Wo das Atomzeitalter abgewickelt wird

Karlsruhe/Baden-Baden (tas) – Die Ära der Energiegeschichte endet in tonnenschweren Einzelteilen: EnBW will die abgeschalteten Meiler in einer Generation zurückbauen.

Historischer Moment: Im Mai 2020 fallen die Kühltürme des stillgelegten Atomkraftwerks Philippsburg nach der Sprengung in sich zusammen. Foto: Daniel Maurer/EnBW/dpa

© dpa

Historischer Moment: Im Mai 2020 fallen die Kühltürme des stillgelegten Atomkraftwerks Philippsburg nach der Sprengung in sich zusammen. Foto: Daniel Maurer/EnBW/dpa

Die Sprengung der Kühltürme am Atomkraftwerk Philippsburg im Mai vergangenen Jahres war das sichtbare Symbol einer Zeitenwende. Zehn Jahre nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima, die in Deutschland den Anfang vom Ende der Kernenergie bedeutete, baut der Karlsruher Energieversorger EnBW vier abgeschaltete Meiler im Südwesten zurück.

Der Block II in Neckarwestheim wird bis maximal Ende kommenden Jahres Strom liefern, dann geht auch er für immer vom Netz. Die Rückbau-Genehmigung ist bereits beantragt, der Prozess sei weit fortgeschritten, sagt der Chef der EnBW-Kraftwerksparte, Jörg Michels. Seiner Einschätzung zufolge wird die Demontage der Anlagen, die unter das Atomrecht fallen, bis spätestens Mitte der 2030er-Jahre abgeschlossen sein – eine Aufgabe für eine Generation. Nebengebäude etwa könnten auch später abgerissen werden – je nachdem, welche Verwendungsmöglichkeiten sich für die Standorte anböten. Doch darüber will sich Michels jetzt noch keine Gedanken machen.

Kein Grund zum Trauern


Erfahrungen bei Planung und Demontage haben die Mitarbeiter in den vergangenen Jahren reichlich gesammelt – der Meiler in Obrigheim im Neckar-Odenwald-Kreis wurde bereits vor 15 Jahren stillgelegt, 2008 startete der Rückbau der Anlage noch ruckelig, in den nächsten Jahren wird der Abriss innerhalb des strengen atomrechtlichen Rahmens aber abgeschlossen sein, sagt Michels.

Für ihn ist das alles andere als ein Grund zum Trauern: Wenn er auf die vergangenen Jahre zurückblickt, spricht er von der „spannendsten Zeit in meinem Berufsleben“. Die EnBW hat die Kehrtwende in der deutschen Energiepolitik nach Fukushima zum Anlass genommen, ihr Geschäft umzukrempeln und verstärkt in erneuerbare Energien zu investieren.

Bis 2011 sei es um Modernisierung und Laufzeitverlängerungen gegangen, erinnert sich Michels. Nachdem die Tsunami-Wellen die japanischen Reaktoren am 11. März fluteten, sei klar gewesen: „Das Thema Kernenergie hat sich in Deutschland erledigt.“

Sichtbare Fortschritte beim Abbau der Betonhülle des Sicherheitsbehälters von Block I des Kernkraftwerks Philippsburg: Der Behälter hat früher den Reaktordruckbehälter, also das „Herz“ der Anlage, umgeben. Foto: EnBW

© dpa

Sichtbare Fortschritte beim Abbau der Betonhülle des Sicherheitsbehälters von Block I des Kernkraftwerks Philippsburg: Der Behälter hat früher den Reaktordruckbehälter, also das „Herz“ der Anlage, umgeben. Foto: EnBW

Noch im selben Jahr wurden acht Atomkraftwerke in Deutschland außer Betrieb genommen, darunter Philippsburg I und Neckarwestheim I. Die Laufzeit neun weiterer Anlagen wurde begrenzt, Philippsburg II steht seit Ende 2019 still. Das neue Thema lautet: Rückbau. Ein „hoch spannendes Multiprojekt“, so Michels. „So ein Rückbau ist im Grunde ein kompletter Neubau – nur rückwärts.“

Dafür mussten völlig neue Schritte und Herangehensweisen entwickelt werden. EnBW setzt dabei auf das Know-how von rund 1.500 Mitarbeitern, die nicht der guten alten Zeit nachtrauerten, sondern beim Kurswechsel mit angepackt hätten. Für den Rückbau genutzt wird bewährte Demontagetechnik wie Bandsäge, Bohrer, Plasmaschneider oder Kohlenstoffschwert.

Um sicher zu arbeiten, haben sich die Ingenieure so einige Kniffe ausgedacht: Die Reaktordruckbehälter beispielsweise werden ferngesteuert unter Wasser zerlegt. Der Aufwand ist enorm: 7,5 Milliarden Euro kostet das Mega-Projekt Rückbau den EnBW-Konzern nach den bisherigen Kalkulationen. Das Geld hat der Energieversorger über die Jahre in den Bilanzen zurückgestellt.

Immer wieder neue Aufgaben galt es zu lösen. Die Kollegen hätten Expertise entwickelt, die sie später beim Managen anderer Großprojekte nutzen könnten, so Michels. Der Lerneffekt dabei war deutlich: Während der Rückbau von Obrigheim in vier Schritten genehmigt wurde, gaben Behörden bei Philippsburg II in einem Rutsch grünes Licht. Das war das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik – und die Genehmigung lag sogar schon vor, bevor der Meiler überhaupt abgeschaltet war.

Endstation Schacht Konrad


„Es macht echt Spaß zu sehen, wenn das so klappt“, freut sich Michels. Zur Einordnung: Die Unterlagen für ein solches Verfahren füllen rund 50 Aktenordner, es dauere rund zwei Jahre, um alles Notwendige dafür zusammenzutragen. Dass die über viele Jahre erarbeitete Expertise auch beim Rückbau von Kernkraftwerken anderer Energieversorger zum Einsatz kommen könnte, schließt der EnBW-Manager nicht aus. Der Rückbau von in die Jahre gekommenen Reaktoren könnte vielleicht einmal ein ganz neues Geschäftsmodell für die Karlsruher werden.

Doch nicht nur die EnBW klopft sich angesichts der Fortschritte bei der Beendigung des Atomzeitalters auf die Schulter, auch im von den Grünen geführten baden-württembergischen Umweltministerium ist man mit dem zeitlichen Ablauf der Stilllegung und des Abbaus der Meiler bisher zufrieden. Um die Genehmigungsverfahren bewältigen zu können, sei zusätzliches Personal eingestellt worden. „Neben der Anzahl der Bediensteten spielt deren Kompetenz eine entscheidende Rolle, um insbesondere Probleme, die zu größeren Verzögerungen führen könnten, möglichst frühzeitig zu klären“, erläutert eine Ministeriumssprecherin.

Alle Genehmigungen für den weiteren Abbau seien erteilt. Wichtig sei nun, dass der Abtransport von Abfällen, die zur konventionellen Deponierung freigegeben werden, nicht ins Stocken gerate. Sollten größere Mengen am Kraftwerksstandort gelagert werden müssen, könnte das zu Engpässen führen. Da ein großer Teil der nicht kontaminierten Baumaterialien per Gesetz recycelt werden muss, baut EnBW an den Kraftwerksstandorten selbst Reststoffbearbeitungszentren auf. Hier werden die zerlegten Anlagenteile auf Strahlung untersucht und ganz genau dokumentiert, welche Stoffe in welchen Mengen anfallen. Erst nach der behördlichen Freigabe dürfen sie das Kraftwerksgelände verlassen. In die Bearbeitung komme zwar insgesamt nur ein kleinerer Teil der gesamten Abbaumasse eines Kraftwerks, sagt Michels, „aber auch dieser Teil liegt immerhin im unteren fünfstelligen Tonnen-Bereich“.

Ganz der Energiewende verschrieben

Schwach- bis mittelaktiver Abfall soll nach der Zwischenlagerung in das noch nicht in Betrieb genommene Endlager Schacht Konrad gebracht werden. In diese Kategorie fällt laut EnBW gerade einmal etwa ein Prozent der Gesamtmasse. Und die beträgt je nach Kraftwerk rund 275.000 Tonnen bei Obrigheim und 783.000 Tonnen bei Philippsburg II. Zwischen einem und drei Prozent davon müssen mit spezifischen Freigaben auf Deponien entsorgt werden, mindestens 96 Prozent kann EnBW zufolge in den klassischen Wertstoffkreislauf überführt werden.

Die EnBW sieht sich mit ihrem Vorgehen auf Kurs. Nicht zuletzt, nachdem Frank Mastiaux 2012 an die Konzernspitze rückte, hat sich EnBW ganz der Energiewende verschrieben. Ziel war es, das Portfolio bis 2020 mit einem schrittweisen Rückgang von Kohle und Kernenergie zugunsten erneuerbarer Energien mit einem Anteil von mehr als 40 Prozent der Erzeugung zu verändern, dabei aber den operativen Gewinn des Jahres 2012 in Höhe von 2,4 Milliarden Euro zu erreichen. Ob das geklappt hat, wird sich Ende März zeigen, wenn der Konzern die Jahresbilanz vorlegt. Anders als die Branchenriesen Eon und RWE hat EnBW alle Unternehmensteile unter einem Dach behalten.

Nicht ganz so viel Lob kommt von der Anti-Atom-Organisation „.ausgestrahlt“ mit Sitz in Hamburg: „EnBW trägt ein grünes Image vor sich her, versucht jedoch, seine gefährlichen Atomkraftwerke bis zum allerletzten gesetzlich erlaubten Tag in Betrieb zu halten“, kritisiert deren Sprecher Jochen Stay. Das passe nicht zusammen. „Offenbar ist der Konzern immer noch dazu bereit, große Risiken für die Bevölkerung in Kauf zu nehmen und kommenden Generationen einen wachsenden Atommüll-Berg zu vererben – so lange sich mit den alten Anlagen noch Gewinne erwirtschaften lassen.“

Und diese entstünden auch nur deshalb, „weil sich EnBW – wie die anderen AKW-Betreiber auch – von den Kostenrisiken der Atommüll-Lagerung mit einer Einmalzahlung freigekauft hat“, so Stay. Die Allgemeinheit müsse nun zahlen, wenn es teurer wird als gedacht.

Grabenkämpfe sind Vergangenheit


Der jahrelange Rechtsstreit der vier großen Energiekonzerne mit der Bundesregierung um den vorzeitigen Atomausstieg wurde nun auch noch beigelegt. Beide Seiten veröffentlichten am Freitag eine Erklärung, nach der die Kernkraftwerksbetreiber in Deutschland zusammen 2,43 Milliarden Euro Ausgleich für entgangene Gewinne und umsonst getätigte Investitionen erhalten. Rund 80 Millionen Euro davon gehen an die EnBW. Allerdings, sagt Michels, müssen die Konzerngremien noch zustimmen. Auch eine Gesetzesänderung sei nötig.

Die Öffentlichkeit wollten EnBW und das Ministerium stets an dem Weg aus der Atomkraft beteiligen. Info-Tage zum Rückbau, Vorträge in Gemeinderatssitzungen und Broschüren sind nur einige Beispiele. Gerade Bürger aus den Nachbargemeinden fragten viel nach, was warum gemacht werde, sagt Kernkraftsparten-Chef Michels. „Aber die ideologisch geprägten Grabenkämpfe gehören der Vergangenheit an.“


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.