Wo noch manches Geheimnis der Rastatter Geschichte schlummert

Rastatt (sl) – Die Historische Bibliothek Rastatt gehört zu den Bedeutendsten ihrer Art. Wissenschaftler wie die Kunsthistorikerin Sigrid Gensichen forschen dort.

Kunsthistorikerin Sigrid Gensichen forscht über die Rastatter Schlosskirche und ihre Auftraggeberin Markgräfin Sibylla Augusta. Dabei wird sie gerade auch in der Historischen Bibliothek Rastatt fündig. Foto: privat

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Kunsthistorikerin Sigrid Gensichen forscht über die Rastatter Schlosskirche und ihre Auftraggeberin Markgräfin Sibylla Augusta. Dabei wird sie gerade auch in der Historischen Bibliothek Rastatt fündig. Foto: privat

Nach dem plötzlichen Tod der wissenschaftlichen Bibliothekarin Heike Endermann soll die Historische Bibliothek im Ludwig-Wilhelm-Gymnasium nicht lange ein Waisenkind bleiben. Ihre Stelle soll schnellstmöglich wiederbesetzt werden, teilt die städtische Pressestelle auf BT-Nachfrage mit. Die entsprechende Stellenausschreibung werde derzeit vorbereitet. Die Bedeutung der Büchersammlung wird von Fachleuten immer wieder hervorgehoben. Eine von ihnen ist Sigrid Gensichen. BT-Redakteur Sebastian Linkenheil hat der Kunsthistorikerin aus Anlass des Tags des Buches einige Fragen gestellt.

BT: Frau Gensichen, als Kunsthistorikerin forschen Sie zu einem Rastatter Thema. Worum geht es?
Sigrid Gensichen: Von 1994 bis 1996 habe ich im Auftrag von Vermögen und Bau Baden-Württemberg, der Liegenschaftsverwaltung des Landes, eine umfangreiche quellengeschichtliche Untersuchung zur Schlosskirche in Rastatt angefertigt. Sie wurde in Auftrag gegeben, um die Sanierung der Kirche zu unterstützen, die 2017 abgeschlossen werden konnte und außerordentlich gut gelungen ist. Daraus entwickelte sich später ein Dissertationsprojekt, an dem ich nach wie vor arbeite.

BT: Die Historische Bibliothek im traditionsreichen Rastatter Ludwig-Wilhelm-Gymnasium ist für Sie eine wichtige Quelle. Warum?
Gensichen: Die Historische Bibliothek ist schon durch ihre spezielle Entstehungsgeschichte als Schulbibliothek der Piaristen aufs engste mit der Auftraggeberin der Schlosskirche verbunden, denn die Markgräfin Franziska Sibylla Augusta war es ja, die die Patres nach Rastatt holte. Für meine Studien sind zwei Werke dort unverzichtbar: die Lebensgeschichte des Jesuiten-Heiligen Franz Xaver, in der das Altarbild des Franz-Xaver-Altars der Schlosskirche abgebildet ist, und vor allem die „Memorabilia“, eine handschriftliche Chronik der Piaristen von 1715 bis 1719, in der die religiöse Geschichte des Hofes und auch der Kirche lebendig wird.

BT: Glauben Sie, dass in der Bibliothek noch Geheimnisse schlummern? Können Sie ein Beispiel nennen?
Gensichen: Ja – und die Aufdeckung eines solchen verdanken wir Frau Endermann, die leider kürzlich verstorben ist und der ich dieses Interview gerne widmen möchte. Wir hatten über viele Jahre freundschaftlichen Kontakt, oft hat sie mit ihrer Kompetenz geholfen bei bibliografischen Fragen und mir zum Beispiel 2016 eine Liste von Werken zusammengestellt, die für meine Arbeit von Interesse sein könnten. Auf meine Nachfrage schaute sie in eines dieser Bücher hinein, eine Lebensbeschreibung des Heiligen Landelin, an dessen Quelle beim Eingang des Münsters Ettenheim zahlreiche Wunder geschehen sein sollen. Der dortige Anhang berichtete, dass das heilige Wasser 1711 auch der Markgräfin geholfen hat.

BT: Das klingt spannend, was steht in dem Anhang?
Gensichen: Die Markgräfin war „mit einer langwührigen und sehr gefährlichen Kranckheit heimgesucht“, bei der sie 14 Wochen lang weder stehen noch gehen konnte, ohne dass zwei Helfer sie stützten. Ihr Leibarzt Dr. Göckel riet ihr zu Luftveränderung in Schloss Mahlberg bei Ettenheim und „nach dem 5.ten Baad“ konnte sie wieder anfangen allein zu gehen und war schließlich ganz wiederhergestellt. Eine Zusammenfassung Göckels selbst vom 5. Oktober 1711 ergänzt, dass er sich kundig gemacht und das Wasser vorgekostet hatte. Er berichtet, dass diese Kur ungemeine Wirkung auf die Nerven habe und rät ihr zur Benutzung des Bades gegen ihre leichte Lähmung der rechten Seite. Die „von ihrer Durchlaucht immerzu geklagten Glieder“ erholten sich von Tag zu Tag; sie konnte bald wieder alleine gehen und hat „in allenstücken sich wohl befunden“. Ende Juli 1711 berichtet die Markgräfin dem Abt des Klosters Einsiedeln von diesem Bad und dass ihr „rechter, gefährlich erkrankter Arm […] auf Anrufung der allerseligsten Jungfrau Maria und infolge eines Versprechens wieder geheilt“ sei. Als Dank übersandte sie einen ganzen Arm aus Silber. Wie diese Erkrankung in die komplexe Krankheitsgeschichte der Markgräfin einzuordnen ist, bleibt weiteren Studien vorbehalten.

Eine Ausschnitt aus dem Buch über St. Landelin, in dem sich auch ein Bericht über Sibylla Augustas Badekur in Ettenheim befindet. Foto: privat

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Eine Ausschnitt aus dem Buch über St. Landelin, in dem sich auch ein Bericht über Sibylla Augustas Badekur in Ettenheim befindet. Foto: privat

BT: Wie würden Sie die Bedeutung der Historischen Bibliothek Rastatt in der Bibliothekslandschaft einordnen?
Gensichen: Die Historische Bibliothek ist nach der des Suso-Gymnasiums in Konstanz die zweitwichtigste der 19 Gymnasialbibliotheken in Baden-Württemberg. Sie ist ein Hort bedeutender handschriftlicher und gedruckter Werke, so stehen dort immerhin 160 frühe Drucke aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, das heißt, direkt nach Gutenbergs Erfindung, sogenannte Inkunabeln, die sehr selten sind. Sie beherbergt zahlreiche weitere seltene Drucke, theologische, staatswissenschaftliche und auch zahlreiche Reiseberichte. Die Bibliothek ist deshalb sehr zu Recht – wie das Haus, das sie beherbergt – ein eingetragenes Denkmal.
BT: Und welche Bedeutung kann man der Historischen Bibliothek im LWG Ihrer Meinung nach für Rastatt selbst beimessen?

Gensichen: Ihr vielfältiger Bestand setzt sich im Wesentlichen zusammen aus der Bibliothek des ehemaligen Piaristen-Gymnasiums in Rastatt und derjenigen des Lyzeums in Baden-Baden, dem Nachfolger des dortigen Jesuitenkollegs. Ihr Bestand wurde also von Geistlichen der Markgrafschaft Baden-Baden zusammengetragen. Er ist daher ganz eng mit historischen Lebensbereichen der Stadt, vor allem dem Aufbau des markgräflichen Bildungssystems verbunden, die man hier studieren kann,

Und last not least: Es ist doch wunderbar, dass diese Bibliothek mit ihren Sälen im Rastatter Ludwig-Wilhelm-Gymnasium im Wortsinn den historischen Unterbau, die Basis abgibt für die traditionsreiche Schule darüber und die jungen Menschen, die dort lernen.


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