Wörth verteidigt Giga-Gewerbegebiet

Karlsruhe/Wörth (vn) – Aufholbedarf sieht die Stadt Wörth in Sachen Gewerbeansiedlungen. Zusammen mit Kandel soll bis 2040 ein großes Gebiet erschlossen werden. In Karlsruhe wird die Kritik lauter.

Montagearbeiten im Mercedes-Benz-Werk: Die Stadt Wörth will sich mit neuen Gewerbeflächen für die Zukunft wappnen. Uwe Anspach/dpa

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Montagearbeiten im Mercedes-Benz-Werk: Die Stadt Wörth will sich mit neuen Gewerbeflächen für die Zukunft wappnen. Uwe Anspach/dpa

Der Bürgermeister von Wörth, Dennis Nitsche (SPD), hat Kritik an einem interkommunalen Giga-Gewerbegebiet zurückgewiesen, das in den nächsten 20 Jahren auf mehr als 150 Hektar Fläche zwischen Wörth und Kandel entstehen könnte.

Die Nachfrage nach Gewerbeflächen sei „gewaltig“. Das Projekt biete Potenzial auch für die badische Seite. Da allerdings aus Karlsruhe die bislang lauteste Kritik kommt, verwahrt sich Nitsche gegen eine Einmischung: „Wir sind nicht nur das Bullerbü fürs gestresste Baden“, wird der Kommunalpolitiker in den Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) zitiert.

Die Replik des Regionalverbands Mittlerer Oberrhein folgt postwendend: „Der Lasse, der Bosse, der Ole und die Inga würden sicher nicht an Bullerbü denken, wenn sie Wörth vor Augen hätten“, sagt der offenbar mit Astrid Lindgrens Kinderbuchreihe bestens vertraute Verbandsdirektor Gerd Hager dem Badischen Tagblatt mit Blick auf die von der Industrie geprägte Stadtstruktur.

Unzureichende Kommunikation

Laut Regionalverband sind in einer ersten Ausbaustufe bis 2030 in dem Gebiet 52 Hektar an gewerblichen Bauflächen vorgesehen, „wobei 32 Hektar auf Wörth und rund 20 Hektar auf die Verbandsgemeinde Kandel entfallen“. In den BNN ist die Rede von 30 Hektar bei Wörth und zehn bei Kandel. Allein diese Diskrepanz zeigt, wie unzureichend die Kommunikation zwischen pfälzischer und badischer Seite bei diesem Thema ist.

„Im Endausbau“ könnten bis etwa 2040 zwischen 150 und 180 Hektar Fläche erschlossen werden, wobei sich die Schwerpunkte zum einen am Wörther Kreuz zwischen Maximiliansau und Hagenbach befinden und zum anderen nördlich von Kandel, in beiden Fällen jedenfalls nahe zur Autobahn 65.

Der Sozialdemokrat Nitsche argumentiert mit dem Transformationsprozess in der Automobilbranche, um den Handlungsbedarf zu unterstreichen. Niemand wisse, wie es in zehn Jahren im Lkw-Montagewerk von Mercedes-Benz aussehe. „Wir können uns darauf nicht verlassen.“ Wörth habe sich in den vergangenen Jahrzehnten gewerblich kaum entwickelt und einiges aufzuholen.

Möglichst wenig versiegelte Fläche

Nitsche, der seit fünf Jahren Bürgermeister in Wörth ist, will hochwertiges Gewerbe anlocken, das Arbeitsplätze bringt: Technologie und Produktion, keine Lagerhallen für Speditionen. Zudem würden für das Projekt ökologische und soziale Kriterien mit hohen Ansprüchen festgelegt: Möglichst wenig versiegelte Flächen, begrünte Dächer, zentrale Parkhäuser statt Parkplätze und Grünflächen, die als „Ökokorridor“ Richtung Altrhein und Bienwald sowie für ökologische Landwirtschaft genutzt werden können. Durch die Gewerbenutzung werde die Fläche „ökologischer wertvoller als zuvor“.

Hager hält das für „dreistes Greenwashing“. „Wir sind für eine vernünftige Bedarfsdeckung immer offen, aber nicht in dieser Größenordnung und vor allem nicht ohne jede Einbindung. Kein Mensch aus der Nachbarregion hat bisher mit uns gesprochen. Wenn man unsere Bedarfe abgreifen will, muss man auch mit uns reden“, so Hager mit Blick auf die Auswirkungen des Vorhabens auf die badische Seite.

Auch der Verband Region Rhein-Neckar, zu dem Wörth gehört, moniert die Abweichung vom Entwicklungsplan des Verbandes. Notwendig wäre ein Zielabweichungsverfahren, für das wiederum die Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd in Neustadt an der Weinstraße zuständig ist.

Nitsches Vergleich seiner Stadt mit Bullerbü ist übrigens gewagt: Der schwedische Ortsname, im Original Bullerbyn, bedeutet wörtlich „Lärmdorf“.

Ihr Autor

BT-Redakteur Volker Neuwald

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Erstellt:
16. Juni 2021, 18:00 Uhr
Aktualisiert:
16. Juni 2021, 19:36 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 33sec

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