„Wir haben die Pandemie unterschätzt“

Karlsruhe/Baden-Baden (BT) – Wenn Beschäftigte die 3G-Auflagen am Arbeitsplatz nicht erfüllen, hört sein Verständnis auf, sagt IHK-Präsident Wolfgang Grenke im Interview.

Plädoyer für Eigenverantwortung, Freihandel und bessere Arbeitsbedingungen für Frauen: IHK-Präsident Wolfgang Grenke. Foto: Rake Hora

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Plädoyer für Eigenverantwortung, Freihandel und bessere Arbeitsbedingungen für Frauen: IHK-Präsident Wolfgang Grenke. Foto: Rake Hora

Zum Interview in sein Baden-Badener Büro kommt Wolfgang Grenke frisch geboostert. Impfen ist für ihn Ausdruck der persönlichen Verantwortung den anderen gegenüber. Als Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Karlsruhe hat er im Gespräch mit unseren Mitarbeitern Dirk Neubauer und Erika Becker einige Botschaften an Unternehmen und Politik im Gepäck.

BT: Herr Grenke, Corona holt uns alle wieder ein. Wie sehen Sie die Situation für die Unternehmen in der Region?
Wolfgang Grenke: Wir haben sicherlich die Pandemie unterschätzt. Jetzt haben wir die vierte Welle, und die Frage stellt sich, was wir eigentlich bisher gelernt haben. Ein Problem ist, dass wir mit der Impfquote nicht so vorangekommen sind. Das größere Problem aber war, dass die Unternehmen gar nicht fragen durften, ob jemand geimpft ist. Jeder, der ein Geschäft betritt, musste einen Nachweis vorlegen, aber die eigenen Mitarbeiter konnte man nicht fragen, das war ein Unding.

BT: Jetzt müssen sie sogar fragen. 3G am Arbeitsplatz: Kommt das zu spät?
Grenke: Zu spät ist es nie, man kann die Vergangenheit nicht ändern. Aber es ist gut, dass es jetzt so ist.

BT: Hätten Sie sich eine andere Corona-Politik gewünscht?
Grenke: Ja, aber das ist nicht machbar, weil wir ein föderaler Staat sind. Der Föderalismus fällt uns da auf die Füße, nicht nur in diesem Fall. Bei der Veränderung der Berufsbilder für die berufliche Bildung ist das auch so, das muss in allen Ländern abgestimmt werden. Es dauert fünf Jahre, bis dann eine Änderung durchgesetzt ist, in unserer schnelllebigen Zeit viel zu lange.

BT: Wie sollen sich die Unternehmen jetzt am besten verhalten im Umgang mit ungeimpften Mitarbeitern?
Grenke: Am besten ist es natürlich, wenn man verständige Mitarbeiter hat, die Empfehlungen auch annehmen. Aber das kann man nicht immer erwarten. Ich tendiere dazu, dass man den Mitarbeiter nach Hause schicken kann und die Lohnfortzahlung nicht vornehmen muss. Das ist dann das letzte Mittel, aber das ist dann notwendig.

„Der Freihandel hat viel Wohlstand gebracht“

BT: Eine Folge von Corona sind auch die Lieferengpässe und der grassierende Materialmangel. Bei Verzicht auf Lagerhaltung und der üblichen Just-in-time-Produktion – sind die Unternehmen nicht selbst ein Stück weit schuld?
Grenke: Die Schuldfrage ist müßig, wichtig ist doch: Was muss man tun, damit die Gefahr geringer wird? Man muss strategisch vorgehen, nicht alles auslagern, nur weil es ein paar Cent günstiger ist, und Reserven bilden, die dann auch in Anspruch genommen werden. Das wird aber Preissteigerungen mit sich bringen.

BT: Selbst bei lebenswichtigen Rohstoffen im Pharmabereich ist man abhängig von Lieferungen etwa aus Indien…
Grenke: ... die Kammerorganisation tritt für Freihandel ein. Da ist es so, dass man sich das beste Angebot mit Blick auf das Preis-Leistungsverhältnis heraussucht. Der Freihandel hat uns da, wo er sich durchsetzen konnte, auch viel Wohlstand gebracht. Aber es gibt eben auch Risiken, mit denen wir lernen müssen umzugehen.

BT: Die Inflation gibt gerade Grund zur Sorge. Wie schätzen Sie es ein, ist das nur ein kurzfristiges Problem?
Grenke: Die Frage ist, wie viel davon krisenbedingt entstanden ist, durch den Bruch von Lieferketten. Es gibt mit Sicherheit auch eine ganze Reihe von Menschen, die die Gelegenheit nutzen, größeren Gewinn zu machen. Wir haben es mit einem strukturellen Thema zu tun, weil eine Preissteigerung die nächste nach sich zieht.

BT: Kommt die Lohn-Preis-Spirale in Gang?
Grenke: Die effektiven Gehaltssteigerungen, nicht die tariflichen, waren zuletzt ohnehin schon ganz kräftig, weil wir Fachkräftemangel haben. Sie merken es, wenn Sie etwa mit Handwerkern zu tun haben, die haben zu wenig Leute, und die guten können in anderen Unternehmen mehr verdienen. Insofern, ja: Da sind schon Risiken.

BT: Sind wir in der Krise glimpflich davongekommen?
Grenke: Die Hilfen haben vor allem am Anfang ganz gut funktioniert. Leider gab es auch Betrugsfälle, und da niemand die Verantwortung übernehmen will, wird auf mehr Bürokratie gesetzt. Viele Unternehmen haben auch von der Substanz gelebt, wenn sie in den Jahren davor gut gewirtschaftet haben. Es ist sogar so, dass manche quasi auf ihre Altersversorgung zugegriffen haben, zum Beispiel im Einzelhandel, weil sie sonst nicht über die Runden gekommen wären. Das ist schon nicht einfach gewesen, auch wenn man es nach außen nicht sieht.

Quote an Ausbildungsverträgen rückläufig

BT: Sie wurden im Frühjahr als IHK-Präsident wiedergewählt, Glückwunsch dazu nochmals…
Grenke: (lacht) ...manche kondolieren mir auch...

BT: …was sind die Themen, die Baustellen, die Sie in der neuen Amtszeit angehen wollen?
Grenke: Wir konnten nicht an den Schulen für die berufliche Ausbildung werben, die Quote an Ausbildungsverträgen war rückläufig. Das Thema hat nicht den Stellenwert, den es eigentlich haben müsste, auch wenn man die spätere Einkommensverteilung sieht. Eine Studie des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags zeigt, dass es keinen großen Unterschied zu den Berufen mit akademischer Ausbildung gibt.

BT: Es wird auch dringend Nachwuchs gebraucht, Stichwort Fachkräftemangel, die Babyboomer gehen bald in Rente.
Grenke: Ja, da bricht bald ordentlich was weg, es wird Zeit, dass wir das Thema angehen. Wir spüren diesen Fachkräftemangel schon. Wir brauchen nach wie vor bessere Bedingungen für Frauen im Beruf. Es ist immer noch so, dass viele gut ausgebildete Frauen wegen der Familie ihrem Beruf nicht nachgehen, auch dazu muss uns mehr einfallen. Dann die Frage, stimmt die Ausrichtung in den Betrieben. Und wir kommen auch nicht umhin, gute Köpfe durch Zuzug zu gewinnen.

„Die Hilfen haben vor allem am Anfang ganz gut funktioniert“: Grenke über die Corona-Politik. Foto: Rake Hora

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„Die Hilfen haben vor allem am Anfang ganz gut funktioniert“: Grenke über die Corona-Politik. Foto: Rake Hora

BT: Thema zweite Rheinbrücke in Karlsruhe, meinen Sie, Sie können über die auch einmal drüberfahren?
Grenke: Ich weiß nicht, ob ich das noch erlebe. Nehmen Sie als weiteres Beispiel die Rheinbrücke Wintersdorf. Eine Bahnlinie, die nur wiederbelebt werden muss, dazu noch eine Autobrücke: Eine Verbindung von Karlsruhe über Haguenau bis nach Saarbrücken würde den ganzen Norden des Elsass erschließen. Auch der Wirtschaft auf dieser Seite des Rheins würde das nutzen. Machbar ist das, wir hatten sogar auf EU-Ebene schon grünes Licht für eine Finanzierung. Der einzige, der das aktuell nicht für nötig gehalten hat, ist der scheidende Bundesverkehrsminister.

BT: Wir haben hier in der Region außer EnBW und dm wenig große Konzernunternehmen mit juristischem Sitz und Management vor Ort. Ihre Zahl nimmt sogar ab, das deutsche Michelin-Management etwa ging nach Frankfurt. Macht Ihnen das Sorgen?
Grenke: Natürlich hätten wir auch gerne mehr große Unternehmen hier, aber wir sind auch nicht ganz unfroh, dass unsere Struktur sehr mittelständisch geprägt ist und wir keine Abhängigkeiten von einzelnen großen Unternehmen haben. Eine Ursache ist bei den heute international tätigen Unternehmen sicherlich die Fluganbindung. Das ist nicht gut genug, was wir als Ferienflughafen in Karlsruhe Baden-Baden haben. Aber damit müssen wir leben.

BT: Was kann man tun, um die Region aufzuwerten? Muss sich die IHK mehr um die internationalen Manager kümmern?
Grenke: Es sind oft persönliche Entscheidungen von einzelnen Managern, andere Standorte zu wählen, da können wir nichts ändern. Es gibt aber Dinge, die auch kleinere Firmen stören. Gewerbesteuern tragen dazu bei, ob man sich fair behandelt fühlt. Die wenigsten machen sich bewusst, dass Mieten und Pacht zur Bemessungsgrundlage gezählt werden. Wenn die Mieten steigen, steigt auch die Steuerlast. Ich setze mich dafür ein, dass man in dieser Frage den Städten eine Öffnungsklausel gibt, dass sie bestimmte Gebiete davon befreien können.

BT: Sie haben in Ihrem eigenen Unternehmen, der Grenke AG, Angriffe durch einen Leerverkäufer erlebt, die IHK stand in dieser Zeit voll hinter Ihnen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Grenke: Sie wissen, ich bin Schachspieler. Bei einer Turnierpartie ist es häufig so, dass man plötzlich in einer Situation ist, die nicht angenehm ist, und trotzdem muss man damit fertig werden. Ich glaube, das war auch hier der Fall.

BT: War der Rückhalt aus der IHK für Sie Motivation, noch einmal anzutreten für das Ehrenamt?
Grenke: Wenn man weiß, dass man das nicht falsch gemacht hat, und die, die einen kennen, das auch so sehen und es einem zutrauen und vertrauen, dann kann man nicht hingehen und sagen, ich schmeiß‘ den Bettel hin.

BT: Von Mitgliedsunternehmern ist zu hören, mehr direkte Kommunikation mit den Unternehmen wäre wünschenswert, dass IHK-Mitarbeiter mehr rausgehen. Ist das auch eine „Baustelle“ für Sie?
Grenke: Wenn wir kommunikativ mehr machen können, dann wollen wir das gerne tun, aber unsere Kapazitäten bei 68.000 Mitgliedsfirmen und 150 Mitarbeitern sind beschränkt.


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