„Wir könnten noch mehr Tore haben“

Baden-Baden (ket) Der Karlsruher SC steht einen Spieltag vor Saisonende mit 49 Punkten auf Platz sieben der 2. Fußball-Bundesliga. KSC-Trainer Christian Eichner analysiert die Spielzeit im Interview.

„Die Mannschaft nimmt die Dinge, die wir Trainer ihr mit auf den Weg geben, an und versucht sie umzusetzen“: KSC-Trainer Christian Eichner. Foto: Daniel Karmann/dpa

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„Die Mannschaft nimmt die Dinge, die wir Trainer ihr mit auf den Weg geben, an und versucht sie umzusetzen“: KSC-Trainer Christian Eichner. Foto: Daniel Karmann/dpa

BT: Herr Eichner, was für ein Gefühl löst der Rückblick auf die am Sonntag zu Ende gehenden Zweitligasaison bei Ihnen aus?
Christian Eichner: Große Zufriedenheit. Wir haben unser großes, „hartes“ Ziel erreicht, indem wir den Klassenerhalt erreicht haben – und das relativ früh, früher sogar als erhofft. Zum anderen – und das ist so ein bisschen ein weicherer Faktor – bin ich sehr zufrieden damit, wie die Mannschaft über die ganze Saison hinweg gearbeitet und gespielt hat. Die Zuschauer und Fans konnten sich mit dieser Art identifizieren. Das sollte auch unser Grundstock für die kommende Zeit sein.

BT: Wenn Sie, was Lehrer ja bisweilen ganz gerne tun, diese Saison benoten müssten: Was gäbe es für Ihre Mannschaft?
Eichner: Oh je! Obwohl ich Lehrer bin, bin ich kein großer Freund vom Notenverteilen. Das ist immer schwer, zumal es bei uns unterschiedliche Bereiche gab, in denen wir unterschiedlich gut waren. Im Bereich Fußball zum Beispiel haben wir uns enorm weiterentwickelt. Die Mentalität der Mannschaft ist gar herausragend – wie sie zusammensteht, was für ein Herz sie hat. Diese Bereiche sind top. Wo wir zulegen müssen, ist im Übergangsbereich Richtung gegnerisches Tor.

BT: Dabei war der Saisonstart keineswegs verheißungsvoll. Nach drei Liga-Spielen war der KSC ebenso tor- wie punktlos Tabellenletzter. Wie sehr haben da bereits die Alarmsirenen geschrillt?
Eichner: Es wäre gelogen, wenn ich jetzt sagen würde, wir wären nicht in einer gewissen Hab-Acht-Stellung gewesen. Wenn du so in die Runde startest, ist es ja logisch, dass nicht alles eitel Sonnenschein ist. Die Art und Weise, wie wir in den drei Spielen gespielt haben, plus die Tatsache, dass einer unserer besten Spieler nicht auf dem Platz stand, hat für uns natürlich eine große Auswirkung gehabt. Umso mehr war das 3:0 gegen Sandhausen am vierten Spieltag ein Brustlöser. Da kam Vieles zusammen, was vorher auf der Strecke geblieben war, ohne dass das Spiel viel besser gewesen wäre als die Spiele davor.

BT: Man muss im Rückblick also durchaus feststellen, dass das Wechseltheater um Philipp Hofmann für den Fehlstart zumindest mitverantwortlich war.
Eichner: Es war auf jeden Fall ein sportliches Problem. Dass der KSC sich den Ausfall des vielleicht besten Stürmers der Liga nicht zwingend erlauben kann, ist doch selbstredend.

BT: Hätten Sie damals auch nur zu träumen gewagt, einen Spieltag vor Saisonende mit 49 Punkten auf Platz sieben zu stehen und den Klassenerhalt längst schon gesichert zu haben?
Eichner: Nein. Überhaupt nicht. Das wäre auch vermessen gewesen. Wir hatten damals ja gerade ein schweres Saisonende hinter uns. Das wollte die Mannschaft in dieser Form partout nicht nochmal erleben. Das hat sie schon in der Saisonvorbereitung gezeigt. Schon da ist mir klar geworden, dass wir anderen Mannschaften Probleme bereiten können. Dass das schon am 24. Spieltag zum Klassenerhalt führen würde, war damals allerdings nicht zu erwarten.

BT: Wann kam bei Ihnen das Gefühl auf, dass die Mannschaft in die Saison gefunden hat?
Eichner: Nach drei Minuten im Spiel gegen Sandhausen. Da stand endlich etwas auf der Habenseite – und zwar in Form eines Tores, das auch noch Philipp Hofmann erzielt hatte. An dem Tag kamen wirklich einige Dinge zusammen.

BT: Und wann ist Ihnen klar geworden, dass in dieser Saison mehr drin ist als nur Abstiegs- und Überlebenskampf?
Eichner: Das war das Heimspiel zum Rückrundenauftakt gegen Hannover. Zusammen mit den Partien davor hatten wir uns so in einen Flow hineingespielt, dass ich dachte: Hoppla, wir sind inzwischen in der Lage, jede Woche ein gewisses Niveau abzurufen. Defensiv standen wir speziell in dieser Phase überragend und auch für Torgefahr haben wir immer gesorgt. Das war schon richtig gut.

BT: Gab es einen Moment, an dem Sie, natürlich heimlich still und leise und nur so für sich, gedacht haben, dass vielleicht sogar noch mehr geht – nach dem 24. Spieltag war Ihre Mannschaft schließlich gerade mal drei Punkte vom Relegationsplatz entfernt?
Eichner: Ja und nein. Natürlich sind wir alle Sportler und wollen immer das Maximale. Aber das war intern nie ein Thema, wir haben nie darüber gesprochen. Natürlich ist eine Mannschaft, die der Reihe nach gegen Fürth, Kiel, Hannover und Bochum gewinnt, prinzipiell auch in der Lage, zu Hause gegen Braunschweig zu gewinnen. Aber wir haben in diesen Spielen gegen Braunschweig, Regensburg, Nürnberg – und das ist das Nein auf Ihre Frage – auch gesehen, dass wir diese Saison zumindest noch nicht so weit waren, um noch weiter oben angreifen zu können. Wenn du fünf, sechs Mal in Folge kein Tor schießt, dann weißt du, dass du in diesem Bereich zulegen musst.

BT: Sie haben es gerade angedeutet: Gegen die drei Mannschaften, die am Sonntag den Aufstieg unter sich ausmachen, also Bochum, Greuther Fürth und Kiel, hat der KSC bei vier Siegen, einem Unentschieden und nur einer Niederlage satte 13 von 18 möglichen Punkten geholt. Was lässt sich daraus ablesen?
Eichner: Dass irgendwo anders etwas im Argen lag, weshalb wir haben abreißen lassen müssen. Das ist nächste Saison auch die Herausforderung für uns: Es in diesem Bereich besser zu machen, ohne das andere zu verlieren. Prinzipiell kann man aber sagen, dass wir in dieser Liga jeden Gegner schlagen können. Das haben wir, siehe Ihre Beispiele, bewiesen, auch weil wir sehr, sehr gut gegen den Ball arbeiten. Das gilt zwar oft als vermeintlich unattraktiv, ist aber die Basis für unser Spiel, weil wir damit ein paar Defizite, die wir gegenüber anderen Mannschaften haben, wettmachen können.

BT: Was zeichnet diese Mannschaft aus? Was sind ihre größten Qualitäten?
Eichner: Sie freut sich jeden Tag aufeinander. Das ist ein absoluter Indikator für Leistungsbereitschaft. Die Jungs sind einfach gerne zusammen, auch abseits des Platzes. Hinzu kommt dieser überragende Charakter, der uns über die Saison getragen hat. Und: Sie nimmt die Dinge, die wir Trainer ihr mit auf den Weg geben, an und versucht sie umzusetzen.

BT: Was muss sie noch lernen?
Eichner: Lernen müssen wir alle. In diesem Fall geht es darum, im letzten Drittel, wo es im Endeffekt um Tore und Punkte geht, klarer und besser Fußball zu spielen. Da müssen wir bessere Entscheidungen treffen. Daran werden wir weiter arbeiten.

BT: Dabei sind die 49 erzielten Tore immerhin der zehntbeste Wert in der Liga. Das ist doch gar nicht so schlecht – oder?
Eichner: Nein. Aber wir könnten noch mehr Tore haben, eben wenn wir die ein oder andere Situation besser ausgespielt hätten. Auf der anderen Seite haben wir das ein oder andere Mal auch aus wenig viel gemacht. Das muss man schon auch sehen.

BT: Was war Ihr Saison-Highlight?
Eichner: Ach, der Januar mit dieser Siegesserie gegen all die Hochkaräter war schon phantastisch.

BT: Auf was hätten Sie gut und gerne verzichten können?
Eichner: Auf den Abend vor dem ersten Saisonspiel gegen Hannover, als Philipp Hofmann uns mitgeteilt hat, dass er nicht in der Lage sei, zu spielen. Das hat mich getroffen – und hat uns auch als Gruppe nicht gutgetan. Trotzdem hat es die Mannschaft zusammen mit Philipp im Nachgang wieder auf die Reihe gebracht.

„Wir hatten eine extrem starke Achse“

BT: Wenig schön war zweifelsohne auch die Quarantänepause. Wie sind Sie mit der Bewältigung und den Spielen danach zufrieden?
Eichner: Da kann ich im Rückblick nur positiv überrascht sein. Wenn man auf die gelaufenen Kilometer schaut und dann sieht, dass der Wert nach der Quarantäne besser war als davor, muss man sich fast schon fragen: Trainiert man normalerweise zu viel? Vielleicht hat die Pause den Jungs ja die Gelegenheit gegeben, nochmal Luft zu holen, um im Anschluss alles rauszupfeifen. Das war wirklich okay. Ergebnistechnisch sind wir hingegen zu kurz gekommen. Wir müssen Würzburg zu Hause eindeutig schlagen und in Düsseldorf einen Punkt holen.

BT: Dennoch ist nur eine Niederlage seit der Quarantänepause nicht ganz schlecht – oder?
Eichner: Nein. Das gilt insgesamt für das Jahr 2021 mit nur drei Niederlagen. Das muss man sich immer mal wieder ins Gedächtnis rufen.

BT: Herr Eichner, wer waren für Sie die Spieler der Saison?
Eichner: Mir fällt es total schwer, Einzelne herauszugreifen, ganz einfach, weil es dieser Mannschaft nicht gerecht wird. Wir hatten ein extrem stabiles Gerüst im Zentrum, eine extrem starke Achse, die jede Mannschaft braucht, wenn sie erfolgreich sein will. Dass der Torwart herausragend war, brauche ich nicht zu betonen. Wir haben eine komplett neue, junge Innenverteidigung, die wir bewusst auf die Reise geschickt haben. Jerôme Gondorf hat seine Rolle als Leitwolf komplett angenommen, Marvin Wanitzek und Kyoung-Rok Choi haben einen Schritt nach vorne gemacht. Und dann gab es auch ein paar Überraschungen wie beispielsweise Marco Thiede, der plötzlich drei Tore schießt, oder Marc Lorenz, der ja für den einen oder anderen schon abgeschrieben war. So war jeder auf seine Art gut für diese Mannschaft, ausdrücklich auch all jene, die ich jetzt nicht genannt habe. Alle waren wichtig.

BT: In Malik Batmaz, (21 Jahre), Dominik Kother (22), Tim Breithaupt (19), Marlon Dinger (19), Jannis Rabold (20) und Dejan Galjen (18) haben Sie gleich sechs Talente aus der eigenen Jugend eingesetzt. Was darf man in Zukunft von diesen Jungs erwarten?
Eichner: Dass sie sich weiter entwickeln. Aber das ist für einen Teil gar nicht so einfach, weil ihnen die Spielpraxis fehlt.

BT: Sie spielen auf die abgemeldete 2. Mannschaft an?
Eichner: Ja. Auch als Trainer darf man ja Wünsche haben – und wenn ich mir etwas wünschen würde, dann eine zweite Amateurmannschaft, so wie wir sie früher hatten. Davon abgesehen: Dominik Kother ist jetzt dann das dritte Jahr dabei und weiß, was ich von ihm erwarte. Tim Breithaupt hat einen großen Schritt nach vorne gemacht und bei seinen Einsätzen überzeugt. Auf der anderen Seite gibt es Positionen, auf denen es schwerer ist, sich durchzusetzen. Janis Rabold zum Beispiel hat einen herausragenden Marco Thiede und dazu Sebastian Jung vor sich. Und dennoch gilt: Wer sich im Training anbietet, wird irgendwann auch die Chance bekommen, zu spielen. Auch da haben wir insgesamt einen Schritt nach vorne gemacht.

BT: Auf der anderen Seite haben Sie bereits eindringlich davor gewarnt, dass es nur mit jungen Talenten in dieser Liga nicht geht. Ist das bei den Verantwortlichen angekommen?
Eichner: Ja. Ich denke schon. Mir ging es mit dieser Warnung ja auch in erster Linie darum, im Hinblick auf die nächste Saison nicht die Realität aus den Augen zu verlieren. Ich bin lange genug im Fußball, um zu wissen, dass man mindestens das Gleiche von uns erwartet wie in dieser Saison. Damit habe ich auch gar kein Problem. Ich bin als Trainer aber auch dafür zuständig, den Leuten ein realistisches Bild über die Möglichkeiten des KSC zu geben. Wir sind weit vor Mannschaften, die ein weitaus größeres Budget haben. Das heißt automatisch: Wir müssen mindestens das gleiche investieren – nicht finanziell, sondern an Power und Intensität –, um wieder eine ähnliche Rolle spielen zu können. Wenn wir irgendwo nur ein bisschen nachlassen, werden uns die anderen wieder überholen, weil auf Strecke die wirtschaftlichen Möglichkeiten nicht jedes Jahr der Mentalität unterliegen werden.

Vakanz auf den Außenbahnen

BT: Am letzten Heimspieltag verabschiedet wurden bereits David Pisot, Xavier Amaechi, Alexander Groiß und Babacar Guèye, außerdem wird Kevin Wimmer den Verein verlassen. Welchen Verpflichtungsbedarf löst das aus?
Eichner: Nach wie vor haben wir auf den offensiven Außenbahnen eine extreme Vakanz, besonders rechts, wo wir derzeit gar keinen Spieler haben, Kyoung-Rok Choi mal ausgenommen, der allerdings im Zentrum grundsätzlich besser aufgehoben ist. Auch vorne werden wir nach dem Weggang von Babacar Guèye nachlegen müssen. Und wir müssen schauen, was auf der Innenverteidigerposition passiert.

BT: Wie hoffnungsfroh sind Sie, dass die lediglich ausgeliehenen Philip Heise und Benjamin Goller nächste Saison noch das KSC-Trikot tragen werden?
Eichner: Bei Philip Heise bin ich sehr zuversichtlich. Bei Benjamin Goller ist es einfach so, dass man da auch ein bisschen Respekt vor dem Stammverein, also Werder Bremen, haben muss. Die haben wir komplett in Ruhe gelassen, weil die aktuell einen ganz anderen Fokus haben. Sobald bei Werder aber eine Entscheidung gefallen ist, werden wir sofort Kontakt aufnehmen und uns austauschen.

BT: Bleibt Philipp Hofmann. Die Hamburger Morgenpost hat ihn gerade erneut mit dem HSV in Verbindung gebracht. Bahnt sich da ein erneutes Wechseltheater an?
BT: Im Fußball ist immer alles möglich. Ich kann nur sagen: Ich bin Trainer – und ich habe den Wunsch, dass Philipp Hofmann noch lange bei uns bleibt. Deshalb bin ich positiv gestimmt, dass Hoffi auch nächste Saison für den KSC auf Torejagd gehen wird.

Zum Saisonabschluss des KSC sind in der Samstagsausgabe (sowie im E-Paper) Sonderseiten erschienen

Ihr Autor

BT-Redakteur Frank Ketterer

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Erstellt:
22. Mai 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 7min 39sec

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