„Wir haben einfach keine Eiche mehr bekommen“

Rheinmünster (fvo) – Der Umbau des historischen Klostertrakts in Schwarzach läuft: Unwägbarkeiten bei alter Substanz sorgen für Verzug. Doch der Architekt ist optimistisch: „Wir können das aufholen.“

Alt und Neu in trauter Nähe: Der Übergang ist stellenweise gerade beim Holz nicht leicht zu realisieren.Foto: Franz Vollmer

© fvo

Alt und Neu in trauter Nähe: Der Übergang ist stellenweise gerade beim Holz nicht leicht zu realisieren.Foto: Franz Vollmer

Nobelkarossen stehen nicht immer im Hof, manchmal hängen sie auch unterm Dach – wie etwa im historischen Klostertrakt in Rheinmünster, dem künftigen Rathausanbau. „Das ist quasi der Mercedes in Sachen Sichtverschalung“, erklärt Ortsbaumeister Urban Frietsch mit Blick auf die von unten sichtbare Holzdecke. 21 Millimeter stark sind die aus Frankreich stammenden Eichenbretter zwischen den Sparren, und sie erfüllen sogar die 3G-Kriterien: getrocknet, gehobelt und gebürstet.

Es ist Baustellenbesprechung und damit reichlich Gewusel in den historischen Gemäuern. Neue Unwägbarkeiten sind aufgetaucht – mal wieder. Was ohne Frage zu einem Umbau auf historischer Substanz gehört, aber leider halt auch auf den Zeitplan schlägt. „Wir sind rund acht Wochen in Verzug, können das aber wieder gut aufholen“, versichert Architekt Bernd Bistritz. Der Endtermin (Kunsthandwerkermarkt 2022) soll nicht wackeln. „Viel passieren darf jetzt allerdings nicht mehr“, meint Frietsch mit vielsagend großen Augen.

Statik reicht für Biberschwanzziegel

Immerhin: „Den Kostenrahmen können wir einhalten“, so Bistritz und das trotz einiger Umdisponierungen und Lieferengpässen. Die sorgten im Falle der Sichtverschalung etwa dafür, dass an Stellen, die nicht sichtbar sind wie beim künftigen Technikraum, statt der Eiche die weitaus preiswertere Tanne-Fichte-Lösung genommen wurde. „Wir haben einfach keine Eiche mehr bekommen“, so Bistritz. Er betont aber zugleich, dass auch die edlere Variante – wie mit dem Gemeinderat abgestimmt – weitgehend preisneutral zu einer Unterdecke aus Trockenbau realisiert wurde.

Laut Zimmermann Dieter Kohler ist die Holzarbeit aber – selbst mit entsprechendem Material zur Hand – nichts von der Stange. Angefangen beim Gebälk, das zum Teil freigelegt („Die stehen einem alten Gebäude gut zu Gesicht“), zum Teil gesichert und verstärkt wurde. Schwierigkeit war vor allem, den unmittelbaren Übergang von Alt auf Neu auch mit Blick auf die Statik tragfähig zu lösen. Vor allem, wenn ein ganzer Verbund kaputt war. „Das nimmt dann schon Zeit in Anspruch“, stöhnt Kohler. „Und bei all dem noch eine gerade Fläche hinzubekommen, war auch nicht einfach.“ Da bedurfte es schon etlicher Ausgleichshölzer beziehungsweise so genannter Aufdoppelung oder Abrundungsarbeiten. „Die alten Hölzer waren halt doch zum Teil richtig krumm und schief“, so Kohler.

Umdisponierungen gab es auch auf dem Dach. So ergaben Nachberechnungen ein Plus an statischem Spielraum, sodass man statt der leichteren, aber eben nur auf alt getrimmten Biberfalzziegel jetzt doch das optisch wesentlich attraktivere Biberschwanzmodell aufbringt. „Die sind schon schöner und halt auch original, man sieht den Unterschied“, versichert Bistritz. Womit nicht zuletzt die einheitliche Optik zu den anderen Gebäuden des Klosterhofs gewahrt ist.

Akustische Probleme mit Lüftungsgeräten

Allerdings hat diese statische Entscheidung auch wieder Konsequenzen. „Wir können nun die Lüftung nicht mehr unterm Dach anbringen“, so der Architekt. Sie muss vielmehr auf dem Zwischenboden, sprich Durchgang überm Trauungszimmer, angebracht werden, nebst möglichst unsichtbarer Zu- und Ableitung. Was wiederum zu raumakustischen Herausforderungen führt. „Wir haben überall Theater mit Lüftungsgeräten“, klagt Bistritz. Laut Hersteller werden im jetzigen Fall zwar maximal 60 Dezibel erreicht, doch die könnten trotz Normerfüllung schon massiv stören, wenn unten im Trauungszimmer ein intimes „Ja“ gesäuselt wird. Auch Gemeinderatssitzungen sollten ja möglichst ungestört und ohne „Lauschangriffe“ über die Bühne gehen.

„So tauchen eben immer wieder Probleme auf“, gibt Bistritz zu bedenken. Auch Frietsch berichtet von „viel Unvorhergesehenem“ und der Einsicht, dass man bei einem solchen Projekt nicht jedes Detail vorplanen könne. Umso wertvoller die kurzen Entscheidungswege und die gute Zusammenarbeit mit den regionalen Fachbetrieben, das läuft laut Bistritz „sehr kompetent und unkompliziert“

Regendicht und bereit zum Eindecken: Für den historischen Trakt sind nun doch Biberschwanzziegel vorgesehen, auch um das einheitliche Bild zu Nachbargebäuden zu wahren.  Foto: Franz Vollmer

© fvo

Regendicht und bereit zum Eindecken: Für den historischen Trakt sind nun doch Biberschwanzziegel vorgesehen, auch um das einheitliche Bild zu Nachbargebäuden zu wahren. Foto: Franz Vollmer

.

Alles in allem gehen die Arbeiten auch gut voran. Aktuell auf der Agenda stehen die technischen Gewerke: Elektroausbau und Kabelarbeiten. Auch in der künftigen Bauamtsabteilung im östlichen Trakt (vormals Gaststätte) tut sich viel. Die Räume sind bereits kleinparzelliert. Aktuell ist eine Bühler Gipserfirma dabei, die Wände, wo zum Teil noch der nackte Backstein sichtbar ist, für den künftigen Kalkputz vorzubereiten – etwa mit dem Aufbau einer Haftbrücke. „An sich ist das alles kein Problem. Aber es bedarf halt einer guten Vorbereitung“, betont Firmeninhaber Armann Langenecker, der mit vier Mann vor Ort ist. Seine 40 Mann starke Firma ist spezialisiert auf historische Gebäude, zuletzt war man im Sinzheimer Schwesternwohnheim zugange. Wie ist der Untergrund? Wie die Substanz? Wo sind Hohlräume oder Lücken, die noch zu schließen wären? „Das sind die Dinge, die man gleich im Vorfeld abklären muss“, so Langenecker.

Auch an der Glasfront tut sich einiges. Die Fensterelemente wurden alle ausgetauscht, nicht zuletzt aus brüstungstechnischen Gründen. Im Trauungs- und Sitzungssaal sind bereits neue großflächige Fenster mit Rundbögen eingebaut, beim südlichen Eingang zumkünftigen Foyer fehlt noch ein Windfang. Im Eckübergang vom einstigen Wohnturm zum Hauptgebäude indes ist schon eine Treppe aus Corten-Stahl (angerosteter Stahl) eingebaut. Die hier vorgesehenen, in Weiß gehaltenen Glaselemente sollen nebst dem Durchgangstrakt im Innenhof Mitte November eingebaut werden.

Überhaupt wird die Baustelle immer „trockener“ und dichter – was auch für die Eichenverschalung unterm Dach angesagt ist: Irreparable, unschöne Flecken wären ansonsten die Folge. Im Dezember soll bereits der Estrich rein. Zu diesem Zeitpunkt wäre dann auch das bereits mit Holzfaser gedämmte Dach gedeckt, wo derzeit schon Lattung und Konterlattung aufgebracht sind, „sodass wir über den Winter das Gebäude heizen können“, so Bistritz. Mit andern Worten: Die Ziegel können kommen. Von welcher Automarke auch immer...

Ihr Autor

BT-Redakteur Franz Vollmer

Zum Artikel

Erstellt:
21. Oktober 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 45sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.