Wintersportbranche bangt um Existenz

Baden-Baden (kie) – Seit Beginn der Skisaison stehen die Lifte im Höhengebiet wegen der Corona-Pandemie still. Die Wintersportbranche sieht sich in ihrer Existenz bedroht – auch in der Region.

Wie hier am Hundseck genießen viele Tagesausflügler den Schnee – doch die Wintersportbranche geht dabei leer aus. Foto: Bernhard Margull

© bema

Wie hier am Hundseck genießen viele Tagesausflügler den Schnee – doch die Wintersportbranche geht dabei leer aus. Foto: Bernhard Margull

„Uns geht es schlichtweg schlecht. Wir wissen nicht, wie es für uns weitergeht“, sagt Claudia Laile, Geschäftsführerin der Schnee-Sportschule Mehliskopf, die nicht nur Ski- und Snowboardkurse anbietet, sondern auch Wintersportgeräte verleiht, und fügt an: „So langsam ist man mit den Nerven am Ende.“ Als Ende November die Entscheidung gefallen war, dass die Lifte nicht öffnen dürfen, war das laut Daniel Karcher, Mitinhaber des Skilifts am Hundseck „ein Schlag ins Gesicht“ – zumal die Saisonvorbereitungen im Vorfeld bereits abgeschlossen gewesen seien. Markus Huber, Liftbetreiber am Seibelseckle, zeigt sich ebenfalls sehr besorgt: „Wir wissen noch nicht, ob es weitergeht.“

Doch nicht nur für die Liftbetreiber hat die Corona-Verordnung negative Folgen: Auch Max Sator von der Sator Adventure GmbH, die die Eisbahn am Wiedenfelsen betreibt, spricht von hohen Verlusten in diesem Winter. Trotz eines „ausgeklügelten Hygienekonzepts“, für das unter anderem sogar die Eisbahn habe umgebaut werden müssen, um getrennte Ein- und Ausgänge vorweisen zu können, durfte Sator die Eisfläche nicht öffnen. Rund 50.000 Euro seien in das Hygienekonzept investiert worden, etwa für ein Online-Ticketsystem oder Körpertemperatur-Messstationen.

Lifte und Eisbahn zur Privatnutzung

Doch der Winter hat in diesem Jahr einfach keine Saison. Findige Konzepte für Wintersport im eingeschränkten Umfang wurden jedoch gefunden: Manche Skilifte in der Region konnten ab Januar privat gebucht werden – und auch die Eisbahn am Wiedenfelsen öffnete nach vorhergehender Online-Terminbuchung von Mitte Januar bis Ende Februar für maximal zwei Personen oder einen Haushalt stundenweise das Eis.

Rentabel war das für die Betreiber aber nicht: „Wir wussten, dass wir Geld verlieren, wollten aber vor allem den Familien etwas bieten“, sagt Sator. Und tatsächlich: „Es lief sehr, sehr gut.“ Viele Besucher seien von weither angereist. Die Menschen zeigten sich „dankbar und glücklich. Viele waren zum ersten Mal in der Region und möchten wieder kommen“, so Sator. Huber bestätigt diesen Eindruck: Viel Dankbarkeit sei ihm entgegengebracht worden. „Erstaunlich gut“, lief auch für Andreas Kern, Geschäftsführer des Freizeit- und Sportzentrums Mehliskopf, das Geschäft mit dem quasi-privaten Miet-Lift.

Ausgerechnet in diesem Winter schneit es immer wieder

Ärgerlich für die Wintersportbranche im Nordschwarzwald ist dabei insbesondere die Tatsache, dass der Winter im Corona-Jahr schneereich war. „Im Normalbetrieb hätte ich in dieser Saison einen Gewinn gemacht“, sagt Kern. Schneesicherheit gebe es eben in den mittleren Höhenlagen nicht – Kern nennt den Wintersport deshalb ein „Dekadengeschäft; mal läuft es ganz gut, mal nicht“ – auch ohne Corona. Umso ärgerlicher, dass es ausgerechnet in diesem Winter von Dezember bis in den März hinein immer wieder schneite: „Zum ersten Mal überhaupt bin ich mit der schwarzen Null in den Dezember gekommen. Dann kam auch noch der Schnee im Dezember – und ich durfte nicht aufmachen“, zeigt sich Kern enttäuscht. Ein „doppeltes Risiko“ nennt Karcher das Geschäft mit dem Wintersport in diesen Tagen: Doppelt deshalb, weil nicht nur die Schneelage stets für Unsicherheit sorge, sondern „nun noch das Risiko der staatlichen Schließung dazu kommt“, so Karcher.

Skilifte können stundenweise gemietet werden, das Angebot wird gut angenommen. Foto: Bernhard Margull.

© bema

Skilifte können stundenweise gemietet werden, das Angebot wird gut angenommen. Foto: Bernhard Margull.

Der wenige Schnee im vergangenen Jahr – teilweise waren die Lifte in der Region keinen einzigen Tag in Betrieb – hat dabei auch Folgen für die Höhe der finanziellen Hilfen. Bisher gilt, dass diese 75 Prozent des Vorjahresumsatzes umfassen: „75 Prozent von null ist aber eben null“, gibt Caudia Laile zu bedenken und fordert praktikable Alternativen für ihre Branche, beispielsweise indem man einen Mittelwert aus mehreren Jahren zur Berechnungsgrundlage macht. „Der Betrieb funktioniert nur im Mehrjahresvergleich“, sagt auch Karcher. „Ein guter Winter gleicht einen schlechten Winter aus. Und der diesjährige Winter wäre ein richtig guter gewesen.“ Die Frustration ist groß: „Hilfe werden wir keine bekommen“, vermutet Huber, der am liebsten einen Querschnitt auf fünf Saisons zur Grundlage der Berechnung machen würde. Von „Kleckerlesbeträgen“ spricht auch Kern – und fügt an: „Wir fallen durchs Raster.“ Von der Landespolitik fühlen sich viele Vertreter der Wintersportbranche weitestgehend allein gelassen.

Langlauf erlaubt, alpiner Skisport nicht

„Was den Wintersport angeht, ist man falsch mit der Situation umgegangen“, ist Laile sicher. Es gebe gute Hygienekonzepte für den alpinen Wintersport, doch sieht sie in den Liftschließungen „ein Politikum“. Anhand der Loipen, die im Betrieb waren und auf denen sich die Sportler näher gekommen seien als auf den Pisten, sehe man, dass „die Grünen einfach keinen alpinen Skibetrieb wollen“, vermutet sie. „Es ist uns unbegreiflich, warum die Lifte nicht genutzt werden dürfen, die Pisten aber laut Landesverordnung schon. Das ist ein völliger Unsinn“, so Laile, die Familien-Skikurse anbieten durfte. Allerdings seien diese aufgrund der höheren Kosten kaum gebucht worden.

Was nicht bedeutet, dass die Menschen im Corona-Winter die Höhengebiete gemieden hätten – das Gegenteil war vielmehr der Fall: Tausende Menschen zog es ab Ende Dezember vor allem in den Weihnachtsferien in den Schnee. Von den vielen Ausflugstouristen, die die Höhengebiete besuchten, um zu rodeln, zu wandern oder Ski zu fahren, konnten Liftbetreiber oder Skiverleiher indes nur bedingt profitieren. „Ich konnte nicht hochfahren und es mir anschauen. Mein Herz hat geblutet“, sagt Laile zu dem Andrang der Ausflügler bei gleichzeitig verordneter Untätigkeit der Branchenvertreter.

Stromkabel herausgerissen, Zäune zerstört

„Sehr frustrierend“ für Anwohner und Betriebe sei gewesen, dass man in den Höhengebieten „regelrecht überfallen wurde“, sagt Karcher. Wie mehrere Betreiber dem BT berichten, sei es zudem zu mutwilligen und fahrlässigen Zerstörungen an Pisten und der Eisbahn gekommen „Dazu, dass man eh keine Einnahmen hat, kam das noch hinzu“, sagt Karcher. Herausgerissene Stromkabel oder kaputte Zäune: „An einem Tag 400 Rodler und Partys auf dem Hang. Das ganze Ausmaß sieht man wahrscheinlich erst, wenn der Schnee weg ist“, zeigt sich Huber verärgert. Das unrühmliche Verhalten einiger Zeitgenossen war sogar ein Grund, um die Wiedenfelsen-Eisbahn in eingeschränkter Form wieder zu öffnen: Als die Fläche unbewacht war, sei „viel kaputt gemacht worden“, sagt Sator, „durch die Öffnung hatten wir mehr Kontrolle.“

Auf Unverständnis stößt die Regelung, nach der man Pisten zwar nutzen darf, allerdings nicht die Lifte. Foto: Bernhard Margull

© bema

Auf Unverständnis stößt die Regelung, nach der man Pisten zwar nutzen darf, allerdings nicht die Lifte. Foto: Bernhard Margull

Ihr Autor

BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch

Zum Artikel

Erstellt:
21. März 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 04sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.