Wird die neue Brücke doppelt so teuer?

Karlsruhe (sj) – Der Streit um den Bau einer zweiten Rheinbrücke zwischen Baden und der Pfalz in Höhe von Karlsruhe ist beendet. Die Kostenschätzung von 2010 wird aber nicht mehr zu halten sein.

Mit einer weiteren Rheinquerung bei Karlsruhe könnte der Verkehrsfluss entzerrt werden. Foto: Leonard Suchanek

© Leonard Suchanek

Mit einer weiteren Rheinquerung bei Karlsruhe könnte der Verkehrsfluss entzerrt werden. Foto: Leonard Suchanek

Der Verwaltungsgerichtshof (VGH) Mannheim konnte Ende Juni einen Vergleich vermitteln, dem vor wenigen Tagen auch der Karlsruher Gemeinderat mehrheitlich zustimmte. Neue Zahlen und BT-Recherchen lassen allerdings den Schluss zu, dass der Brückenbau am Ende doppelt so teuer werden könnte wie ursprünglich veranschlagt.
Die Planung des rund 250 Meter langen Brückenschlags etwa 1400 Meter rheinabwärts der bestehenden Brücke ist komplex. Der noch vor dem Vergleich vom Bauträger verweigerte Radweg entlang der neuen Trasse, der Anschluss an die bestehende B36 und die Verbesserungen beim ÖPNV-Angebot diesseits und jenseits des Rheins müssen alle unter einen Hut gebracht werden. Auch sind zusätzliche Maßnahmen im Naturschutz als Ausgleich für Eingriffe in das Rheinauengebiet vorgesehen.

Bislang wurde das Brückenbauwerk, das von den Behörden in Rheinland-Pfalz geplant und gebaut wird, auf ein Baukostenvolumen von 107 Millionen Euro taxiert. Der in der Planfeststellung vorgesehene Anschluss an die Südtangente/B10 ist mit weiteren 21 Millionen Euro angegeben.

Noch nicht weiter konkretisiert ist die von der Stadt Karlsruhe seit Langem geforderte und im Vergleich festgeschriebene, zirka vier Kilometer lange Anschluss-Tangente an die östlich gelegene B36. Das Regierungspräsidium in Karlsruhe nennt dazu auf Anfrage Kosten von etwa 75 Millionen Euro.

Was die eigentliche Rheinquerung angeht, ist die Kostenangabe von 107 Millionen Euro für das Brückenbauwerk eine Zahl „aus der Entwurfsplanung aus dem Jahr 2010“ – also noch aus der Zeit vor Beginn der Planfeststellung, wie eine Sprecherin des Ministeriums für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau in Rheinland-Pfalz, auf BT-Anfrage bestätigt.

Diese Zahl wird von Karlsruher Vertretern des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) schon länger in Zweifel gezogen. Man müsse „von mindestens 150 Millionen Euro“ ausgehen, sagte VCD-Sprecher Roland Neises in der VGH-Anhörung. Das ergebe sich allein schon aus üblichen Baukostensteigerungen. Die genannte Zahl „entspreche der persönlichen Auffassung des VCD“, entgegnet die Sprecherin des Regierungspräsidiums.

Legt man die derzeit üblichen Baukostensteigerungen von fünf bis sieben Prozent pro Jahr – und das ab dem Jahr 2010 gerechnet – zugrunde, könnte sich laut Experten der Preis für das Brückenbauwerk allerdings auch sehr schnell verdoppeln.

Radschnellweg für etwa 22 Millionen Euro

Auch der Radweg, der beiderseits der vierspurig angelegten neuen Bundesstraße verlaufen soll, ist noch nicht in die Kostenschätzungen einberechnet. Beim Regierungspräsidium geht man von „einem mittleren einstelligen Millionenbetrag“ aus. Beim Mainzer Ministerium will man sich bei den Kosten noch „auf keine konkreten Aussagen“ festlegen. Der Regionalverband in Karlsruhe geht von „etwa 22 Millionen Euro“ aus, für Rampen und Begleitwege für einen gewünschten Radschnellweg über den Fluss.

Vage bleiben auch die Aussagen von 75 Millionen Euro für die zusätzliche Ost-West-Tangente mit Anschluss an die B36, die sich noch im planerischen Anfangsstadium befindet. Konkrete Summen kann derzeit niemand nennen.

Addiert man die Zahlen, kommt man schnell auf die Verdoppelung der einstigen Kostenansätze, inklusive der üblichen Baukostensteigerung.

Auch die Zustimmung des Bundesverkehrsministeriums in Berlin ist noch erforderlich: Es würden derzeit Gespräche zwischen Berlin, Mainz und Stuttgart laufen, bestätigt ein Sprecher von Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Details will er nicht nennen. Minister Hermann habe sich „eindeutig positioniert und begrüßt eine mögliche Beendigung des Gerichtsverfahrens über einen Vergleich“. Das Land Baden-Württemberg strebe zudem Rechtssicherheit an im Planfeststellungsverfahren, „um die weiteren Schritte zur Umsetzung des Projekts ,Zweite Rheinbrücke’ aktiv angehen zu können“.

Diese Zielsetzung gilt offenbar auch dann, wenn das Projekt anstelle von etwa 128 Millionen Euro (laut den beiden Planfeststellungsbeschlüssen von Herbst 2017) am Ende etwa 250 Millionen Euro oder noch mehr kosten könnte.

Ihr Autor

Stefan Jehle

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Erstellt:
27. Juli 2020, 22:00 Uhr
Lesedauer:
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