Winfried Kretschmann im Portrait

Stuttgart (bjhw) – Er ist der Superstar der Grünen und politisch erfolgreich, aber wie grün ist Winfried Kretschmann noch?

Bei der Landtagswahl 2021 will es Winfried Kretschmann nochmal wissen. Er erfreut sich aktuell hoher Beliebtheitswerte. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

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Bei der Landtagswahl 2021 will es Winfried Kretschmann nochmal wissen. Er erfreut sich aktuell hoher Beliebtheitswerte. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Eigentlich hält Winfried Kretschmann das Klischee, er sei ein Konservativer, für „Blödsinn“. Zugleich hat er sich an diese Etikettierung nicht nur gewöhnt, er befördert sie auch noch. In der Tagespolitik mit wiederholtem Abweichen von Geist und Buchstabe grüner Beschlüsse – wie jüngst mit der Ablehnung von gendergerechter Sprache – oder grundsätzlich mit seinem Buch über die „Neue Idee des Konservativismus“. Im nahenden Landtagswahlkampf wird der Ex-Lehrer erst recht alle einschlägigen Register ziehen – im sicheren Wissen, dass ihm seine Partei die nötige Beinfreiheit gibt, um nach eigenem Gusto für den nächsten Wahltriumph zu kämpfen.

Struktur- ist nicht wertkonservativ


Ein baden-württembergischer Ministerpräsident darf ordensgleich den Titel Professor verleihen. Kretschmann ehrte damit unter anderem Stuttgarts früheren OB Wolfgang Schuster oder Ex-Ministerpräsident Erwin Teufel (beide CDU), aber auch den SPD-Vordenker Erhard Eppler. Der hatte schon Mitte der 70er Jahre ebenfalls per Buch („Ende oder Wende“) prinzipiell unterschieden zwischen den Begriffen struktur- und wertkonservativ. Der eine beschreibe eine prinzipienferne, aber dynamische Politik des „Weiter so“, der andere das bewusste Bemühen um Fortschritte hin zu einer humanen und solidarischen Gesellschaft, die Natur und Ökonomie zu versöhnen versucht.

Entgegen dem verbreiteten Vorurteil bekennt sich Kretschmann bis heute zum letzteren. Eppler sei „einer der bedeutendsten Vorarbeiter bei der Kultivierung des politischen Bodens, auf dem ich Politik mache“, sagte der Regierungschef 2014 bei der Übergabe der Verleihungsurkunde. Was ihn aber nicht an Aussagen hindert, die bei großen Teilen des Publikums und bis tief in die eigenen Reihen hinein als Belege dafür ankommen (und ankommen sollen), dass der grüne Hausherr der Villa Reitzenstein hoch über dem Stuttgarter Talkessel auch ein CDU-Aktivist sein könnte. Etwa wenn er die Autoindustrie in Schutz nimmt sogar und gerade gegen Angriffe aus der eigenen Partei; etwa wenn er neue „sichere Herkunftsländern“ sehen möchte oder etwa, wenn er sich mit Vehemenz gegen den Ruf des linken Flügels nach höheren Steuern für Betuchte wendet.

„Eine Partei braucht Pluralismus“

Oft nimmt der 72-Jährige lieber Ärger mit der eigenen Partei in Kauf, als den Koalitionspartner zu vergrätzen. Eine Partei, sagt er, sei ein höchst pluralistischer Organismus. Hundertprozentige Übereinstimmung gebe es nie: „Eine offene Gesellschaft muss streiten und sie muss bereit sein, alte Gewissheiten infrage zu stellen, um voranzukommen.“ Es gehe darum, Widersprüchlichkeiten auszuhalten und in Produktives umzumünzen. Genau darin seien die Grünen „geübt, und das macht uns als Partei aus“. Die müsse „ein bisschen aufpassen“, empfiehlt dennoch NABU-Chef Johannes Enssle in einem kürzlich veröffentlichten Gespräch mit der Deutschen Presseagentur, dass ihr „mit der Gewöhnung an die Macht nicht die Lust auf die Zukunft abhanden kommt“; sie dürfe nicht „zu sehr ins pragmatische Alltagsgeschäft abrutschen, in die Politik des Machbaren“. Jedes Regierungsamt beiße sich mit der „reinen Lehre“, kontert der Freiburger Politikwissenschaftler Ulrich Eith ebenfalls gegenüber der Nachrichtenagentur. Aber auch wenn er in manchen gesellschaftspolitischen Fragen wertkonservative Positionen vertrete, die nicht alle Linken in seiner Partei teilten: „Ich habe keinen Zweifel, dass Kretschmann ein grünes Urgestein ist.“

Wahlkampf wird hart

Noch lobt seine CDU-Herausforderin, Kultusministerin Susanne Eisenmann, ihn zumindest für das „wertschätzende Miteinander“ und dafür, „dass er respektvoll mit Menschen umgeht“. Trotzdem wird der Wahlkampf hart. Es gehöre dazu, sagt der Grüne, „manchmal auch taktisch zu handeln“. Also lässt er sich weiter als konservativ beschreiben, denn nicht nur seine Parteifreunde zwischen Nord- und Bodensee erwarten den dritten Wahlerfolg in Folge im drittgrößten Bundesland.

Fraglich ist, wer im Falle einer Wiederwahl unter Kretschmann den Juniorpartner geben dürfte: Erneut die CDU, die sich so schwertut mit ihrer Rolle als zweite Geige, oder SPD und FDP als Verbündete in einer Dreierkoalition. Aufgrund dezenter Äußerungen steht zu vermuten, dass der Ministerpräsident in der dann dritten und letzten Runde abermals Neues wagen würde und ihm die zweite Option lieber ist als die Fortsetzung von Grün-Schwarz – doch das muss die Wahl 2021 zeigen.


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