„Wir haben in Abgründe geblickt“

Rastatt (dm) – In der Corona-Krise laufen im Verwaltungsstab des Landratsamts die Fäden zusammen. Vertreter der Behörde, des Klinikums, der Polizei, des Katastrophenschutzes und sogar ein Bundeswehrmajor gehören der regionalen Schaltzentrale an.

Vorerst zum letzten Mal in großer Besetzung: Stabsmitglieder gestern Morgen im Kreistagssaal. Foto: F. Vetter

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Vorerst zum letzten Mal in großer Besetzung: Stabsmitglieder gestern Morgen im Kreistagssaal. Foto: F. Vetter

Landratsamtschef Toni Huber, Vertreter einzelner Behördenämter, des Klinikums, der Polizei, des Katastrophenschutzes, sogar ein Bundeswehrmajor finden sich an diesem Montagmorgen im Kreistagssaal ein: Der sogenannte Verwaltungsstab tritt zusammen. Über Wochen hinweg fungiert er im Zuge der Corona-Pandemie – dieser bis dato beispiellosen Krise – als regionale Schaltzentrale. Auch das ist bislang ohne Beispiel im Kreis Rastatt.
Auf 40 Lagebesprechungen blickt man dort nun zurück, 13 zunächst im engeren Krisenstab, weitere 27 Mal in der „großen Besetzung“, wie es der Landrat formuliert. Was gab und gibt es nicht alles zu regeln beziehungsweise umzusetzen in dieser Corona-Krise: Alles in allem „unheimlich viel Arbeit“.

Im Saal, wo die Stabsmitglieder Corona-Abstand halten, geht der Blick zunächst in die Welt, nach Europa, zu den Nachbarn im Elsass. „Stabile Zahlen“ stellt Holger Staib fest, in dessen Bereich „Lage und Dokumentation“ alle möglichen Informationen gesammelt und ausgewertet werden (so habe man in dieser Zeit unter anderem an die 8000 Mails abgearbeitet).

Was die Sieben-Tages-Rate an Neuinfektionen pro 100000 Einwohner anbelangt, liege man im unteren Drittel im Land. Nämlich bei eins, wie Stefan Biehl (Bereich Gesundheit) später konkretisiert. Neuerliche Maßnahmen müssen ab 50 ergriffen werden (ein Wert, den man zu Spitzenzeiten schon übertroffen habe), ab 35 ist „gelber Alarm“, ab 12,5 gilt eine „erste Vorwarnstufe“, für die zurzeit eine Strategie erstellt werde. Noch, so Staib, hätten die ersten Lockerungen der Verordnungen „keine wesentlichen Änderungen“ ergeben. Mit zwei Wochen Verzögerung werde sich zeigen, ob das auch für die weiteren Lockerungen seit 18. Mai gilt.

Etwa jeder 19. Test positiv

13000 Abstriche für Corona-Tests seien in der Region bislang erfolgt. Eine vergleichsweise hohe Zahl, sagt Landrat Huber. Bei rund 700 Infektionen heißt das: Etwa jeder 19. war positiv. Dank Kostenübernahme durch das Land könnten die Tests nun auch ausgeweitet werden auf Personen, die nicht die üblichen Symptome aufzeigen; gerade ist eine Reihe in den Altenheimen gestartet.

Entspannt zeigt sich die Lage an der Grenze, verbessert auch im Klinikum Mittelbaden, und die Polizei sieht ebenfalls eine Normalisierung, was bedeute, dass man es nun auch wieder mit Ladendiebstählen zu tun habe. Groß ist der Wandel in Sachen Schutzausrüstung: Anfangs händeringend gesucht, scheint der Bedarf weitestgehend gedeckt, sind noch Kapazitäten da, wie Uli Hertweck (Katastrophenschutz) berichtet. Ab Juni will nun die Rastatter Firma Dach-Schutzausrüstung am Standort im Gewerbegebiet die Produktion starten.

Pandemie-Folgen wirken sich noch lange aus

Aufgrund all dessen sieht man sich in der Lage, nun auch die Aktivitäten des Verwaltungsstabs zurückzufahren, wie dessen Leiter Sébastien Oser sagt. Zunächst – zumindest so lange nicht wieder eine Verschlechterung der Situation eintritt – macht man in kleinerem Kreis weiter, dazu gehört auch das Thema Schulwesen. Dank geht auch an ehrenamtliche Organisationen wie THW, DLRG oder DRK, das inzwischen per Vertrag mit den Fluggesellschaften die Gesundheitskontrollen am Baden-Airpark vornimmt, wo noch immer Erntehelfer einfliegen; rund 10000 waren es bisher.

Ans Aufhören kann noch längst nicht gedacht werden. Die Pandemie, beziehungsweise deren Folgen, werde den Landkreis noch lange beschäftigen, unter anderem aufgrund der finanziellen Probleme, die drohen. Allgemein wird derweil festgestellt, dass man die Situation gut in den Griff bekommen habe, nachdem man anfangs „in Abgründe geblickt hatte“, so Oser. Er hofft nun, „dass die Leute vernünftig bleiben und sich an die Regeln halten, damit eine zweite Welle ausbleibt oder zumindest nicht so stark ausfällt“.

Klinikum: Bald Rückkehr zum Normalbetrieb

Das Klinikum Mittelbaden fährt die wegen der Corona-Pandemie geschaffenen Strukturen (Klinik-in-der-Klinik-Konzept) wieder zurück, wie der medizinische Geschäftsführer Dr. Thomas Iber gestern bei der Verwaltungsstabssitzung im Landratsamt erläuterte. „Wir bereiten uns auf einen regulären Betrieb ab Mitte Juni vor“, inklusive OP-Bereich. Gleichwohl werde es weiter eine Infektionsstation für Covid-19-Patienten in Balg geben. Aktuell liege einer auf Station, zudem drei Verdachtsfälle und zwei „ehemalige“, die gestern aus der Intensivstation entlassen werden sollten. Zum Vergleich: In der Spitze habe man bis zu rund 50 Covid-19-Patienten behandeln müssen. 23 Infizierte seien im Klinikum gestorben. Insgesamt sind im Raum Rastatt/Baden-Baden bislang 35 Todesfälle zu beklagen. 643 an Covid-19 Erkrankte sind genesen; aktuell sind 26 Corona-Infizierte in Quarantäne.

Testreihe nicht in allen Altenheimen

Bislang seien die Bewohner der Alten- und Pflegeheime im Landkreis Rastatt von Corona-Infektionen verschont geblieben, wurde betont. Inzwischen hat die flächendeckende Testung auch ohne Verdachtsfall begonnen, wie Gesundheitsamtsleiter Dr. Jan Ulrich Krahl informierte. Über die Heimaufsicht seien alle 23 Einrichtungen im Landkreis und 15 in der Kurstadt angeschrieben worden. Dort seien bereits die Ergebnisse aus zwei Heimen bekannt: Sie sind negativ (das heißt: Niemand ist dort an Covid-19 erkrankt). In den nächsten zwei, drei Wochen soll die Aktion abgeschlossen sein.

Die drei von Curatio in Mittelbaden betriebenen Häuser hätten sich indes gegen die Reihentestungen ausgesprochen, so Krahl, und wollen dies in ihren Einrichtungen infolgedessen auch nicht zulassen.

Kfz-Zulassung rechnet mit Ansturm

Die Kfz-Zulassungsstelle des Landkreises sieht sich vor „großen Herausforderungen“ angesichts eines zu erwartenden Kundenansturms bei gleichzeitigen Anforderungen an den Gesundheitsschutz. Man habe in den letzten Tagen Kritik einstecken müssen, wie Straßenverkehrsamtschefin Vera Kramer einräumte. Gleichwohl habe man sich nie im „kompletten Lockdown“ befunden. 5700 Zulassungen hätten im März noch zu Buche geschlagen (Vorjahr: 8600), man rechne mit 7000 im Mai, rund 350 am Tag. Nun weite man den Online-Terminkalender von zwei auf vier Wochen im Voraus aus und biete zusätzliche Termine mittwochnachmittags in Rastatt an, zumindest so lange die Stelle in Gaggenau noch geschlossen ist. Voraussichtlich im Juni soll diese wieder öffnen. Man sei zwar „auf gutem Weg zum Normalbetrieb“, so Kramer. Sie bittet indes um Verständnis, dass mit längeren Wartezeiten gerechnet werden müsse.

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Erstellt:
25. Mai 2020, 21:30 Uhr
Lesedauer:
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