Wo Demokratiegeschichte ganz heimatlich wird

Rastatt (sl) – „Demokratie wagen?“: Eine Wanderausstellung des Generallandesarchivs Karlsruhe macht im Rastatter Schloss Station und zeigt, dass Demokratie auch deutsche Traditionen hat.

Großherzog Leopold, ein für seine Zeit liberal denkender Fürst, begrüßt die Besucher im Saal für Sonderausstellungen in der Bundesarchiv-Erinnerungsstätte. Foto: Sebastian Linkenheil

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Großherzog Leopold, ein für seine Zeit liberal denkender Fürst, begrüßt die Besucher im Saal für Sonderausstellungen in der Bundesarchiv-Erinnerungsstätte. Foto: Sebastian Linkenheil

„Man muss nur die Nachrichten einschalten, um zu sehen, wie aktuell die Themen Demokratie und Grundrechte gerade wieder sind“: Historikerin Elisabeth Thalhofer, Leiterin der Erinnerungsstätte im Rastatter Schloss, steht in der neu aufgebauten Ausstellung zur Demokratiegeschichte in Baden seit der ersten Verfassung von 1818 bis zur Weimarer Republik. Auf eine Antwort auf die Frage, warum man sich mit diesen alten Geschichten heute noch befassen sollte, ist sie nicht verlegen.

Ausstellung zum badischen Verfassungsjubiläum

Die Tafelausstellung „Demokratie wagen? Baden 1818 – 1919“ wurde vom Generallandesarchiv Karlsruhe zum badischen Verfassungsjubiläum vor zwei Jahren konzipiert und wandert seither durchs Land. Und das mit Erfolg. Gar nicht so leicht sei es gewesen nach Stationen in Karlsruhe, Freiburg, Heidelberg und Baden-Baden auch noch ein Zeitfenster für Rastatt zu finden. Dabei passt die Schau, die nun bis 1. November bei freiem Eintritt zu sehen ist, zur Idee der Rastatter Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte besonders gut, zeigt sie doch auf, dass die Idee von Demokratie und Grundrechten eine Tradition in Deutschland haben, und den Deutschen nach 1945 von den Westalliierten nicht komplett neu übergestülpt wurden – obwohl die zwölf Jahre Nazibarbarei natürlich einen Tiefpunkt der Fehlentwicklung darstellen. Das verschweigt die Ausstellung nicht. Zuvor zeigt sie aber anhand vieler reproduzierter Dokumente, Abbildungen und Fotos sowie mit einordnenden Texten, welche Wege, manchmal auch Irrwege und Einbahnstraßen die Demokratiegeschichte in Baden gegangen ist. Einem Land, das 1818 vergleichsweise früh eine für ihre Zeit liberale Verfassung erhielt. Man staunt darüber, dass deren Artikel einst badischen Schulkindern als Übungstexte zum Lesenlernen dienten. Von solcher politischen Bildung schon im Grundschulalter könnte man sich heute eine Scheibe abschneiden.

Ansonsten fällt beim Rundgang auf, wie viele Orte der Verfassungsgeschichte einem eigentlich ganz heimatlich vorkommen. Angefangen beim Karlsruher Ständehaus, das einst das erste für ein Parlament errichtete Gebäude Deutschlands war, aber nach dem Zweiten Weltkrieg (leider) nur in angedeuteter Form wiederaufgebaut wurde.

Rastatter Schlosshof als Ort der Renitenz

Der Rastatter Schlosshof ist diesem Schicksal zum Glück entgangen. Dort verweigerten badische Soldaten am 12. Mai 1849 den Gehorsam, nachdem die kurz zuvor publizierten Grundrechte bei ihnen den Geist der Renitenz geweckt hatten. Auch Schloss Favorite können die Ausstellungsbesucher begegnen: Eigentlich ein Sinnbild des Absolutismus, wird es 1919 zum gegenteiligen Symbol, weil die Mitglieder der republikanischen badischen Regierung und des Landtags dort zum Gruppenbild mit Damen posieren. Ja: Zum ersten Mal dürfen auch Frauen ihr demokratisches Königsrecht wahrnehmen, wählen und sich zur Wahl stellen.

Neukonzeption für Dauerausstellung

In der Erinnerungsstätte herrscht derzeit Maskenpflicht. Maximal 30 Besucher dürfen gleichzeitig in den Räumen unterwegs sein. Auch Besuche von Schulklassen sind wieder möglich und es gibt auch schon erste Anmeldungen, so Leiterin Elisabeth Thalhofer. Didaktisches Material für die Demokratieausstellung steht bereit. Wer auf eigene Faust als Einzelbesucher kommt, sollte nicht versäumen, auch hinter die Stellwände zu schauen, denn leider ist der Raum zur Präsentation eigentlich nicht optimal geeignet. Das Platzproblem soll sich mittelfristig entzerren, denn die Erinnerungsstätte plant eine Neukonzeption der Dauerausstellung. Die etwas in die Jahre gekommene Präsentation zur 1848er-Revolution im Erdgeschoss soll revidiert werden, das Obergeschoss, das die Freiheitsbewegungen in der DDR thematisiert, wird frei für künftige, auch eigene, Sonderausstellungen. Diese seien unbedingt nötig, wenn man Besucher anlocken will, ist Elisabeth Thalhofer überzeugt.

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Erstellt:
8. September 2020, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 44sec

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