Wirtschaftskraft des Südwestens ungebrochen hoch

Baden-Baden (tas) – Baden-Württemberg zählt zu den stärksten Regionen in der EU. Ein internationaler Vergleich in unterschiedlichen Bereichen zeigt: Auch der Strukturwandel kann gut gelingen

Ein Mitarbeiter des Heidenheimer Anlagenbauers Voith überprüft Teile einer Wasserkraftturbine. Der Maschinenbau ist eine Kernbranche im Südwesten. Foto: Stefan Puchner/dpa

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Ein Mitarbeiter des Heidenheimer Anlagenbauers Voith überprüft Teile einer Wasserkraftturbine. Der Maschinenbau ist eine Kernbranche im Südwesten. Foto: Stefan Puchner/dpa

Wer kennt sie nicht, die großen Industrienamen im Südwesten: Daimler, Bosch oder ZF Friedrichshafen. Sie beschäftigen weltweit mehrere Hunderttausend Menschen, viele von ihnen in Baden-Württemberg. Doch mit den großen Spielern in der Automobilbranche erklärt sich die Wirtschaftskraft des Landes noch lange nicht.

Viel von dem, was im Südwesten produziert und geleistet wird, stammt von mittelständischen Unternehmen mit jeweils weniger als 250 Beschäftigten. Rund 470.000 von ihnen gibt es laut dem Statistischen Landesamt Baden-Württemberg hierzulande (Stand 2018). Sie stehen für rund 2,3 Millionen Beschäftigte.

Im Krisenjahr 2020 haben die Stuttgarter Statistiker das Thema Wirtschaftskraft des Südwestens einmal genauer unter die Lupe genommen – allerdings mit Daten aus dem Jahr vor der Pandemiewelle. Verglichen wurde das Land nicht nur mit anderen Bundesländern und EU-Regionen, sondern auch mit Wirtschaftsräumen außerhalb des Kontinents.

Spitzenplatz bei der Forschung

Fazit: Baden-Württemberg hat nicht nur im EU-Vergleich den höchsten Industrieanteil an der Bruttowertschöpfung, sondern lässt hier sogar China hinter sich. Und im Forschungsvergleich von 92 Regionen der Europäischen Union belegt der Südwesten den Spitzenplatz.

Im vergangenen Jahr betrug der Wert aller in Baden-Württemberg hergestellten Waren und Dienstleistungen rund 524 Milliarden Euro. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist es damit das drittstärkste Bundesland nach Nordrhein-Westfalen (711 Milliarden Euro) und Bayern (633 Milliarden Euro). Aussagekräftiger ist jedoch die Wirtschaftsleistung pro Kopf. Sie lag im Südwesten bei 47.290 Euro und damit 14 Prozent über dem Bundesdurchschnitt und sogar 52 Prozent über der EU-Marke.

Die starke Ausrichtung auf Maschinen- und Fahrzeugbau sowie die Elektrotechnik sorgt im Südwesten traditionell für ein hohes Gewicht des Verarbeitenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung. Die Quote lag 2019 bei 31,8 Prozent und war damit wesentlich größer als im Bundesdurchschnitt (21,6 Prozent). Auch nirgendwo in Europa hat das produzierende Gewerbe einen höheren Stellenwert. Kein Wunder also, dass die Waren aus dem Südwesten auf der ganzen Welt als Investitionsgüter eingesetzt werden.

Die starke Exportabhängigkeit hat aber auch Schattenseiten. Laut den Berechnungen des Statistischen Landesamtes brachen die Ausfuhren im Zuge der Corona-Pandemie im 1. Halbjahr 2020 um 11,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresniveau ein.

Erst im September hatte eine gemeinsame Studie der BayernLB und des Beratungsinstituts Prognos dem Süden Deutschlands ein „Klumpenrisiko“ aufgrund der starken Exportabhängigkeit bescheinigt. „Wenn man an alten Strukturen festhält, würde ich sagen, ja, man gerät ins Hintertreffen“, warnte Prognos-Ökonom Michael Böhmer, betonte aber auch, dass die bisherige wirtschaftliche Stärke Süddeutschlands ein gutes Potenzial biete, den Strukturwandel zu bewältigen.

Große Kraftanstrengung

Die Voraussetzungen dafür sind laut den Stuttgarter Statistikern auf jeden Fall gut. Denn die Ausgangsbasis für neue und verbesserte Produkte, Dienstleistungen und Produktionsprozesse stecken vor allem im Bereich Forschung und Entwicklung (FuE). Und hier zeigt der Südwesten eine vergleichsweise große Kraftanstrengung: Mit einer FuE-Intensität – Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Verhältnis zum nominalen Bruttoinlandsprodukt – von 5,6 Prozent ist Baden-Württemberg die forschungsaktivste Region in der gesamten EU. Zur Einordnung: Die Region Südösterreich kommt mit einer FuE-Intensität von 4,3 Prozent auf Platz zwei, in der gesamten EU beträgt die Quote lediglich 2,2 Prozent.

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Erstellt:
30. Dezember 2020, 22:00 Uhr
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