Wohntraining soll Sicherheit geben

Rastatt (as) – „Maike startet durch“: In der BT-Serie über eine 26-Jährige mit kognitiver Entwicklungsstörung geht es diesmal um das ambulante Wohntraining der Lebenshilfe.

Karin Black (links) erklärt Sven und Maike im Waschkeller auch, wie die Geräte zu pflegen und kleine Fehler zu beheben sind. Foto: Anja Groß

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Karin Black (links) erklärt Sven und Maike im Waschkeller auch, wie die Geräte zu pflegen und kleine Fehler zu beheben sind. Foto: Anja Groß

„Wäschepflege“ hat Anja Sander in großen Lettern aufs Flipchart geschrieben. Alle zwei Wochen trifft sich die Gruppe von Maike Flackus beim Ambulanten Wohntraining im Lebenshilfe-Appartementhaus in Ötigheim, ihrem neuen Zuhause. Für Maike ein wichtiger Termin, denn nach Hilfe beim Wäschewaschen hatte sie ihre Bezugsbegleiterin schon beim Einzug gefragt.

Zuerst wird gemeinsam gekocht

Maike putzt im Gemeinschaftsraum gerade noch die Spüle fertig, denn zuvor hat die Gruppe gemeinsam gekocht. Auch das gehört zum Konzept des begleiteten Wohnens der Lebenshilfe. Immer zwei aus der Gruppe sind im Wechsel an der Reihe. Schulungsleiterin Anja Sander kauft ein und bereitet die Rezepte in leichter Sprache (und mit Bildern) vor. Schließlich sollen die Teilnehmer, von denen zwei weitere wie Maike nicht lesen und schreiben können, auch das für ihr möglichst eigenständiges Leben lernen.

Die Kosten für Wohn- und Kochtraining und die Bezugsbegleitung trägt zu 90 Prozent die sogenannte Eingliederungshilfe, erläutert Jonas Koch von der Wohnleitung. Grundlage dafür ist das Bundesteilhabegesetz, das zum Ziel hat, die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen im Sinne von mehr Teilhabe und mehr Selbstbestimmung zu verbessern. Entscheidungsträger ist das Landratsamt. Alle zwei Jahre gibt es neue Zielvereinbarungen, je nach Bedarf reicht das von Mobilitätstraining für Rollstuhlfahrer bis zum Wohntraining beispielsweise. Alles muss dokumentiert werden, zeigt Koch einen großen Verwaltungsaufwand auf.

Wäschepflege ist nur ein Thema von vielen

Neben Themen wie Einkaufen oder Mülltrennung stehen auch der Umgang mit Krisen und Notfällen, Freizeitgestaltung, Gestaltung sozialer Beziehungen oder persönliche Hygiene im Jahresplan für das Ambulante Wohntraining, verdeutlicht Anja Sander. Diesmal geht es also um die Wäsche. Karin Black, hauswirtschaftliche Fachkraft, packt dazu ihre Tasche mit T-Shirts, Blusen, Geschirrhandtüchern, Wollmützen und einigem mehr aus und will wissen, was man als erstes machen muss.

„Wäsche sortieren“, antwortet Maike, doch ihr Nachbar Sven widerspricht: „Ich wasche alles zusammen, Express 20“, verrät er sein „Universalprogramm“. Das Sortieren sei lästig, erfährt Black auf Nachfrage von dem jungen Mann, obwohl „man vorsichtig sein muss wegen der Farbe“. „Und man muss auch nach Temperatur sortieren“, wirft Maikes WG-Kollegin ein. „Das macht Marcel“, ist von Sven zu erfahren, dass offenbar sein Mitbewohner für die Wäsche zuständig ist.

Karin Black lässt sich nicht beirren. „Alles, was man direkt am Körper trägt, wäscht man bei 60 Grad, alles andere bei 40 Grad“, gibt sie der Trainingsgruppe als Faustregel mit und spricht über Bakterien und Hygiene, Weichspüler, auf links gedrehte Wäsche und zugezogene Reißverschlüsse oder aufgekrempelte Hosenbeine. „Und die Taschen vorher leer machen!“, ist Sven dann doch nicht ganz ahnungslos.

Schulungsunterlagen zum Nachschauen

Das Einstellen des Waschprogramms wird in eine Tabelle eingetragen. Denn auch das gehört zum Ambulanten Wohntraining: Schulungsunterlagen mit Symbolen und Piktogrammen, in denen die Teilnehmer alles noch einmal nachschauen können. Es geht um Waschmittel und dessen Dosierung, die Befüllung der Maschine und die Wahl des Schleuderprogramms, aber auch um den Wäschetrockner, das Benutzen eines Wäschenetzes für Socken oder Fleckenbehandlung. Auch das Zusammenlegen der Wäsche erklärt Black, damit nicht jedes Mal Unordnung im Schrank herrscht, wenn man ein T-Shirt aus dem Stapel herauszieht. Zum Schluss geht die Gruppe in den Waschkeller und Karin Black zeigt noch, wie Waschmaschine und Trockner sauber gehalten werden.

Ganz schön viele Infos, die die jungen Menschen in eineinhalb Stunden aufnehmen sollen. Doch zum Schluss ist auch Sven überzeugt, dass sein Lieblingsprogramm Express 20 nicht immer die richtige Wahl sein dürfte. Und seinen Mitbewohner Marcel braucht er nun auch nicht mehr zum Wäschewaschen. „Das ist doch ein Fortschritt“, meint Karin Black zufrieden.

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Ihr Autor

BT-Redakteurin Anja Groß

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Erstellt:
9. Juli 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 51sec

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