Winfried Kretschmann: Leidenschaft als Jungbrunnen

Stuttgart (bjhw) – Winfried Kretschmann erwartet, dass seine dritte Amtszeit als Ministerpräsident die schwierigste wird. Er muss das Land aus der Pandemie führen.

Will mit der neuerlichen grün-schwarzen Koalition signifikante Fortschritte im Klimaschutz erreichen: Winfried Kretschmann. Foto: Christoph Schmidt/dpa

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Will mit der neuerlichen grün-schwarzen Koalition signifikante Fortschritte im Klimaschutz erreichen: Winfried Kretschmann. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Er geht, wie er selber sagt, in die schwerste seiner drei Amtszeiten. Er hat mit dafür zu sorgen, den Weg aus der Pandemie zu finden und die Finanzen einigermaßen wieder ins Lot zu bringen. Vor allem soll Baden-Württemberg konkrete Beiträge im Kampf gegen die Erderwärmung liefern, im ganzen Land und bis hinein in die kleinste Kommune.

Dazu meint Winfried Kretschmann die CDU zu brauchen. Parteiintern musste der 72-Jährige wieder einmal sein gesamtes politisches Gewicht auf die Waage bringen, um sich zu erklären.

Rund zehn von den 32,6 Prozent beim Wahltriumph vor vier Wochen darf der weit über die eigenen Parteigrenzen hinaus angesehene und beliebte Regierungschef nach Ansicht von Wahlforschern seinem ganz persönlichen Konto gutschreiben. Was im Umkehrschluss aber heißt, dass mit fast zwei Drittel der grünen Stimmen primär Positionen und Leistungen der Partei honoriert werden sollten.

„Antworten auf die zentrale Menschheitsfrage“

„Wir wissen“, räumt ein Vorstandsmitglied ein, „was wir an Kretschmann haben“. Anerkennung sei aber „keine Einbahnstraße“. Also begehrten die Basisvertreter auf, als die Würfel zwischen CDU und Ampel fallen mussten. Viele Stunden wurde gerungen, zum guten Schluss funktionierte die Überzeugungsarbeit. Eindruck hinterlässt der gelernte Pädagoge mit den schon oft beschriebenen rhetorischen Fähigkeiten, ohnehin immer dann, wenn er klarmacht, dass es um „Antworten auf die zentrale Menschheitsfrage“ gehe.

Unwirsch wie früher regelmäßig auf Parteitagen wird Kretschmann öffentlich auch heute noch, wenn ihm „Schlaumeier“ oder „die ewigen Besserwisser“ meinen, gegenhalten zu können, mit dem Hinweis, dass Baden-Württemberg doch nur 0,2 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortet und deshalb ohnehin nichts erreichen könne. Denn er möchte eine Blaupause „für klimaverträglichen Wohlstand vorlegen, an dem sich möglichst viele andere weltweit orientieren, weil sie sehen, dass es funktioniert“.

Leidenschaft sei seine Triebfeder, sagen die, die ihn lange aus der Nähe kennen. Und weil es nicht fünf vor zwölf ist, sondern eben zwölf, worauf die kleine Demonstrantentruppe beim Auftakt der Koalitionsverhandlungen aufmerksam machen wollte, geht er den Pakt mit CDU-Leuten ein, die ihn – zumindest auch – fünf Jahre lang auf die Palme gebracht haben. „Der Naive“, titelte der „Spiegel“ kurz nach dem Machtwechsel 2011, zehn Jahre später staunt „Die Zeit“ über den „einstigen Revoluzzer als politischen Sozialarbeiter der Staatspartei CDU“, weil er sich Sorgen mache über sie.

Dass die Republik die Union braucht, ist eine Einschätzung, die er schon lange teilt. Trotz all der Erfahrungen gerade in der weiter zurückliegenden Vergangenheit. Letztere genauer zu betrachten, wäre dem Vorhaben, die klimapolitische Wende mit der CDU in die Wege zu leiten, nicht eben dienlich. Denn viel zu oft in seinen vielen Landtagsjahren musste er stürmischen Gegenwind der Konservativen ertragen, respektiert von Wohlmeinenderen, allen voran Lothar Späth, verhöhnt von den anderen, die die Mehrheit waren.

Kretschmanns glaubensgestütztem Oberrealo-Pragmatismus konnte das nichts anhaben. Als er zu einer seiner ersten Reden im Plenarsaal vertrocknete Zweige mitbringt, um die Dramatik sterbender Wälder zu illustrieren, hat er vielmehr eine noch sehr ferne Vision vor Augen: „Was wir verlangen, muss den Lackmustest einer Regierungsbeteiligung bestehen.“

Kämpfernatur seit den Gründungsjahren

Jedenfalls hat der heute meist bedächtig wirkende ältere Herr mit der schütterer werdenden Bürste Plato, Perikles und Hannah Arendt im Gepäck, seit jeher nicht nur eine Philosophen-, sondern auch eine Kämpfernatur. Parteifreunde vom linken Fundiflügel können ein Lied davon singen, wie der begeisterte Wandersmann, der Opernkenner und Handwerker in ideologischen Konflikten Klartext kann – seit den Gründungsjahren.

Als die Grünen 1983 erbittert über Gewaltfreiheit streiten, greift er mit einem temperamentvollen Bekenntnis in die hitzige Debatte ein: „Ich bin von zu Hause aus kein Pazifist, habe den Kriegsdienst nicht verweigert und bin schon von Natur aus ein Typ, der sich verteidigt und dem anderen dabei auch mal eine in die Fresse bügelt.“ Natürlich allein in den seltenen Momenten höchster Verärgerung und dann auch nur verbal.

Zum Thema: „Ich bin kein alter Herr“

1980, kein Jahr, nachdem der katholische Ex-Maoist Kretschmann die Grünen „aus Liebe zur Natur“ mitgegründet hatte, kommt er in den Landtag. Nach drei Jahren wird er Vorsitzender der Gruppe aus sechs Abgeordnete. Weil die Grünen in drei Wahlkreisen die Frist für die Abgabe ihrer Kandidatenvorschläge versäumen, scheidet er 1984 aus dem Parlament aus und geht als Grundsatzreferent zum hessischen Umweltminister Joschka Fischer. Im Rückblick bekennt er, wie damals angesichts der Anforderungen seine Achtung vor Spitzenbeamten sehr gewachsen sei. 1988 kehrt er in den Landtag zurück, zwischen 1992 und 1996 muss er eine zweite Pause einlegen, weil Boris Palmers Vater Helmut ebenfalls im Wahlkreis Nürtingen kandidiert und ihm zu viele Stimmen wegnimmt.

Sechs Jahre nach seiner Rückkehr und der Wahl von Dieter Salomon zum OB in Freiburg wird er wieder Fraktionschef. Auch weil der damals 54-Jährige mit der Idee liebäugelt, zur Landtagswahl 2006 nicht mehr anzutreten, muss er sich vehement gegen die Einschätzung wehren, er sei doch nur eine Übergangsbesetzung. „Ich bin kein alter Herr“, so Kretschmann damals aufbrausend, „und ich habe auch noch nicht bemerkt, dass mir der Zement aus der Hose rieselt.“ Gern hätte er seine Grünen damals in Günther Oettingers zweite Landesregierung geführt, doch die CDU wollte nicht. 2011 wird er dann erstmals Ministerpräsident.


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