen.

Anja Starck mit Vereinsvorsitzendem Wolfgang Huber am Rehgehege. Foto: Frank Vetter

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Anja Starck mit Vereinsvorsitzendem Wolfgang Huber am Rehgehege. Foto: Frank Vetter

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Erstellt:
4. März 2021, 11:15 Uhr
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