Windkraft in Muggensturm: Zwischen Sorge und Gelassenheit

Muggensturm (BNN) – Windkraft-Pläne bei Muggensturm stoßen bei Anwohnern und Ausflüglern auf geteiltes Echo. Während manche besorgt sind, sehen andere das Vorhaben gelassen oder begrüßen es sogar.

Das Teleobjektiv im Anschlag: Wilhelm Miller fotografiert oft die Tiere in der Freizeitanlage. Die Windkraft-Pläne sieht der Muggensturmer zwiegespalten. Foto: Holger Siebnich/BNN

Das Teleobjektiv im Anschlag: Wilhelm Miller fotografiert oft die Tiere in der Freizeitanlage. Die Windkraft-Pläne sieht der Muggensturmer zwiegespalten. Foto: Holger Siebnich/BNN

Wenn die Windräder schon stünden, wäre es ein traumhafter Tag für die Manager der EnBW. Die Sonne strahlt am Samstag über dem Tiergehege am Ortsrand von Muggensturm. Die vielen Ausflügler tragen trotzdem Jacken und Mützen. Aus Nordost bläst ein kräftiger Wind. Ab 2027 will der Karlsruher Energiekonzern in Sichtweite der Freizeitanlage Strom gewinnen, mit bis zu sieben Windrädern, jedes 250 Meter hoch. Die Reaktionen auf die Pläne sind gespalten.

Alexander Etzel steht am Zaun des Tiergeheges. Seine Tochter, die er auf dem Arm trägt, bestaunt die Esel und Schafe. Dass sich in einigen Jahren auf der anderen Seite der Landstraße Windräder drehen könnten, stört ihn nicht: „So etwas kann man verkraften“, sagt er.

Auf politischer Ebene herrscht Einigkeit

Er wohnt nicht in Muggensturm, sondern in Völkersbach, wo Anwohner ebenfalls schon gegen Windkraftpläne protestiert haben. Etzel sagt: „Irgendwo muss man in den sauren Apfel beißen.“

Dieses „Irgendwo“ liegt aus Sicht der EnBW in einem Streifen, der südlich von Muggensturm an der L67 beginnt und bis auf Kuppenheimer und Bischweierer Gemarkung westlich der Bundesstraße 462 reicht. Auf politischer Ebene herrscht Einigkeit, einen Beitrag zur Energiewende leisten zu wollen. Die Bürgermeister und die Gemeinderäte aller drei betroffenen Kommunen bewerten die Pläne positiv.

Zulauf hat allerdings auch die Interessengemeinschaft „Windradfreies Muggensturm“. Auf Facebook zählt die Gruppe 185 Mitglieder. Ihr Initiator Alexander Solmos hatte im November gegenüber unserer Redaktion vor negativen Konsequenzen für Anwohner und Natur gewarnt. Der südliche Ortsrand mit der Freizeitanlage sei „die Schokoladenseite der Gemeinde“.

„Für Kinder könnte das sogar interessant sein“

Auch Thomas Genrich genießt die Idylle dort, sieht die Pläne aber trotzdem gelassen. Er wohnt in Baden-Baden, besucht aber jede zweite Woche mit seiner Enkelin die Tiere und dreht eine Runde über den Spielplatz. „Das kann man bauen“, sagt er zu den Windkraftplänen. Strom werde immer teurer. Gerade jetzt zeige sich, dass sich etwas ändern müsse. „Für Kinder könnte das sogar interessant sein“, sagt er.

Wilhelm Miller beurteilt die Sache zwiespältiger. Er wohnt in Muggensturm und fährt oft mit dem Rad raus ans Gehege, um Tierfotos mit seinem Teleobjektiv zu schießen. Heute beobachtet er die Störche, die in ihrem Horst inmitten des Geländes eine liebestolle Show abziehen. Er weiß nicht so recht, ob er sich Sorgen um die Vögel machen müsste. Die Rotoren der Windmühlen haben einen Durchmesser von 162 Metern. „Manche Experten sagen, die Vögel können ausweichen. Andere sagen das Gegenteil“, sagt Miller und ist ratlos, was er glauben soll. Am meisten fürchtet er als Anwohner aber eine akustische Dauerbelastung.

Windräder in der Ebene: Auch in Muggensturm sollen sie im Tal stehen. Symbolfoto: Christian Charisius/dpa

© dpa

Windräder in der Ebene: Auch in Muggensturm sollen sie im Tal stehen. Symbolfoto: Christian Charisius/dpa

Die EnBW sagt, dass die Lautstärke nachts den Wert von 40 Dezibel nicht überschreiten soll. Das entspricht normalen Hintergrundgeräuschen, wie zum Beispiel Computerlüftern. Trotzdem ist auch Herbert Neulist kritisch. Der 83-Jährige und seine Frau Anna wohnen im Norden von Muggensturm. Früher waren sie oft auf der Hornisgrinde. „Das hat dort immer WUSCH, WUSCH gemacht“, beschreibt er das Geräusch, das von den damals drei Windrädern ausgegangen sei. Inzwischen sind die Anlagen durch ein großes Rad ersetzt.

Seine Frau wundert sich generell, über die Windkraftpläne in der Ebene: „Für mich gehört das auf einen Berg.“ Früher hätte sie mit dieser Einschätzung recht gehabt, doch mittlerweile haben sich die Kriterien geändert. Während bislang entscheidend war, wie stark der Wind an einem Standort im Durchschnitt bläst, geht es jetzt darum, wie oft er welche Windstärke mit welcher Luftdichte erreicht. Nach diesem Kriterium ist der Standort im Drei-Kommunen-Eck auf dem Papier geeignet.

Überhaupt keine Bedenken hat Sandra Lachenmaier. Die Durmersheimerin ist mit ihrem Sohn nach Muggensturm gekommen, um die Oma zu besuchen. Gemeinsam spazieren sie über das Gelände. Von den Windkraftplänen wusste sie bislang nichts. Sie blickt auf die andere Straßenseite, überlegt kurz und sagt: „Das wäre mir vollkommen egal.“

Kommentar: Leise

Von Holger Siebnich

Die Dimension ist riesig, die Aufregung überraschend gering. Die EnBW plant, sieben 250 Meter hohe Windräder zwischen Muggensturm und Kuppenheim zu errichten. Zum Vergleich: Der höchste Kirchturm der Welt, das Ulmer Münster, ist mit rund 162 Metern fast ein Zwerg dagegen. Wer sich in Muggensturm umhört, stößt zwar auf leise Bedenken, aber nicht in breiter Front auf lauten Widerstand. Das mag teilweise dem Krieg in der Ukraine und der Explosion der Energiepreise geschuldet sein, die den Blick dafür schärfen, dass Deutschland unabhängiger werden muss von fossilen Rohstofflieferungen aus dem Osten.

Der größere Faktor ist aber die Zeit. Die EnBW geht davon aus, dass sich die Windräder erst 2027 drehen – frühestens. Bis dahin fließt noch so viel Wasser den Rhein runter, dass sich die meisten Betroffenen wohl noch gar nicht mit den Plänen auseinandergesetzt haben. Der enorme Zeitraum ist ein Indiz dafür, wie hoch die bürokratischen Hürden für Windkraft noch immer sind. Die reine Bauzeit beträgt gerade einmal ein halbes Jahr, der Rest geht für Planung und Genehmigung drauf. Um die Verfahren zu beschleunigen, haben sich die Regierungsfraktionen von Grünen und CDU vor einigen Tagen darauf geeinigt, noch in diesem Jahr das sogenannte Widerspruchsrecht abzuschaffen. Wer etwas gegen eine geplante Windkraftanlage vor seiner Tür unternehmen möchte, muss gleich einen Schritt weiter gehen und vor Gericht ziehen. Dieser Weg steht auch den Muggensturmern offen.

Zum Thema:

Das Projekt: Die EnBW will auf einem Streifen entlang der L67 sieben Windräder errichten. Fünf Anlagen stünden den Plänen zufolge auf Gemarkung Muggensturm, jeweils eine im Gebiet von Kuppenheim beziehungsweise Bischweier.

Der Sachstand: Das Vorhaben steht noch ganz am Anfang. Im vergangenen Herbst stellte der Energieversorger die Pläne erstmals öffentlich in den Gemeinderäten der drei betroffenen Kommunen vor. Das Unternehmen geht davon aus, dass sich die Räder frühestens 2027 drehen werden.

Ausreichend Wind: Die EnBW ist davon überzeugt, dass auf der Fläche genügend Wind weht, um ausreichend Strom zu erzeugen. Eine Sprecherin sagt: „Der Standort ist geeignet, das haben wir geprüft.“

Genehmigung: Nur weil genug Wind weht, heißt das nicht, dass die Windräder auch tatsächlich gebaut werden. Trotz aller Eignung können dem Vorhaben andere Belange entgegenstehen, zum Beispiel der Artenschutz. Allein für dessen Untersuchung rechnet die EnBW mit einem Zeitraum von einem Jahr.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Holger Siebnih

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Erstellt:
20. März 2022, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 23sec

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