„Wir haben uns als Mannschaft gefunden“

Hügelsheim (mi) – Für den ESC Hügelsheim hat Andy Mauderer in 19 Jahren 389 Pflichtspiele bestritten. Vor dem Playoff-Heimspielstart gegen Heilbronn äußert er sich im Interview über die Chancen.

Andy Mauderer ist mit 38 Jahren der dienstälteste Rhinos-Akteur. Foto: Frank Vetter

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Andy Mauderer ist mit 38 Jahren der dienstälteste Rhinos-Akteur. Foto: Frank Vetter

BT: Herr Mauderer, kribbelt es beim Routinier vor dem Playoff-Start?

Andreas Mauderer: Es wäre sicher ein falsches Signal, wenn man gar nicht mehr angespannt wäre. Nervosität nein, die Zeiten sind bei mir vorbei, aber Vorfreude und eine gewisse Anspannung verspüre ich sicherlich. Ohne Letztere in Playoff-Spiele zu gehen, wäre fahrlässig.

BT: Als dienstältester Rhinos-Akteur mit der entsprechenden Erfahrung: Wie sehen Sie die Chancen in den Playoffs, gerade auch bezüglich des Viertelfinal-Gegners Eisbären Heilbronn, die Euch in der Vergangenheit schon oft geärgert haben?

Mauderer: Die neue Saison hat die Karten neu gemischt. Wir haben mit den zwei Kanadiern und Torwart Constantin Haas jüngst Zuwachs bekommen, die Eisbären Heilbronn haben nach der Entlassung von Pavol Jancovic ihren alten Meistertrainer Kai Sellers wieder zurück. Die haben uns tatsächlich schon oft geärgert. Für mich ehrlich gesagt ist das nicht der beste Zeitpunkt, gegen sie zu spielen, weil man weiß, dass Mannschaften nach einem Trainerwechsel sehr motiviert sind. Dennoch müssen wir jede Mannschaft schlagen können, wenn wir unser Ziel, das Finale, erreichen wollen.

BT: Um wieviel Prozent ist die Mannschaft nach den Rückholaktionen von Graham Brulotte und Constantin Haas sowie der Verpflichtung von Tanner Ferreira verstärkt worden?

Mauderer: In Prozentzahlen ist es schwer auszudrücken, sie kamen jedenfalls zu einem günstigen Zeitpunkt, nachdem wir im Dezember die Wende zum Guten eingeläutet hatten. Die Drei sind dadurch zu einer intakten Mannschaft gestoßen, bringen aber auch eine Riesenqualität mit, sie passen spielerisch und menschlich super rein. Sie haben schon in den ersten Spielen angedeutet, dass sie uns in den Playoffs helfen können.

BT: Bis Weihnachten habt Ihr nach dem verletzungsbedingten Saisonausfall des Tschechen Martin Vachal ohne Ausländer auskommen müssen. Können die beiden Kanadier auch im Vergleich zur Konkurrenz den Unterschied ausmachen?

Mauderer: Ich denke schon. Beide bringen viel Geschwindigkeit mit, sie haben guten Zug zum Tor und auch schon gezeigt, dass sie treffen können. Alles wichtige Faktoren, um in den Playoffs erfolgreich zu sein. Nichtsdestotrotz besteht die Mannschaft nicht nur aus zwei Spielern, sondern alle Zahnräder müssen ineinander greifen, um in die nächste Runde und möglichst später ins Finale zu kommen.

BT: Wie haben sich die Beiden im Team integriert?

Mauderer: Graham hatte den Vorteil, dass er vorher ja schon zwei Jahre bei uns war, er kannte den Verein, das Umfeld, viele der Mitspieler. Da machte ich mir gar keine Sorgen. Tanner ist vom Naturell her sehr aufgeschlossen, ein lebenslustiger Typ, der sich perfekt anpasst. Da gibt es überhaupt keine Probleme. Als sie mit dem Flugzeug aus Kanada angekommen sind, haben sie am selben Abend schon bei uns mittrainiert.

BT: Das vielleicht beste Torwart-Duo der Liga, in Philip Rießle ein langjähriger Zweitliga-Topverteidiger, drei ausgeglichene Sturmreihen. Stimmt die Balance diesmal?

Mauderer: Sie stimmt. Nachdem wir im November unser Tief hatten, sind wir aus demselben herausgekommen, haben uns als Mannschaft gefunden. Ich glaube, dass wir gerade mental viel aus der Situation gelernt haben. Wenn die Frage Richtung Meisterschaft zielt, würde ich sagen, dass es zwar einerseits schwer wie nie, andererseits so einfach wie nie zuvor ist, Meister zu werden, weil die Mannschaften einfach so ausgeglichen sind und wirklich jeder jeden schlagen kann.

BT: In der Vergangenheit habt Ihr Euch durch viele Strafzeiten in engen Playoff-Spielen das Leben selbst schwer gemacht. Wird die Disziplin entscheidend sein?

Mauderer: Definitiv. Die vorderen Mannschaften haben alle eine super Powerplay-Quote. Die special teams machen heutzutage im Eishockey überhaupt den Unterschied aus, und so müssen wir auch an unsere letzten Auftritte anknüpfen, in denen wir diszipliniert gespielt und uns an den Gameplan gehalten haben.

BT: Pforzheim mit dem ehemaligen Hügelsheimer Benjamin Frick ist die Überraschungsmannschaft der Saison. Werden sie gar Meister?

Mauderer: Drehen wir die Uhr mal neun Jahre zurück. Damals marschierte Heilbronn 25 Mal ohne Niederlage durch die Hauptrunde, und sie haben nach dem gewonnenen ersten Finalspiel gegen uns schon die Meisterparty organisiert. Dann haben wir Ihnen mit unserem Heimsieg einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht. Also: Derjenige, der das letzte Spiel gewinnt, wird Meister und nicht der, der die ersten 20 gewinnt.

BT: In den Vorjahren ist der Meister der Regionalliga Südwest nie zu den Aufstiegsspielen gegen die starken bayerischen Vertreter angetreten. Sportdirektor Pascal Winkel hat schon angedeutet, dass Ihr nicht kneifen würdet. Hätten Sie Lust auf die Vergleiche?

Mauderer: Ja klar hätte ich Lust, gerade auch, um neue Mannschaften kennenzulernen. Damals in dem einen Jahr Oberliga mit den Hornets spielte ich ja auch in Bayern gegen deren Teams, das waren immer interessante Duelle. Auch unseren Zuschauern mal wieder neue Gegner zu präsentieren, wäre auch für sie interessant.

BT: Sie sind ein wahres Stehaufmännchen, haben schon zig schwere Verletzungen und auch ernste Krankheiten weggesteckt. Sie kommen immer wieder zurück. Wie schaffen Sie das?

Mauderer: Als vor zehn Jahren meine Krankheit auftrat, bekam ich eine Karte zugeschickt. Auf der stand ein Zitat von Ghandi: „Stärke wächst nicht aus körperlicher Kraft, sondern aus unbeugsamem Willen.“ Das habe ich die vergangenen Jahre zu meinem Motto gemacht. Am Ende des Tages ist es aber auch so, dass ich unheimlich gerne Eishockey spiele und mit meinen Jungs zusammen bin. Auch in meinem fortgeschrittenen Alter. Die Motivation, weiter zu machen, ist größer als zu Hause auf der Couch zu sitzen. So rappelte ich mich nach Rückschlägen und Verletzungen wieder auf und trainierte mich hoch, um gerade die jüngeren Spieler im Laufduell vielleicht auch mal ein bisschen zu ärgern. Der Gedanke ans Aufgeben oder Aufhören war bei mir noch nie da.

BT: Sie haben schon mit dem fünfjährigen Sohn fleißig auf dem Eis trainiert. Wäre es noch ein Traum, mit ihm einmal zusammenzuspielen?

Mauderer (lacht): Da denke ich überhaupt nicht daran, zumal Corona auch für die Jugend einen Strich durch die Rechnung machte, und wir dadurch im Vorjahr die ersten gemeinsamen Schritte auf dem Eis wieder unterbrechen mussten. Er hat sich jetzt einer anderen Sportart, nämlich Turnen, zugewandt. Mit fünf Jahren kann sich bei ihm aber noch viel ändern. Wenn ich irgendwann mal als alter Hobbyspieler auf dem Eis stehe, warum dann nicht mit ihm?

BT: Sie wissen, dass das tschechische Idol Jaromir Jagr, der am 15. Februar 50 Jahre alt wird, immer noch dem Puck hinterherjagt...

Mauderer: Wenn ich in zehn Jahren noch die gleiche Fitness habe wie Jagr heute, dann unterschreibe ich sofort, dass ich dann auch noch spiele.

Ihr Autor

Von BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
28. Januar 2022, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 21sec

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