Wo jetzt (schon wieder) „Blutregen“ droht

Karlsruhe (BNN) – Forscher Ali Hoshyaripour kann Saharastaub-Ereignisse vorhersagen. Er erklärt, wo wieder „Blutregen“ droht – und warum falsche Prognosen die Energiewirtschaft Millionen kosten.

Nicht schon wieder: Eine neue Wolke braunroten Staubes weht heran und wird sich nicht nur auf Autos wiederfinden. Foto: Marijan Murat/dpa

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Nicht schon wieder: Eine neue Wolke braunroten Staubes weht heran und wird sich nicht nur auf Autos wiederfinden. Foto: Marijan Murat/dpa

Der Wissenschaftler, der den letzten „Blutregen“ vorhersagte, hatte als Privatmann gar nichts davon. „An dem Tag hatte ich mein Auto dummerweise vor dem Campus-Nord geparkt“, sagt Ali Hoshyaripour. Er forscht am Institut für Meteorologie und Klimaforschung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Sein Spezialthema: Der atmosphärische Lebenszyklus von natürlichen Aerosolen, zu denen neben Vulkanasche und Blütenpollen auch der schon wieder präsente Sand aus der Sahara zählt.
Erst vor zwei Wochen hatte der Wüstenstaub in Karlsruhe und der Region für bizarre Lichtstimmungen und in Form von „Blutregen“ für schmutzige Oberflächen gesorgt. In den Autowaschanlagen der Region herrschte Hochbetrieb. Inzwischen ist der braunrote Staub noch nicht von jedem Auto und Gartentisch verschwunden, da weht schon die nächste Wolke aus dem Süden heran.

Spezialist für natürliche Aerosole: Ali Hoshyaripour. Foto: KIT

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Spezialist für natürliche Aerosole: Ali Hoshyaripour. Foto: KIT

„Das aktuelle Ereignis ist nach unseren Berechnungen diesmal nicht so ausgeprägt wie vor zwei Wochen. Ich rate dennoch dazu, dass Auto in der Garage zu lassen“, sagt Hoshyaripour. Mit der höchsten Staubkonzentration im Südwesten ist dem Staub-Forscher zufolge bis zum Mittwochmorgen zu rechnen. „Da es voraussichtlich viel Regen gibt, wird der Staub diesmal ziemlich schnell ausgewaschen. Am Mittwochnachmittag wird es dann deutlich weniger.“

Dass es in kurzer Zeit zu einem zweiten Sahara-Ereignisse kommt, sei nicht sehr ungewöhnlich, bedeutet der KIT-Forscher. „Eigentlich war der Staub gar nicht weg. In den letzten zwei Wochen hatten wir in der Region Karlsruhe immer Saharastaub in der Atmosphäre.“ Südwestdeutschland sei wegen der natürlichen Luftströmungen überproportional betroffen, im Durchschnitt seien es 50 Tage im Jahr.

Für Energiewirtschaft geht es um Millionen

Hoshyaripour rät, dass man an Tagen mit hoher Staubbelastung auf stark anstrengenden Sport im Freien verzichten sollte. „Gerade bei älteren Menschen oder Kindern könnte es zu Kreislaufproblemen kommen. Grundsätzlich gefährlich sei der „aiolische Staub“ – benannt nach Aiolos, dem griechischen Gott des Windes – nicht. Für die Natur hat der mineralreiche Staub sogar positive Effekte. „Nachgewiesen ist das im Amazonas-Gebiet, wo der Saharasand wie natürlicher Dünger wirkt.“

Für die deutsche Energiewirtschaft bedeuten Staub-Ereignisse Stress. Hoshyaripour erklärt: „Der Staub trübt nicht nur physikalisch die Atmosphäre ein, er verstärkt auch die Wolkenbildung. Wird das in Wettervorhersagen nicht eingerechnet, wird es für Netzbetreiber zum Problem.“ Denn die Energiewirtschaft orientiert sich beim Handel mit Solarstrom an der Wettervorhersage. „Teilweise werden bis zu 30 Prozent weniger Solarstrom produziert als vorhergesagt. Für die Branche geht es da um mehrere Millionen Euro.“

Das Projekt „Thermastrom“, das Hoshyaripour mit einem Forscherteam betreut, soll Vorhersagen verlässlicher machen. Dabei spielt das Icon-Art-Modellsystem eine wichtige Rolle. Icon ist ein führendes globales Wetter- und Klimamodell, das mit Daten zur Aerosol-Dynamik ergänzt wird. Dabei arbeiten die KIT-Forscher um Hoshyaripour eng mit dem Deutschen Wetterdienst zusammen, der Icon-Art auch für Vorhersagen von Pollen verwendet.

Der 40-jährige Umweltingenieur kam über das Thema Luftverschmutzung zu seinem Spezialgebiet. „In meiner Heimatstadt im Iran war das ein großes Thema, deshalb habe ich ein entsprechendes Studium gewählt.“ Nach Forschungen am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und einer Doktorarbeit über Vulkanasche kam er 2017 ans KIT. Hoshyaripour sagt nicht ohne Stolz: „Wir in Karlsruhe gehören mit bei der Aerosol-Vorhersage zu den führenden Experten der Welt.“

Auf den aktuellen Blutregen ist der Staub-Forscher diesmal übrigens vorbereitet. Er sagt: „Ich habe mein Auto die letzten beiden Wochen einfach nicht gewaschen.“

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Daniel Streib

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Erstellt:
29. März 2022, 17:12 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 54sec

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