Wo fänden Bürger im Extremfall Schutz?

Berlin/Karlsruhe (BNN) – Spezielle Atombunker und Luftschutzräume sind in Deutschland nicht mehr vorhanden, sie wurden nach dem Ende des Kalten Krieges aufgegeben. Wo findet man stattdessen Schutz?

Der ehemalige Regierungsbunker bei Bad Neuenahr-Ahrweiler: Im Angriffsfall wäre das unterirdische Tunnelsystem einstmals Fluchtort für die Regierenden gewesen – heute ist nur noch ein Teilstück als Museum übrig. Foto: Thomas Frey/dpa

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Der ehemalige Regierungsbunker bei Bad Neuenahr-Ahrweiler: Im Angriffsfall wäre das unterirdische Tunnelsystem einstmals Fluchtort für die Regierenden gewesen – heute ist nur noch ein Teilstück als Museum übrig. Foto: Thomas Frey/dpa

Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Auflösung des Warschauer Paktes war Deutschland nur noch von Freunden umgeben. Aus Kostengründen wurden die bestehenden Atombunker und Luftschutzräume aufgegeben. Nach dem Einmarsch russischer Truppen ist die Frage wieder aktuell, ob spezielle Schutzräume benötigt werden.

Das Jahrtausendhochwasser im rheinland-pfälzischen Ahrtal im Sommer vergangenen Jahres konnte ihm nichts anhaben. Kein Tropfen Wasser drang in den früheren Regierungsbunker der Bundesrepublik, in dem die Vertreter der Verfassungsorgane und ein Teil ihrer Mitarbeiter im Falle eines Kriegs Schutz gesucht hätten. Denn das atombombensichere Bauwerk liegt nicht im Flusstal, sondern 43 Meter über der Ahr, die mehr als 17 Kilometer langen Stollen reichen tief in die steil aufragenden Berge zwischen Bad Neuenahr-Ahrweiler und Dernau.

Schutzraum Ende der 1990er Jahre stillgelegt

So sicher er auch immer noch sein mag, als Schutzraum für den im Amt bestätigten Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, für Bundeskanzler Olaf Scholz von der SPD, seinen Stellvertreter, Wirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen, den liberalen Finanzminister Christian Lindner und alle anderen Mitglieder der rot-gelb-grünen Ampelkoalition sowie weitere Spitzenrepräsentanten des Staates kommt der Bunker im Ahrtal im Falle eines Falles nicht mehr infrage.

Der einstige „Ausweichsitz der Organe der Bundesrepublik“ mit seinen 897 Büro- und 936 Schlafräumen sowie fünf Großküchen und Kantinen, der in Zeiten der alten Bonner Republik bis zu 3.000 Amtsträger vor einem Dritten Weltkrieg mit Atomwaffen schützen sollte, wurde nach der friedlichen Revolution in der DDR, dem Ende des Kalten Kriegs und der Auflösung des Warschauer Paktes aus Kostengründen Ende der 1990er Jahre stillgelegt.

Vom einstmals geheimsten und teuersten Regierungsbauwerk, das unter großer Verschwiegenheit zwischen 1960 und 1972 errichtet worden war, ist nur noch ein 203 Meter langes Teilstück erhalten, das in ein Museum umgewandelt wurde.

Auch keine Anlage für Regierungsvertreter

Aber auch sein ostdeutsches Pendant, der unterirdische Atombunker der DDR in einem Wald nördlich von Berlin zwischen dem Dorf Prenden und dem Bogensee, steht für die derzeitige Bundesregierung nicht mehr zur Verfügung. Die Anlage, in der rund 400 Personen 14 Tage lang hätten überleben können, wurde ab 1993 zurückgebaut und schließlich geschlossen und versiegelt.

Sollte es zu einem Angriff auf Deutschland kommen, gäbe es keinen Bunker für den Bundespräsidenten, die Bundesregierung, die Bundestagsabgeordneten oder andere wichtige Vertreter des Staates. „Einsatzbereite öffentliche Schutzräume wie zum Beispiel Luftschutzbunker gibt es nicht mehr“, sagt Anthea Paul vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe auf Anfrage unserer Redaktion. „In Folge der Friedensdividende nach 1990 wurde das öffentliche Schutzbaukonzept nicht erneuert und die funktionale Erhaltung der Schutzräume im Jahr 2007 nach einer zwischen Bund und Ländern einvernehmlich getroffenen Entscheidung eingestellt.“ Der Rückbau der Schutzräume habe im Jahr 2008 begonnen.

Kellerräume und Tiefgaragen bieten guten Schutz

Das gilt auch für Nord- und Mittelbaden. „Bunker beziehungsweise Schutzräume gibt es derzeit keine“, sagt Janina Keller, Sprecherin des Landratsamtes Karlsruhe, gegenüber unserer Zeitung. Genauso ist die Lage im Enzkreis, im Landkreis Rastatt und im Ortenaukreis. „Die ehemaligen Schutzräume unterlagen meist einer Mehrfachnutzung, zum Beispiel als Tiefgarage, als sogenannte Zivilschutz- und Mehrfachnutzung“, sagt Benjamin Wedewart, Sprecher des Landkreises Rastatt, auf Anfrage. „Die baulichen Anlagen als solches sind natürlich noch da und bieten auch weiterhin einen gewissen Schutz.“

Auch das für den Zivilschutz zuständige Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe verweist auf die bestehenden Kellerräume oder Tiefgaragen in Wohngebäuden, die generell einen „guten Schutz“ vor fliegenden Objekten als auch vor einer Kontamination mit chemischen oder sogar nuklearen Stoffen bieten würden. Im öffentlichen Raum würden sich U-Bahnhöfe oder andere unterirdische Gebäudeteile anbieten. So könnten die Karlsruher im Falle eines Luftalarms für eine gewisse Zeit Schutz in den neuen U-Strab- und Autotunneln in der Innenstadt finden, außerdem in den Tiefgaragen von Einkaufszentren. Wichtig sei es, sich in einem Raum mit möglichst wenig Wänden, Türen und Fenstern aufzuhalten: „Glasflächen können bei Explosionen durch die Druckwelle zersplittern und Verletzungen verursachen.“

Schuster: Mittel für Zivilschutz erhöhen

Der Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, der frühere Polizist und langjährige CDU-Innenexperte Armin Schuster aus dem südbadischen Lörrach, drängt angesichts der aktuellen Entwicklung auf eine Erhöhung der Mittel für den Zivilschutz. Die im aktuellen Haushaltsplan vorgesehene Erhöhung um zehn Millionen Euro reiche nicht aus, beantragt habe man das 13-fache, nämlich 135 Millionen Euro.

Dies sei nötig, um nationale Reserven herzustellen, die Versorgung mit Trinkwasser sicherzustellen, Sirenen und andere Warnmittel aufzustellen sowie den Schutz vor chemischen, biologischen, radiologischen und nuklearen Gefahren zu verbessern. Wie die Sprecherin des Bundesamtes gegenüber unserer Zeitung sagte, gehe es in diesem Kontext auch darum, das seit 2007 laufende Rückbaukonzept für Schutzräume und eine gegebenenfalls erforderliche Neuaufstellung zu prüfen. „Als ersten Schritt wird der Bund gemeinsam mit den Ländern zeitnah eine vollständige Bestandsaufnahme der vorhandenen Schutzräume von Bund und Ländern vornehmen.“ Das begrüßen auch Landkreise in der Region. „Wir stehen der Einrichtung von Schutzräumen für die Bevölkerung grundsätzlich offen gegenüber“, sagt die Sprecherin des Enzkreises, Stefanie Frey. Allerdings sei dies in Deutschland „eine Aufgabe des Bundes“.

Fordert erhebliche Investitionen: Armin Schuster, Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

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Fordert erhebliche Investitionen: Armin Schuster, Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa


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