„Wir sollten versuchen, etwas zu sein“

Baden-Baden (ans) – Inspiration durch Meditation: In „Labyrinth“ bricht Stefanie Heinzmann aus dem Irrgarten des Lebens aus.

Die Schweizer Sängerin Stefanie Heinzmann hat ein neues Album veröffentlicht. Foto: Maximilian König/Presse Peter

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Die Schweizer Sängerin Stefanie Heinzmann hat ein neues Album veröffentlicht. Foto: Maximilian König/Presse Peter

Stefanie Heinzmann (32) ist bekannt für ihre eingängigen Pop- und Soulsongs. Aktuell ist bei der Sängerin viel los: Gestern erschien ihre neue Platte „Labyrinth“, und in dieser Staffel „Sing meinen Song – das Tauschkonzert“ ist die quirlige Schweizerin wöchentlich zu sehen. Deutlich ist auf „Labyrinth“ die Entwicklung zu erleben, die sie bisher durchlaufen hat. BT-Volontärin Anna Strobel hat sich mit ihr über die Entstehung ihres neuen Albums und ihren emotionalen Tauschabend bei „Sing meinen Song“ unterhalten.

BT: Frau Heinzmann, wie geht es Ihnen heute?
Stefanie Heinzmann: Mir geht es sehr gut. Es ist ein typischer Montag. Interviews, Mail, Büro, Buchhaltung. Alles, was man eben montags zu tun hat. Hier in Wallis scheint die Sonne, aber es ist sehr kalt. Deswegen bleibe ich schön drin.

BT: Ihr Album ist gerade erschienen. Es stellt die Frage, ob wir noch liebenswert sind, wenn der Erfolg wegbricht und man auf den Sozialen Medien nicht mehr präsent ist. Wie denken Sie darüber?
Heinzmann: Mein Schluss, zu dem ich gekommen bin, ist: Ich bin auf jeden Fall liebenswert. Auch wenn ich keine Sängerin bin, egal wie viel ich verdiene. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und erwarten von uns selbst so unfassbar viel und auch von unserem Gegenüber. Das ist schade, weil ich finde, das Leben das wir geschenkt bekommen haben, daraus sollten wir das Beste machen. Wir sollten nicht immer nur versuchen, irgendwas darzustellen, sondern etwas zu sein.

BT: Was fühlt sich für Sie gerade richtig an?
Heinzmann: Ich bin gerade mitten im Leben und habe viel zu tun. Wir haben das Album gemacht, die Tour ist jetzt draußen, „Sing meinen Song“ hat angefangen. Meine Aufgabe ist gerade, dass ich zu Hause auch mal runterkomme, die Arbeit ruhen lasse und ein Buch lese.

BT: Der Titel Ihres neuen Albums lautet „Labyrinth“. Warum haben Sie die Platte so genannt?
Heinzmann: Für mich war das Labyrinth einfach ein tolles Bild. Ich persönlich hasse Labyrinthe. Wenn man mich in eins stellt, habe ich Angst, dass ich da nie wieder raus finde. Genau deswegen wollte ich das Album so nennen, denn so ein Labyrinth löst in den Leuten erst mal Panik aus. Aber wenn ich so darüber nachdenke, dann ist das Leben wie ein Labyrinth. Manchmal landet man in Sackgassen, weiß nie wirklich, was hinter der nächsten Ecke lauert. Die wichtige Erkenntnis bei der ganzen Geschichte, und das verdeutlicht auch der Satz „get out of the Labyrinth“., ist die Frage, wie bewege ich mich in diesem Labyrinth, also im Leben, bin ich die ganze Zeit gestresst und habe Angst vor den Irrwegen, oder entscheide ich mich dazu, mich auf das, was kommt zu freuen, und bin gespannt. Das hat mir geholfen zu vertrauen.

BT: Wie ist das neue Album entstanden?
Heinzmann: Im letzten Jahr war das für mich eine neue Erfahrung, weil das Album ohne jeglichen Druck entstanden ist. Das war ein schönes Gefühl. Wir sind einfach ins Studio gegangen und hatten eine gute Zeit. Irgendwann im Herbst dachten wir dann cool, wir haben ein Album. Es ist ganz echt und befreit. Daran könnte ich mich gewöhnen, aber es wird wahrscheinlich nicht mehr vorkommen. Das ist für mich das Positive in dieser schwierigen Zeit.

BT: War diese kreative Freiheit beim Schreiben der Pandemie zu verdanken?
Heinzmann: Ja auf jeden Fall, normalerweise wären wir den kompletten Sommer unterwegs gewesen. Als der gefüllte Kalender ausgefallen ist, dachte ich, ich kann jetzt hier Trübsal blasen oder ich rufe ein paar Leute an und wir setzen uns zusammen. Dann bin ich nach Hamburg ins Studio gefahren. Das hat mich durch den Sommer gerettet. Wir hatten eine Zoom-Session mit Tim Diel, das war ganz neu und sehr spannend. Man schreibt Musik, und jeder ist in einem anderen Land, das kannte ich vorher so nicht.

BT: Haben Sie eine Lieblingsgeschichte, die sich hinter einem Ihrer neuen Lieder verbirgt?
Heinzmann: Den Song „Labyrinth“ haben wir eigentlich für das letzte Album geschrieben. Er ist nicht in Hamburg entstanden, sondern in Berlin. Einen Tag davor war ich bei einem Meditationskurs bei einer Freundin hier in Wallis. Diese Freundin hat erzählt, dass wir durch Fäden miteinander verbunden sind. Manchmal wird man von diesen Fäden hin und her gezerrt. Und es geht darum, sich von den Fäden zu befreien. Ich wollte unbedingt einen Song haben, der das beschreibt. In diesem Lied geht es also um einen Meditationskurs.

BT: Am Dienstag, 18. Mai, wird Ihr Tauschabend bei „Sing meinen Song“ gezeigt. Was haben Sie aus der Zeit beim Dreh für sich mitgenommen?
Heinzmann: Grundsätzlich war „Sing meinen Song“ unfassbar wertvoll für mich. Ich hatte die Möglichkeit, tolle Leute kennenzulernen. Es ist eine krasse Ehre, wenn sich sechs großartige Künstler mit der eigenen Musik beschäftigen und für dich performen. Ich hatte auf jeden Fall meine Fanmomente.

BT: Bei wem gab es so einen Moment?
Heinzmann: Einen kleinen Fanmoment hatte ich mit DJ Bobo. DJ Bobo war, als ich neun Jahre alt war, mein erstes Konzert, das ich gesehen habe, und jetzt steht er da und singt einen Song von mir. Wirklich surreal.

BT: Im vergangenen Jahr waren Sie bei „Sing meinen Song“ in der Schweiz dabei. Was gibt es für Unterschiede zwischen den Versionen?
Heinzmann: Man würde denken, ich weiß schon, wie es ist. Aber dadurch, dass es eine andere Konstellation an Menschen ist, war das wirklich etwas komplett anderes. Das macht das Format auch so spannend. Es war nicht vergleichbar mit der Schweiz.

BT: Man schlüpft in der Sendung sprichwörtlich in die Schuhe der anderen Sänger. Was hat Sie dabei am meisten berührt?
Heinzmann: Man sitzt mit sechs Musikern auf dem Sofa, die alle wissen, wie sich das anfühlt. Das heißt, man öffnet sich natürlich noch mal ganz anders, weil man sich verstanden fühlt. Das ist etwas Besonderes und ich glaube, deshalb wird da auch immer so viel geheult. Berührt hat mich zum Beispiel Nuras Geschichte darüber, wie sie mit ihrer Mama und ihren Geschwistern nach Deutschland geflüchtet ist. Das ist so eine starke Frau. Ich glaube, solche Geschichten geben sehr viel Hoffnung.

Mehr Raum für das Privatleben einplanen

BT: Vor fünf Jahren hatten Sie sich eine Auszeit genommen, 2019 sogar überlegt, aus dem Musikbusiness auszusteigen. Warum wird Ihnen der Medientrubel manchmal zu viel?
Heinzmann: Ich habe an nichts anderes als den Job gedacht. Ich war nur unterwegs und hatte eigentlich gar kein Privatleben. Am Anfang hab gar nicht gemerkt, dass ich einfach müde bin, sondern ich dachte: Oh, man ich schaff das nicht mehr, vielleicht muss ich mit diesem Job aufhören. Dann habe ich festgestellt, dass ich einfach nur müde war und mir eine Auszeit gutgetan hat. In dieser Zeit musste ich Entscheidungen treffen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich private Termine in meinen Businesskalender eingetragen. Wenn eine Freundin von mir geheiratet hat, dann hab ich gesagt: Vielleicht komme ich, vielleicht aber auch nicht. Mein Job war immer wichtiger. Vor vier oder fünf Jahren habe ich angefangen, solche Termine in meinen Kalender einzutragen. Das war für mich ein wichtiger Schritt, meinem privaten Leben Raum zu geben. Und seitdem macht mir mein Job wieder mega Bock.

BT: Sie engagieren sich auch sozial. Was ist Ihnen dabei wichtig?
Heinzmann: Ich persönlich versuche den Fokus auf Kinder zu legen, weil ich finde, dass Kinder unsere Zukunft sind. Ich habe Hoffnung in die Menschheit. Allerdings müssen wir eine Welt schaffen, in der sie aufwachsen können. Ich arbeite zum Beispiel gern mit Unicef in der Schweiz und Plan International zusammen. Die setzten sich sehr für die Rechte der Mädchen ein. Während Corona habe ich Workshops für Teenager an einer Schule hier in Wallis gegeben. Es war toll, sich mit denen das Internet anzugucken. Jugendliche von heute sind viel reflektierter als früher. Sie setzen sich mit Rassismus, Fridays for Future und Sexismus auseinander. Da schöpfe ich Hoffnung.

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Erstellt:
16. Mai 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
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