„Wir wollen den eActros härter ran nehmen“

Gaggenau (stj) – Der batterieelektrische Mercedes-Benz legt seit Januar auf der eWayBW-Teststrecke täglich bis zu 300 Kilometer zurück.

Informieren im Unimog-Museum über die Praxis-Erfahrungen des eActros und über die weiteren Entwicklungsaktivitäten zur Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs: (von rechts) Dr. Manfred Schuckert, Rainer Schmitt und Dr. Dalibor Dudic. Foto: Daimler Truck AG

© Daimler AG

Informieren im Unimog-Museum über die Praxis-Erfahrungen des eActros und über die weiteren Entwicklungsaktivitäten zur Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs: (von rechts) Dr. Manfred Schuckert, Rainer Schmitt und Dr. Dalibor Dudic. Foto: Daimler Truck AG

Ein 40-Tonner mit Motorschaden, der am Dienstagmorgen einen Stau auf der B462 verursacht hat, dient Spediteur Rainer Schmitt dazu, einige Vorzüge des eActros herauszustellen: „Im Falle von gesperrten Straßen, Baustellen oder sonstigen unvorhergesehenen Ereignissen sind wir darauf angewiesen, flexibel über Ausweichstrecken zu fahren – und genau das ist mit dem eActros möglich.“ Da er allein von Batterien angetrieben wird, seien kurzfristige Routenänderungen kein Problem – anders etwa als bei der Oberleitungstechnologie, die bald auf derselben Strecke in die Praxiserprobung geht.

Der für das Pilotprojekt eWayBW erforderliche Infrastruktur-Aufbau an der Bundesstraße durch das Murgtal befindet sich kurz vor dem Abschluss. Das können Dr. Manfred Schuckert und Dr. Dalibor Dudic beim Pressetermin im Unimog-Museum direkt in Augenschein nehmen. Die Daimler-Führungskräfte sind aber nach Gaggenau gekommen, um der aus ihrer Sicht äußerst positiven Entwicklung bei den CO2-neutralen, vollelektrischen Antriebstechnologien Batterie und wasserstoffbasierte Brennstoffzelle Gewicht zu verleihen. Daimler plant schließlich keine Oberleitungs- Lkw, ist aber stark am direkten Technologie-Vergleich interessiert. Und der findet im Murgtal statt, sobald eWayBW in den Realbetrieb startet und die Spedition Fahrner (Kuppenheim) darüber die Papiermühlen in Obertsrot beliefert.

Während man darauf voraussichtlich noch bis Ende April warten muss, bewährt sich ein batterieelektrischer Mercedes-Benz Actros seit Juli 2019 bei der Firma Logistik Schmitt. Von deren Lager in Ötigheim bis zum rund sieben Kilometer entfernten Werkteil Rastatt des Mercedes-Benz-Werks Gaggenau hat das 25 Tonnen schwere Modell bislang rund 50.000 Kilometer zurückgelegt und 5.000 Touren mit insgesamt über 100.000 Ladungsträgern absolviert. Dabei hat es rund 30.000 Tonnen Fracht transportiert. Damit belege der Einsatz des eActros, dass der batterieelektrische Lkw die gleichen Aufgaben wie ein konventionelles Diesel-Fahrzeug erledigen kann, bilanziert der geschäftsführende Gesellschafter von Logistik Schmitt.

Aufgrund der positiven Erfahrungen setzt das Unternehmen den eActros seit Januar zusätzlich auf einer neuen, anspruchsvolleren Route über die B462 ein, die weitgehend der geplanten Oberleitungsstrecke von eWayBW entspricht. Der Start des eActros auf dieser Route war ursprünglich erst für Mitte 2021 mit einer weiterentwickelten Variante des E-Lkw vorgesehen. Die Experten von Mercedes-Benz wollen jedoch die Möglichkeit nutzen, den aktuellen Prototyp auch hier auf Herz und Nieren zu prüfen. „Wir wollen den eActros härter ran nehmen“, ergänzt Schmitt. Deshalb liegt das neue Tagespensum nun zwischen 250 und 300 Kilometern – über 100 Kilometer mehr als bisher. Auch das Ladungsgewicht von bislang etwa vier Tonnen wurde auf der Zusatzstrecke um ein Mehrfaches erhöht.

Serienproduktion in Wörth startet 2021

Der eActros fährt nun täglich sechs Touren à 14 Kilometer nach Rastatt sowie sechs Touren à 28 Kilometer nach Gaggenau und damit weiterhin insgesamt zwölf Touren im Dreischicht-Betrieb. Aufgeladen wird das Fahrzeug über eine mobile Ladestation zwischen den einzelnen Touren während den Be- und Entladungsvorgängen auf dem Gelände von Logistik Schmitt. Auf den Fahrten nach Rastatt transportiert der eActros Getriebegehäuse, nach Gaggenau befördert er Achskomponenten.

Mercedes-Benz Lkw plant die Übergabe des weiterentwickelten, seriennahen Prototyps des eActros an Logistik Schmitt für Sommer dieses Jahres und kündigt den Start der Serienproduktion im Werk in Wörth noch für dieses Jahr an. Bei Schmitt Logistik sind bislang zwölf von 120 Fahrern auf dem eActros geschult. Dieser sei „absolut zuverlässig und auch unsere Fahrer sind von seinen Vorzügen gegenüber konventionellen Lkw begeistert. Dazu zählen vor allem die leise Fahrweise, das angenehme Fahrgefühl und die durchgängige Verfügbarkeit des Drehmoments bis hin zur Energierückgewinnung dank Rekuperation“, erläutert Rainer Schmitt und kündigt an, den Stamm an Fahrern deutlich erweitert zu wollen.

Letztlich entscheidend sei für das Unternehmen aber die Wirtschaftlichkeit, denn nach wie vor liegen die Anschaffungskosten für einen elektrisch betriebenen Lkw deutlich über denen eines Verbrenners. Diesbezüglich sieht man bei Daimler die Politik in der Pflicht, die dafür entsprechende Rahmenbedingungen schaffen müsse – etwa Steuervorteile oder Mautregelungen. Ohne derlei Kaufanreize werde man über einige Leuchtturmprojekte kaum hinauskommen, glaubt auch Rainer Schmitt.

Vergleich: Daimler siegessicher

Daimler Trucks arbeitet eigenen Angaben zufolge an Zukunftslösungen, die weltweit schnell umsetzbar seien. Dies sehe man bei der Oberleitung nicht, erklärt Dr. Manfred Schuckert. Der Leiter Emissionen und Sicherheit Daimler Nutzfahrzeuge zeigt sich daher zuversichtlich, was den Vergleich zwischen dem eAcros und den Oberleitungs-Lkw im Rahmen des Projekts eWayBW auf der B462 anbelangt: „Unser Fahrzeug wird daraus als Sieger hervorgehen.“ Daimler Trucks habe mit vollelektrischen Lkw (angetrieben per Batterie oder wasserstoffbasierter Brennstoffzelle) ein flexibles Konzept, bei dem die Entwicklung in großen Schritten vorangehe und mit dem die vollständige Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs gelingen könne.

Batterie und Brennstoffzelle im Fokus

Daimler Trucks & Buses hat die Ambition, bis zum Jahr 2039 in Europa, Japan und Nordamerika nur noch Neufahrzeuge anzubieten, die im Fahrbetrieb („tank-to-wheel“) CO2-neutral sind. Das kündigte das Unternehmen bei einem Pressegespräch im Unimog-Museum an. Bereits bis zum Jahr 2022 soll das Fahrzeugportfolio in den Hauptabsatzregionen Europa, USA und Japan Serienfahrzeuge mit batterieelektrischem Antrieb umfassen. In der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts will Daimler Trucks & Buses sein Fahrzeugangebot zusätzlich um Serienfahrzeuge mit wasserstoffbasiertem Brennstoffzellenantrieb ergänzen. Ein CO2-neutraler Transport auf den Straßen bis 2050 sei das ultimative Ziel, betont das Unternehmen.


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